Liebesgeschichten

Die Liebe von Rosa und Georg: Das Geheimnis einer langen Ehe

| Lesedauer: 14 Minuten
Jörg Thadeusz
Liebe ist überall: Dieses Motiv fand unser Fotograf in Westend.

Liebe ist überall: Dieses Motiv fand unser Fotograf in Westend.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Rita lernte Georg während des Studiums kennen und sind seit 46 Jahren verheiratet – es gab auch mal mehr als zur zwei Partner.

Sie trägt eine Rüstung aus Wolle.

Ein so schönes Rosa, dass bei mir die Frage aufkommt, ob nicht vor allem Rosa dem Auge gut tut. Ihr Schal passt Ton in Ton zum Rollkragenpullover. Wenn Rita dieses Ensemble in zehn Jahren in die Altkleidersammlung gibt, wird sich die Finderin freuen. Denn es wird sich immer noch erstklassig anfühlen.

Sie ist 69 Jahre alt und wirft als Persönlichkeit die Frage auf, ob wir manche aktuelle „Debatte“ nicht vielleicht doch in einem lebensfremden Abseits führen. Beispiel „Genderdebatte“. Ohnehin schon ein Bastard aus einem englischen und einem deutschen Begriff. Es geht meistens um die korrekte Endung am Ende eines Wortes und darum, warum Frauen nicht bezahlt werden, was sie verdienen.

Würde ich in einer Runde von Frauen, die sich als feministische Aktivistinnen verstehen, von Ritas ,Damenhaftigkeit‘ sprechen, könnte ich genauso gut an Sekundenkleber lecken und hoffen, es würde etwas Lustiges passieren.

Der Vater genoss sein Leben in vollen Zügen

Dabei ist es dieses „Dame sein“, was mich an eine Ritterin denken lässt. Wir reden drei Stunden miteinander, und ich habe in der Aufnahme unseres Gesprächs keine einzige Beschwerde gefunden. Keine Klage, keine Befindlichkeit, kein „das hat mich sehr mitgenommen“. Würde der belgische König zu einer hochoffiziellen Pralinenvernaschung bei Hofe einladen, Rita wäre die richtige Begleitung. Die richtige Garderobe, die richtige Frisur, das Wissen, wann mit der Schokolade Schluss sein muss und wie laut das Lachen höchstens sein sollte. Kein Problem. Was sich nicht so leicht erahnen lässt, wenn diese schlanke, agile und freundlich lächelnde Frau aufscheint: Eine Kellerparty, in der ein unterarmgroßer Joint kreist, würde sie auch nicht aus dem Konzept bringen.

Keller spielen jedenfalls in Ritas erotischer Entwicklung eine wichtige Rolle. Daran denkt sie erst einmal überhaupt nicht, als sie als kleines Mädchen überhaupt kein richtiges Mädchen ist. Viel zu viel draußen, viel zu burschikos. Sie wächst in Ahrensburg auf. Eine hübsche Kleinstadt, die aber nur jemand kennt, der in der Nähe von Hamburg ruhig und grün wohnen möchte. Rita ist dort mit den Settern Whisky und Cognac unterwegs. Ihr Vater hat die beiden Hunde nach wichtigen Koordinaten in seinem Leben getauft. Er ist als Auswanderer mit Fell und Häuten in Argentinien zu Wohlstand kommen. Lässt es, wenn er in der Hamburger Heimat ist, in jeder Richtung krachen. Viel essen, viel trinken, viel rauchen, viele Liebschaften. Mit 53 endet seine Party für immer. Rita ist eine fünfjährige Halbwaise. Damit ließe sich heute in irgendeinem gefühligen Podcast sofort ein Trauma-Punkt machen. Zumal der nächste Mann der Mutter, den Rita sehr gerne mochte, auch viel zu früh stirbt. Macht sie aber nicht. Souvenir aus ihrer Kindheit und Jugend ist der hamburgische Akzent. Also eine Art Anti-Spanisch. Mit beinahe spitzem Mund, leise und ohne Gezappel gesprochen. Die eigene Aussage wird oft mit einem „nech“ bestätigt.

Die Mutter hatte schlimme Befürchtungen

Tennis, Tanz, Akkordeon, hübsche Kleider, Abitur. Ihr Leben nimmt bürgerlich Fahrt auf. Außer den zwei Toten, Vater und Stiefvater, gibt es kaum Schlaglöcher. Beide Männer hinterlassen genug Geld, damit die Mutter und Ritas Geschwister keine materiellen Sorgen aushalten müssen.

Allerdings sieht die Mutter nur noch den Abgrund, als Tochter Rita ihren Plan für die Zeit nach dem Abitur bekannt gibt. „Alles, nur nicht nach Berlin“, ordnet die Mutter an. Sie wähnt dort Unruhen und Unmoral. Sodom und Gomorrha in der Rudi-Dutschke-Version. Dann lieber Argentinien. Dort hat Rita durch ihren Vater noch Verwandte. Es wird ein aufregendes halbes Jahr. Aber in Gedanken ist sie in einem Ahrensburger Keller. Oder schon in Berlin. Hier, wie dort, mit Richard.

Der ist, wie sie sagt, „ein Vetter zweiten Grades“. Gebildet, charmant, gut aussehend und ihr erster Mann. Er ist sieben Jahre älter, wohnt aber noch bei seiner Mutter im Souterrain. Die Briefe aus Argentinien schickt Rita ihm aber schon nach Berlin. Als sie zurückkehrt, hat die Mutter keine Argumente mehr. Wer sich in einem anderen Teil der Welt zurechtfindet, kommt sicher auch in einer eingemauerten deutschen Stadt klar.

Rita studiert Jura. Medizin wäre ihr lieber. Traut sie sich aber nicht zu. Es folgt aber eine Operation am offenen Herzen. Denn Richard hat eine andere. Die tollen Momente im Keller, die Fahrten mit dem Minicooper von Hamburg nach Berlin, die ganze Sehnsucht. Alles futsch. Auch wenn gleichzeitig die Kommunarden in ihren Schmuddel-WGs die Toilettentüren aushängen, gibt es 1971 auch immer noch Einrichtungen wie das Auguste-Amalia-Heim. Nur für Studentinnen. Ihr Mutter hat sie dort untergebracht. Wo sonst? Sollte Rita Herrenbesuch empfangen, muss sich der Mann beim Pförtner eintragen. Ganz wichtig: vor 22 Uhr wieder austragen und abhauen.

Georg war unter den Gästen

Sie hat einen „Kümmerer“, wie sie das nennt. Er streicht ihr Zimmer. Begleitet sie zu Tanztees. Findet sie begehrenswert, auch wenn sie bei diesen Veranstaltungen im Kempinski einen Rock trägt, den ihre Mutter für sie gehäkelt hat. Rita mag den Mann. Mehr nicht. Er lebt damit und kümmert sich, ohne es zu ahnen, um das gesamte weitere Leben von Rita. Denn er feiert im Juni 1971 seinen Geburtstag mit einem Abendessen für insgesamt zwölf Leute. Unter den Eingeladenen: Georg. Studiert Wirtschaft. Wird später im Leben eine eindrucksvolle Karriere als Berater machen. Damals verteilt er noch Mao-Bibeln. In denen Sätze stehen wie „Der Kommunismus ist nicht Liebe, sondern der Hammer, mit dem wir Feinde zerschlagen“. Für den Sohn eines Chefarzts aus Lichterfelde-West eine stramme Kampfansage. Wie bei vielen 68ern aber eben nur die Flusen im Kopf, die die sich später im Leben aus dem Kopf kämmen mussten, ehe sie Bundesaußenminister oder irgendwo Vorstandschef wurden.

Georg ist mit seiner Freundin bei diesem Abendessen. Die beachtet er allerdings nicht mehr, seit Rita angekommen ist. Als irgendeiner in der Runde nach Mitternacht vorschlägt, sie sollten doch im Grunewaldsee nachtbaden gehen, ist er sofort dabei. Georg gefällt Rita. Damit hat es sich aber auch erst einmal. Wäre ja noch schöner, wenn sie sich von einem anderen Studenten einfach so aus den Pumps hauen lassen würde. Zumal in ihren Gedanken immer noch Richard rumschleicht. Georg findet heraus, wohin sie aus dem Mädchenheim gezogen ist. Ein sehr modernes Studentenwohnheim, alles kleine Apartments. Das wollte er sich schon immer mal angucken, lügt er, als er überraschend bei ihr auftaucht. Sie muss los und ihn erst einmal stehen lassen. Aber sie gehen dann bald miteinander essen. Günstig essen, denn sie werden später wohlhabend sein. Damals sind sie es noch nicht.

Es gab nicht nur Hippies damals

Irgendwann ist es dann wieder ein Keller. Auch wieder im Haus der Eltern. Georg hat als Ältester die Einliegerwohnung für sich allein. In den oberen Etagen verteilen sich seine Brüder auf die anderen Zimmer. Auch die anderen jungen Männer im Haus testen überall in Berlin ständig ihren Charme aus. Deswegen stehen neben dem Frühstückstisch mehrere Gedecke für unangemeldete Besucherinnen parat. Georgs Vater ist eigentlich ein Mann der alten Schule, dessen Frühstücksei immer eine Krawatte zu sehen bekommt, bevor ihm der Kopf abgeschlagen wird. Trotzdem stellt er sich Rita vor, wie er es als Chef in der Klinik sicher nicht machen wird: „Ich bin der Heiner und wer bist Du?“

Es sind nicht alle Hippies in dieser Hippie-Zeit. Aber immerhin gehen die Manieren manchmal barfuß. Rita mag das.

Dann ist da noch Georgs Mutter. Rita bekommt mit, wie ihr Mann alles Mögliche mit seiner Mutter bespricht. Bis zu ihrem Tod. Rita nimmt sich ein Beispiel an dieser Frau. Mit dem Ergebnis, dass auch ihre Söhne beinahe grenzenlos alles mit ihr besprechen. Manchmal ist es ihr fast zuviel Information, die sie von den erwachsenen Männern bekommt.

Damals hat sie es nur gespürt. Heute weiß Rita, warum Georg der Richtige war. Er hat nicht nur auf irgendeinem Kühlschrankmagneten gelesen, dass man frei lassen soll, wen man liebt. Er lebt das. Sie sind im 46. Ehejahr und Rita sagt, es wäre vor allem sein Verdienst, so weit gekommen zu sein. Sein Talent für Diplomatie, seine Geduld, sein Langmut.

Es ging dann auch mal über Kreuz

Als er mit dem Studium fertig ist, ziehen sie nach Süddeutschland. Er hat eine Stelle, sie will mit dem Referendariat anfangen und setzt die Pille ab. Die Hormonumstellung würde ihr schon die nötige Zeit geben, rechnet sie. Und verrechnet sich damit. Sie verschiebt und plant neu. Am Ende des sehr langen Referendariats sind alle drei Söhne da und eine Karriere als Juristin zu den Akten gelegt.

Stuttgart ist zu eng. Sie ziehen an einen Ort, wo Rita den frischen Wind kennt. Ahrensburg bei Hamburg. Für Georg läuft es super. Rita zischelt eine innere Stimme „Rabenmutter, Rabenmutter“ zu, wenn sie überlegt, es doch mit einer juristischen Stelle zu probieren.

In ihrem Golfklub lernen sie Mitte der 1980er-Jahre ein anderes Ehepaar kennen. Sie verstehen sich untereinander sehr, sehr gut. Bei einem Sommerfest zu viert tanzt Rita viel zu umschlungen mit dem anderen Ehemann. Georg ist wegen der anderen Frau schon wieder bereit, im See zu baden, obwohl er sonst nun wirklich nicht spontan oder abenteuerlustig ist. Am sehr, sehr späten Abend legt er seiner Frau einen Zettel hin: „Ihr könnt ruhig fahren. Wir sehen uns dann morgen früh“. Drei Jahre dauert das „Überkreuzverhältnis“, wie Rita es heute noch nennt. Sie wäre nicht die Dame, die sie ist, wenn sie über Einzelheiten ins indiskrete Plaudern käme. Och ja. Na ja. Doch, doch. So fallen ihre Antworten auf Fragen aus, die auf das Innere des Überkreuzverhältnisses zielen. Es gab Urlaube. Wo sich im Ferienhaus, sobald die Kinder im Bett waren, der Papa auch hingelegt hat. Nur mit der anderen Mama. Und umgekehrt. Sie sind das Gespräch im Golfklub. Es muss so schön gewesen sein, dass das allen vieren völlig gleichgültig war.

Georgs Beziehung zu der anderen Frau knickt irgendwann weg. Rita fühlt nach wie vor, wie sie auf beiden Gleisen ganz prächtig vorankommt. Georg ist damit nicht zufrieden. „Ein Jahr lang war da doch Krise“, sagt sie. In einem Ton, als wäre das doch wohl schon bei der Sache mit „den guten und den schlechten Tagen“ bei der Hochzeit eingepreist gewesen.

Rita versteht nicht, warum sich Paare trennen, nur weil ein Partner auch einmal Platz für einen anderen Menschen hatte.

Dabei empört sie sich kein bisschen über diejenigen, die aus Lebensangst klammern. Sondern spricht so, als wäre doch klar, dass es reinregnet, wenn man das Fenster offen stehen lässt.

Berlin bot dem Paar eine weitere Chance

Rita und Georg bleiben beieinander. Für Rita wird ihre Beziehung immer noch vollkommener. Denn für sie ist es dann perfekt, wenn sich der Verliebtheitswahnsinn und der Kick durch das Fremdsein in die größtmögliche Freundschaft überführen lässt. Sie hat keinen Freund, keine Freundin, wie Georg es ist. Der Freund fragt nicht: Wo willst Du hin?, wenn sie ankündigt zu verreisen. Der Freund Georg fragt: Wann kommst Du wieder?

Berlin gibt ihnen wieder eine schöne Chance. Nicht nur die Kinder aus dem Haus, sondern das Haus gleich mit weg. Keine Gartenarbeit mehr, kein Handwerkerstress. Rita möchte es unbedingt mit der Berufstätigkeit probieren. Georg ist total dafür. Geschmackssicher, wie sie ist, verkauft sie Kleidung. Eine Boutique. Aus der sehr bald zwei werden, denn ihre Kundinnen fühlen sich von Rita gut angezogen.

Nach 20 Jahren möchte der Vermieter die doppelte Miete. Rita bedankt sich für das schweinische Angebot und macht die Läden zu. Durchaus schweren Herzens. Mittlerweile ist sie sicher, den richtigen Zeitpunkt erwischt zu haben.

Sie sitzt da, ist schön und lebenslustig und lächelt kraftvoll. Als wolle sie gleich mit dem nächsten Ding los legen. Wieder etwas starten. In diesem Jahr feiert sie ihren 70. Geburtstag. Wer glaubt, sie würde darüber auch nur einmal die Stirn sorgenvoll zusammenziehen, der weiß wirklich nicht, was eine Ritterin ist.