Kunst

Faszination des Fremden: „Rembrandts Orient“ im Barberini

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Ein Blick in die Ausstellung des Museums Barberini, mit Jan Lievens „Das Festmahl der Ester“ aus dem Jahr 1625 in der Mitte.

Ein Blick in die Ausstellung des Museums Barberini, mit Jan Lievens „Das Festmahl der Ester“ aus dem Jahr 1625 in der Mitte.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Das Museum Barberini öffnet wieder – mit einer neuen Ausstellung: „Rembrandts Orient“ zeigt die Mode der ersten Globalisierung.

Potsdam. Und wieder ist das Barberini ganz vorn. Nach dem ersten Lockdown war das Museum in Potsdam das erste, sogar weltweit, das 2020 wiedereröffnete. Auch jetzt öffnet es als eines der ersten Häuser der Region wieder seine Pforten. Und lindert erneut unser aller durch Reiseverbote und Grenzschließungen leidlich gesteigertes Fernweh. Vergangenen Mai gab es impressionistische Reisebilder von Claude Monet, mit denen man sich nach Paris, London, Venedig träumen konnte.

Diesmal geht es noch weiter hinaus: „Rembrandts Orient“ heißt die neue Ausstellung, die ab dem heutigen Sonnabend zu sehen ist. Kein zufälliges Datum: Es ist exakt ein Jahr her, dass die Museen das erste Mal schließen mussten.

Mit dieser Ausstellung wird man gleich doppelt entführt: Zum einen reist man ins 17. Jahrhundert und zum anderen in die Vorstellung, die man damals vom Orient hatte, also der Region, die von der Levante und dem östlichen Mittelmeer bis nach Asien reichte. Das 17. Jahrhundert war das Säkulum der ersten Globalisierung. Ein Wirtschaftswunder ergriff damals Europa und entwickelte eine ungeheure Dynamik, Amsterdam wurde zur Welthandelshauptstadt.

Erstmals wurden in großer Zahl kostbare Waren wie Seide, Porzellan, Teppiche, Kleidung, Gewürze exportiert. Und mit den Waren kam auch die Neugier auf diese fernen, exotischen Länder. Es gab einen Boom an Reiseberichten, exotische Gewänder wurden zur Mode. Und so zog der Orient bald auch in die Bildende Kunst ein.

Der erste niederländische Künstler, der orientalische Motive für biblische Gemälde nutzte, war Pieter Lastman. Zum Kristallisationspunkt dieser Bewegung aber wurde sein Schüler: Rembrandt Harmenszoon van Rijn. Der eiferte dem Mentor nicht nur nach, er stellte sich auch selbst gern als „Orientalen“ dar. Was nicht nur seine Schüler übernahmen, sondern eine echte Mode auslöste.

Der Orient findet sich in Gemälden dieser Zeit in drei Genres wieder. In Stillleben fanden neben den bekannten Vanitas-Motiven nun auch exotische Artefakte Einlass, die betuchte Händler sammelten, um ihren Reichtum auszustellen. Dann gab es Porträtstudien, sogenannte Tronies, in fremden Gewändern mit Turban, Kaftan und Dolch: opulente Bilder im Gegensatz zum kargen Calvinismus.

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„Rembrandts Orient“ im Museum Barberini: Das positive Andere

Und auch große Bibeldarstellungen verortete man in diese Gegend und kleidete sie in orientalisierende Gewänder. Prägnante Beispiele sind etwa Rembrandts „David übergibt Goliaths Haupt dem König Saul“ von 1627 oder – der Stolz der Ausstellung, wie Chefkurator Michael Philipp es nennt – „Simson, an der Hochzeitstafel das Rätsel aufgebend“ von 1638, eine Leihgabe der Dresdner Gemäldegalerie. Auftraggeber ließen sich auch schon mal für ihre Hochzeit in biblisch-orientalischer Szenerie malen, wie in Jacob van Hasselts „Hochzeitsmahl“ von 1636.

Durch die Globalisierung jener Zeit entwickelte sich ein neues Weltgefühl, das Fremde war das „po­sitive Andere“, das man sich aneignete. In die Tiefe ging diese Auseinandersetzung freilich nie, es blieb bei einem Rollenspiel: das Fremde als reizvoller Kontrast, mit dem man die eigene Situation spiegelte. Die Schattenseiten jener Fremde, wie Sklaverei, Gewalt und Ausbeutung, blendete man geflissentlich aus.

Es ging nur um Opulenz, um Fülle, Pracht und Macht. Dabei nahm man es auch im Detail nicht so genau. Die wenigsten Künstler hatten diese Welt ja je gesehen. Man verließ sich ganz auf Reiseberichte, auch wenn die selbst meist nur vom Hörensagen entstanden, und behalf sich mit Versatzstücken, Klischees und Stereotypen. Und ließ seiner Fantasie freien Lauf. Wie Märchen aus 1001 Nacht. Auch die Betrachter wussten es ja nicht besser.

Die Corona-Pandemie machte neue Leihgaben möglich

Es gibt von Rembrandt noch ein anderes Orient-Bild. In seinen letzten Jahren fertigte er 25 Kopien von Zeichnungen aus der Region an. Die sind weit authentischer, blieben aber unbekannt. So entstand ein sehr schiefes und nicht unproblematisches Bild, das auch belastet ist, weil sich mit dem Orientalismus eine eurozentrische Haltung durchsetzte. Ganz bewusst heißt die Ausstellung deshalb „Rembrandts Orient“.

Kurz nach dem großen Rembrandt-Jahr 2019 zum 350. Todestag ermöglicht das noch mal einen ganz anderen Blick auf den Maler. Die Schau zeigt aber nicht nur Werke von ihm, unter den 110 Exponaten befinden sich auch viele Gemälde zeitgenössischer Künstler wie Ferdinand Bol, Dirck van Loonen oder Andreas Beeckman, einem der wenigen, die wirklich den Orient bereist hatten.

Der Orient in der Bildenden Kunst, das ist zwar kein neues Thema. Aber noch nie war es Gegenstand einer eigenen Ausstellung. Die „Westöstliche Begegnung in der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts“, so der Untertitel der Schau, schließt hier eine Lücke. In Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Basel entstanden, sollte sie eigentlich schon im Sommer in Potsdam eröffnet werden, war dann Corona-bedingt aber erst in Basel zu sehen.

Immerhin: Der Pandemie ist es auch zu verdanken, dass die Museen sich solidarisch unterstützen und so, wie schon bei der Monet-Ausstellung, Leihgaben möglich wurden, von denen man sonst wohl nur träumen kann.

„Rembrandts Orient“ ist ein Highlight, das man gesehen haben muss. Das freilich ist gar nicht so leicht. Dass Museen überhaupt wieder öffnen, ist ja schon ein Segen. Doch pro Tag dürfen maximal 660 Zuschauer in strengen Zeit-Slots ins Barberini. Die Tickets sind also sehr begehrt.

Sehr begrenztes Kartenkontingent

Deshalb werden sie nur je drei Tage im Voraus online angeboten – sonst wären sie längst ausverkauft. Das Museum verweist darüber hinaus auf sein digitales Angebot. Es gibt auch Online-Führungen mit 360-Grad-Panoramen sowie Vorträge und Referate, in denen auch das eurozentristische Bild des Orients diskutiert wird.

Eine Frage kann selbst der Kurator nicht klären. Warum Rembrandt sich 1736 in seiner Radierung „Selbstbildnis mit Säbel“ grimmig-martialisch mit Krummsäbel verewigte. War das nur Ausdruck der Mode, die er mit ausgelöst hat? Ist es gar eine Herrscherfantasie? Oder hatte sich der Künstler aus Wut auf einen Auftraggeber so gezeichnet? Das, so Michael Philipp, muss Spekulation bleiben.

„Rembrandts Orient“. Museum Barberini, Mi.-Mo. 10-19 Uhr. Bis 27. Juni 2021. Tickets nur online zu erwerben unter www.museum-barberini.de jeweils drei Tage im Voraus.