Literatur

Christian Krachts „Eurotrash“: Faserlands Fortsetzung

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Felix Müller
Der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht

Der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht

Foto: © Noa Ben-Shalom

Der Schweizer Schriftsteller fasst in seinem Roman auch die eigene Familiengeschichte ins Auge – vielleicht

In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre gab es auf Studentenpartys ein beliebtes Thema, über das oft diskutiert wurde, während im Hintergrund der Pulp-Fiction-Soundtrack, Beck oder Tocotronic lief. Es ging um den Debütroman „Faserland“ des Schriftstellers Christian Kracht, von dem man schon ahnte, dass er lange bleiben, dass er die literarische Landschaft verändern, viele Nachahmer finden und sicher auch irgendwann, als Beispiel für was auch immer, die Germanistik beschäftigen würde.

Was auch immer? Das Etikett der „Popliteratur“, ursprünglich reserviert für die Beat-Generation der 1950er-Jahre, geisterte seinerzeit reanimiert durch die Feuilletons und machte aus so verschiedenen Autorinnen und Autoren wie Sibylle Berg, Rainald Goetz, Alexa Hennig von Lange, Feridun Zaimoglu oder eben Christian Kracht eine adressierbare Gruppe. Ob das sinnvoll war, was denn Inhalt und Programmatik von Popliteratur überhaupt sein könnten: Das war aber weniger Partygesprächsthema als das in „Faserland“ eröffnete Universum, in dem Markenfetischismus, Ekel vor satter Durchschnittlichkeit, Sehnsucht und Komik umeinander kreisten.

Ein junger Mann fuhr darin durch Deutschland. Die Reise begann am nördlichsten Punkt der Insel Sylt und endete verstörend in einem Ruderboot auf dem Zürichsee. Dazwischen lag, unter weiträumiger Umfahrung der „fünf neuen Länder“, ein niederschmetterndes Porträt der alten Bundesrepublik, in dem es von geschmacksverirrten Werbemenschen, Sprachverhunzungen und „SPD-Nazis“ nur so wimmelte und nirgends Trost in Sicht war.

Maßanzüge, teure Hemden und Kunst an der Wand

An das alles muss man erinnern, wenn jetzt, rund 25 Jahre später, mit „Eurotrash“ ein Roman erscheint, in dem laut Verlagsankündigung „derselbe Erzähler erneut auf die Reise“ geht, und zwar „in die Abgründe der eigenen Familie, deren Geschichte sich auf tragische, komische und bisweilen spektakuläre Weise immer wieder mit der Geschichte dieses Landes kreuzt“. Um es genauer zu sagen: Der Erzähler dieses Romans heißt Christian Kracht, sein zur Zeit der Handlung bereits verstorbener Vater hieß auch Christian Kracht und war viele Jahre lang der Generalbevollmächtigte des Verlegers Axel Springer. Dies mit Einkünften, die ihm ein Leben im Luxus erlaubten, mit Wohnsitzen überall auf der Welt, teuren Maßanzügen und noch teurerer Kunst.

Spätestens hier beginnt der Leser vielleicht darüber nachzudenken, ob er nicht mal in der Axel-Springer-Biografie von Hans-Peter Schwarz nachschlagen sollte, was denn an all diesen Aussagen zur Zeitgeschichte eigentlich dran ist. Denn natürlich weiß er, dass der Verlagsmanager und der inzwischen vielfach preisgekrönte Schriftsteller auch in der Realität Vater und Sohn sind, und sicher interessiert ihn auch die ungewöhnliche Geschichte dieser Familie. Wahrscheinlich werden die Nachschlagewerke aber im Schrank bleiben. Nicht nur, weil es sowieso absurd ist, der Literatur so auf die Schliche kommen zu wollen, sondern vor allem, weil „Eurotrash“ so viel Sog und Faszination erzeugt, dass man sich die gesamten 210 Seiten lang einfach nicht davon losreißen kann.

Der Erzähler teilt mit seinem Vorgänger von 1995 das Leiden an der Gegenwart, in dem sich Ekel und Verachtung mischen. Die Stadt Zürich ist ihm „eine Stadt der Angeber und der Aufschneider und der Erniedrigung“, aber er muss jeden zweiten Monat dorthin, um seine Mutter zu besuchen. Sie lebt seit ihrer Scheidung in einer kleinen Wohnung am Zürichsee, sie ist schwer krank, tabletten- und alkoholabhängig. Zusammen mit ihr unternimmt er die besagte Reise – einmal in dem übertragenen Sinn, dass ihm in ihrer Nähe immer wieder die Geschichte seiner Familie vor Augen steht: die nationalsozialistische Verstrickung der Großelterngeneration ebenso wie sein Vater, sein Reichtum und seine Abwesenheit. Dann aber auch im wörtlichen Sinn: Mutter und Sohn setzen sich in ein Taxi, eine Plastiktüte mit 600 Tausendfrankenscheinen im Gepäck, das Geld wollen sie unterwegs einfach so verschenken. Sie kommen an einer Kommune vorbei, deren Bewohner sich als kryptofaschistische Spinner entpuppen. Sie fahren mit einer Gondelbahn auf einen Gletscher, in der Hoffnung, dort Edelweiß zu finden. Sie wollen, obwohl die Mutter kaum noch laufen kann und einen künstlichen Darmausgang hat, auch nach Afrika fliegen.

Das verfolgt man so hingerissen, weil es so vieles zugleich ist, so lustig, traurig und wahr. Dieses ungleiche Paar, das so viele literarische Vorbilder kennt, führt großartig geschriebene Dialoge, in denen sich beide ständig reiben - aneinander, an der schrecklichen deutschen Geschichte, an den Lügen und Enttäuschungen des Lebens. Sie durchfahren eine Schweiz, die auf ähnliche Weise unwirklich scheint wie die Geschichten, die der Sohn seiner Mutter zur Ablenkung erzählt. Und sie finden in klug gesetzten Momenten doch auch so etwas wie menschliche Nähe.

Dieser Erzähler bietet mehr als der Vorgänger, auf den er sich beruft. Er ist reicher an Erfahrung, seine Sterblichkeit ist ihm bewusster, er ist vielschichtiger. Das gibt diesem bislang besten der großartigen Romane Christian Krachts eine unerwartete, melancholische Wärme.