Berlinale

Daniel Brühl: „Ich konnte die Hosen komplett runterlassen“

| Lesedauer: 9 Minuten
Peter Zander
Der Film sei „sehr persönlich, aber nicht privat“: Regienovize Daniel Brühl.

Der Film sei „sehr persönlich, aber nicht privat“: Regienovize Daniel Brühl.

Foto: Pascal Bünning

Daniel Brühl über sein Regiedebüt, über die Aufteilung der Berlinale - und warum er im Film eine fiese Version seiner selbst spielt.

Merkwürdig ist es ja schon. Da hat der Schauspieler Daniel Brühl seinen ersten Regiefilm gedreht und landet damit gleich im Wettbewerb der Berlinale. Aber dann findet die nun erst mal digital für die Branche. Und die Weltpremiere, die erste öffentliche Vorführung, gibt es dann erst in drei Monaten. Immerhin, lacht der 42-Jährige am frühen Morgen im exklusiven Zoom-Interview, sei er frisch und ausgeschlafen: „Es gab ja kein rauschendes Premierenfest.“

Gratulation zu „Nebenan“. Wie fühlt sich das dann, ein Regiedebüt zu geben und dann gleich damit im Wettbewerb der Berlinale zu kommen?

Daniel Brühl: Das ist vollkommen irre. Man lässt den Traum ja nicht zu. Ich hab‘ nicht mal daran gedacht, als ich den Film gedreht habe. Erst als er fertiggeschnitten war, habe ich den Gedanken zugelassen, wie schön es wäre, auf der Berlinale zu laufen – in welchem Rahmen auch immer. Dass esgleich der Wettbewerb wurde, ist natürlich großartig. Zumal Carlo Chatrian das ja mit Untertiteln gesehen hat. Das war für mich ein Testlauf, ob sich das auch übersetzt, wenn man nicht perfekt Deutsch spricht. Für einen solchen Berlin-Film kann es keinen besseren Rahmen geben. Dann kam natürlich der Wermutstropfen der immer noch andauernden Corona-Krise und dieser Aufteilung online zuerst. Aber ich hoffe, es gibt im Sommer eine schöne Premiere.

Ist der Berlinale-Bär etwas, was noch fehlt in Ihrer Sammlung?

Ja. Aber der kommt jetzt nicht. Es ist schon irre, dass wir es in den Wettbewerb geschafft haben. Das ist für mich Auszeichnung genug. Ich habe gestern Tom (Tom Schilling, die Red.) geschrieben, weil ich mich freue, dass auch sein Film im Wettbewerb ist. Und Dan (Dan Stevens) war letzten Sommer bei mir zuhause, als er mit Maria Schrader gedreht hat und ich mit meinem Film beschäftigt war. Es ist wahnsinnig schön, mit zwei meiner Freunde gleichzeitig vertreten zu sein.

Ihr Film überrascht: Sie spielen darin einen Schauspieler namens Daniel, quasi eine fiese Version Ihrer selbst. Was trieb Sie dazu an? Der Film war ja Ihre Idee.

Ich muss jetzt in Interviews wohl immer klarstellen, dass das nicht eine peinliche autobiografische Vergangenheitsbewältigung sein soll. Die Idee, mich zu benutzen, war auch Mittel zum Zweck. Nur so traute ich mir eine erste Regiearbeit zu. Meine Figur hätte auch eine ganz andere sein können. Aber in meiner Welt kenne ich mich halt aus, und die gibt eine gute Angriffsfläche her. Diese unangenehme Eitelkeit, dieses ätzende Selbstbewusstsein dieses Gockels: Das ist eine überhöhte, überzeichnete Figur. Das sollte von Anfang an der Ton für eine dunkle Komödie sein. Wenn Leute meinen sollten, wie eitel ist das denn, kann ich nur sagen: Wäre ich wirklich eitel, hätte ich es genau anders inszeniert.

Sie spielen nicht nur mit Ihrer Vita, sondern auch Ihren Lebensverhältnissen. Es ist Ihr Kiez, Ihre Wohnsituation. Sie schirmen Ihr Privatleben sonst sehr ab. Hat man da etwas Angst, zu viel von sich preiszugeben?

Nein, nie. Ich war beim Drehbuchschreiben hin und wieder dabei, habe Daniel (Daniel Kehlmann, die Red.) Kehlmann mit Ideen gefüttert. Wir haben dann Sparring betrieben. Und wenn uns das mal entglitt und zu privat oder auch zu tagespolitisch wurde, nahmen wir das wieder zurück. Ich hatte immer das Gefühl, es ist sehr persönlich, aber nicht privat. Und was ich da preisgebe, ist schon ehrlich. Identität und Herkunft, das sind Themen, die mich seit 20 Jahren beschäftigen. Ich hatte in Köln ein schönes Leben als Kind, wo die Grenzen fließend waren zu allen sozialen Klassen. Ich hatte dann früh Erfolg, kam nach Berlin, zog auch nach Barcelona, wo ich dann immer schon anders gesehen wurde. Ich wollte da immer akzeptiert werden, war damit aber natürlich auch immer Teil des Problems.

Daniel Brühl nimmt sich selbst zur Brust: So gut ist sein Regiedebüt „Nebenan“

Wie ist Daniel Kehlmann überhaupt mit ins Boot gekommen? Du kanntest ihn schon als Drehbuchautor von „Ich und Kaminski“.

Die Idee kam mir in Barcelona. Da habe ich auch begonnen, etwas niederzukritzeln. Ich war selbstbewusst genug, dass ich die Idee gut fand, habe aber festgestellt, dass ich das nicht selbst schreiben konnte. Daniel habe ich über „Ich und Kaminski“ gut kennengelernt, da ist eine echte Freundschaft entstanden. Ich habe deshalb allen Mut zusammengenommen und ihm einfach davon erzählt. Er hätte das auch doof finden können. Aber er war gleich angefixt und es ließ nicht mehr los. Es war erstaunlich, wie schnell die erste Fassung fertig war. Gewöhnlich dauert das Monate.

Der Film ist ein Kammerspiel mit zwei Haupt- und zwei Nebenfiguren. Das war sicher günstig bei den Dreharbeiten unter Corona-Bedingungen. Aber war das auch ganz heilsam, so ein intimer Dreh, nach all den Marvel- und anderen Großproduktionen der letzten Zeit?

Ja, das war eine großartige Erfüllung. Endlich mal das Gefühl zu haben, von nichts ausgeschlossen zu sein! Schon beim Drehbuchschreiben: einfach Ideen rausfeuern. Bei großen Produktionen sind die eigenen kreativen Möglichkeiten sehr begrenzt, das spürt man auch gleich. Man muss zusehen, dass man da funktioniert und sich gut einbringt, aber wenn du eigene Ideen und Anregungen hast, verpufft sowas schnell. Der Gegner, die Maschinerie ist zu groß. Mir war klar, wenn ich selber einen ersten Film mache, dann will ich mich nicht verheben, sondern etwas „Kleines“ machen in einer Welt, in der ich mich gut auskenne. Das war dann fast wie für die Pandemie konzipiert. Aber natürlich hat man das erzählerische Problem, dass man so ein Kammerspiel spannend sein muss. Man sollte sich nicht nach zehn Minuten in der Kneipe langweilen.

Wie war das, Regie zu führen und gleichzeitig zu spielen? Wie kommt der Schauspieler Daniel Brühl mit dem Regisseur Daniel Brühl zurecht? Und umgekehrt?

Ich habe vorab andere Schauspieler gesprochen, die auch Regie geführt haben, und die rieten mir alle: Mach bloß nicht den Fehler und spiel selber mit! Da hatte ich erst mal Horror, mit den zwei Funktionen durcheinander zu kommen. Aber weil ich meine Persona in den Film einfließen ließ, hat mir das geholfen, weil ich so ganz anders im Film verankert war. Ich habe das ganz merkwürdig als Vorteil empfunden. Was mir auch geraten wurde: wie wichtig es beim Regieführen ist, richtig zu casten. Nicht nur die Darsteller, sondern die ganze Crew. Elementar war das Dreieck mit Kamera und Regieassistenz. Der Schauspieler Daniel durfte auch nie nur auf den Regisseur hören, der braucht auch konstruktive, ehrliche und manchmal auch harte Ansagen von anderen. Das war eine sehr fruchtbare und erfüllende Erfahrung am Set. Auch dass Peter Kurth, dieser gestandene Basis-Schauspieler, der er ist, mich ernst und für voll genommen hat. Ich konnte da komplett die Hose runterlassen, ohne dass irgendwelche Ego-Befindlichkeiten ausgetragen wurden.

Haben Sie jetzt Blut geleckt. Werden Sie weiter Filme inszenieren? Womöglich auch mal nicht mit Ihnen in der Hauptrolle?

Letzteres unbedingt (lacht). Und ersteres auch. Ich wollte es immer mal probiert haben und habe das als Sprung ins kalte Wasser genommen. Ich habe mir gesagt: Wenn das eine traumatische Erfahrung wird, dann mach ich‘s nicht noch mal. Aber das war jetzt so schön, vielleicht sogar die beglückendste Erfahrung, die ich je hatte beim Drehen. Es wäre mir eine große Freude, wieder einen Film zu machen. Dann vielleicht mal was ganz Anderes. Aber gern wieder in bestimmten Konstellationen. Ich war gerade mit Daniel drei Stunden am Wasser spazieren und habe ihm schon von einer neuen Idee erzählt.