Jubiläum

Janosch, der große Kinder- und Menschenversteher, wird 90

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Peter Zander
Der Künstler vor zwei seinen populärsten Figuren:  Der Illustrator Janosch vor dem Kleinen Bär und dem Kleinen Tiger.

Der Künstler vor zwei seinen populärsten Figuren: Der Illustrator Janosch vor dem Kleinen Bär und dem Kleinen Tiger.

Foto: Roland Weihrauch / dpa

Nicht nur der Vater der Tigerente: Der Illustrator und Geschichtenerzähler Janosch wird 90 und beschenkt seine Fans mit neuen Werken.

Was für eine hübsche, absurde Idee. Die Streifen eines Tigers, dieses wilden, zähnefletschenden Tieres, vor dem man Angst hat. Aber damit versehen ist bloß ein Entlein, das einen nicht mal picken kann, weil es ein Holztier auf Rollen ist. Mehr Haustier geht nicht. Stubenrein, kinderleicht und niedlich. Weshalb Generationen von Kindern die Tigerente in ihr Herz geschlossen haben. Selbst Kindergärten tragen ihren Namen, und seit 25 Jahren hat sie sogar ihre eigene Fernsehsendung: den „Tigerentenclub“.

Kaum zu glauben, dass der Schöpfer dieses Fantasiewesens, der Mann, der genau weiß, wie Kinder ticken, am 11. März schon 90 Jahre alt wird. Dabei hat Janosch nicht nur für Kinder gezeichnet und getextet. Und es ärgert ihn auch, wenn sein ganzes künstlerisches Schaffen auf diese eine Figur reduziert wird.

Seine eigene Kindheit war alles andere als behütet

Sie ist streng genommen nicht mal von ihm. Er hat sie von seinem Kollegen F. K. Waechter mal „geliehen“, mal „gestohlen“, die Angaben dazu differierten je nach Laune des Künstlers und Geschichtenerzählers. Irgendwann hat Janosch dann selbst die Entstehung der Tigerente erzählt. Knapp und pointiert. Wie so viele seiner Kinderbücher.

Wie auch „Oh, wie schön ist Panama“, in dem die Tigerente erstmals auftrat. Das Kultbuch von 1978, das in keinem Kinderzimmer fehlen darf und in dem der kleine Tiger, der die Tigerente hinter sich herzieht, und der kleine Bär in einem friedlichen Idyll leben. Bis sie Fernweh kriegen. Was man jetzt in Lockdown-Zeiten ja wieder gut verstehen kann. Sie machen sich auf den Weg, erleben Abenteuer und landen am Ende wieder in einem Idyll. Es ist das alte Zuhause, aber sie erkennen es nicht. Was für ein schönes Bild fürs Erwachsenwerden: Man macht sich auf den Weg. Und es liegt an einem selbst, was man draus macht. Da muss sich das Umfeld gar nicht unbedingt ändern.

Von der Akademie verwiesen: wegen mangelnder Begabung

Vielleicht auch eine Metapher auf den Werdegang des Schöpfers? Janosch wurde 1931 im oberschlesischen Hindenburg, dem heutigen polnischen Zabrze, geboren. Und hatte alles andere als eine behütete Kindheit. Der Vater war Alkoholiker und gewalttätig, die Mutter war es auch, der Sohn wuchs bei den Großeltern in einer Bergarbeitersiedlung auf, ohne Wasser und elektrisches Licht. Noch kurz vor Kriegsende, mit 13, musste er eine Ausbildung zum Schmied machen. Womit er sich eine Überlebensstrategie, ja ein Lebensmotto hämmerte: dass es nichts gibt, was nicht geht.

Nach dem Krieg floh die Familie nach Westdeutschland. In Niedersachsen arbeitete Eckert zunächst in Textilfabriken. Doch dann begann er in München ein Studium an der Akademie der Künste. Das musste er zwar nach einigen Probesemestern abbrechen, wegen „mangelnder Begabung“, wie es hieß – wofür sich die Akademie heute noch schämen müsste.

Zwei Ratschläge fürs Leben

Doch der Geschmähte ließ sich nicht beirren. Er arbeitete als freischaffender Künstler und begann seine schriftstellerische Tätigkeit in Feuilletons. Bis ihm ein Freund riet, aus seinen Illustrationen ein Kinderbuch zu machen. Und sein Verleger Georg Lentz ihm nahelegte, sich Janosch zu nennen. „Die Geschichte von Valek dem Pferd“ war 1960 sein erstes Kinderbuch.

Seitdem sind mehr als 150 Bücher erschienen, Werke wie „Der Mäuse-Sheriff“, „Traumstunde für Siebenschläfer“ oder eben „Oh, wie schön ist Panama“. Aber auch Romane für Erwachsene wie „Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm“, worin er die eigene Kindheit verarbeitete. Janosch erwies sich nicht nur als Kinder-, sondern als Menschenversteher. Er malte auch „erwachsene Bilder“. Doch berühmt ist er vor allem für seine Kinderbücher, die in 30 Sprachen übersetzt wurden. So berühmt, dass er nicht nur eine eigene Zeichentrickserie bekam, „Janoschs Traumstunde“. Sondern erneut floh, diesmal aus Deutschland, aus der Öffentlichkeit. „Am liebsten“, sagte er, „wäre ich unsichtbar.“ Dabei fand er sein ganz persönliches Panama nun wirklich in der Fremde: auf Teneriffa, in einem Haus in den Bergen.

Durch seine Bücher blieb er dennoch stets präsent. Und wurde zunehmend preiswürdig, vom Deutschen Jugendbuchpreis über den Andreas-Gryphius-Preis (fürs Romanwerk) bis zum Bundesverdienstkreuz. Inzwischen heißen Horts nicht nur nach der Tigerente, seine ehemalige Schule hat sich nach Janosch benannt. Und wenn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auch bei den Kleinen mal populär sein will, klappt er „Oh, wie schön ist Panama“ auf.

Zweites Comeback zum 90.

Schon zwei Mal hat Janosch Schluss gemacht. 2010 wollte er das erste Mal aufhören und nur noch in der Hängematte liegen. Weil er sich ohnehin für „untalentiert“ hielt. Drei Jahre später dann das Comeback mit wöchentlichen Zeichnungen im „Zeit-Magazin“, für die er eine neue Figur kreierte, den kauzigen Herrn Wondrak mit Latzhose, ein Alter Ego von Janosch. Sein letzter Beitrag vom 21. November 2019 trug den Titel: „Herr Janosch, wie sagt man Tschüss?“

Herr Janosch weiß es nicht. Glücklicherweise. Zu seinem runden Geburtstag beschenkt er seine Fans – und veröffentlicht in der neuesten „Zeit“-Ausgabe noch einmal Bilder und Texte. Die Frage, ob er sich zu seinem 90. denn auf Geschenke freue, beantwortet er da gleich selbst: „Nein, man freut sich erst über die zum 98.“ Der Schalk im Nacken und das Augenzwinkern, sie sind ihm trotz einiger Altersgebrechen nicht verloren gegangen.