Buch

Total „euphancholisch“: der neue Roman von Benedict Wells

| Lesedauer: 6 Minuten
Nach einigen Jahren in Barcelona ist Benedict Wells nach Deutschland zurückgezogen und pendelt nun zwischen Bayern und Berlin. Dieses Foto entstand in München.

Nach einigen Jahren in Barcelona ist Benedict Wells nach Deutschland zurückgezogen und pendelt nun zwischen Bayern und Berlin. Dieses Foto entstand in München.

Foto: Sven Hoppe / picture alliance / dpa

Mit „Hard Land“, seinem fünften Roman, ist Benedict Wells ein wunderbares Buch über die schrecklich-schöne Zeit der Pubertät gelungen.

Was für ein starker erster Satz! „In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“ So beginnt „Hard Land“, der neue Roman von Benedict Wells. Und sofort hat er seine Leserschaft damit gefangen. Zieht sie mitten hinein in die Geschichte des jugendlichen Ich-Erzählers, der gerade 17 ist und meint, sein Leben sei schon gelaufen. Um dann wehmütig von den magischen Sommertagen des Vorjahres zu erzählen. Wo der junge Sam in einem öden Kaff im Missouri des Jahres 1985 versauert.

Immer schon litt der schmächtige, rothaarige Junge unter Angstticks und Panikattacken. Jetzt aber erst recht, weil der Vater arbeitslos ist – die einzige Fabrik im Ort hat dichtgemacht. Und die Mutter, die den einzigen kleinen Buchladen im Ort betreibt, todkrank – ein hartnäckiger Hirntumor. Die Familie wohnt direkt hinterm Friedhof, weil die Miete da so billig ist. Eine makabre Adresse, die die Zukunft buchstäblich vor Augen führt. Aber auch der einzige Ort, an dem der nervöse Junge zur Ruhe kommt.

Ein Außenseiter findet endlich Freunde

Um das Dahinsiechen der Mutter nicht miterleben zu müssen, soll der Sohn in den Ferien zu seinen Cousins nach Kansas reisen. Doch das wäre noch schlimmer für Sam, weil die ihn da immer verhauen. Also tut er alles, um bleiben zu können. Er findet einen Aushilfsjob im einzigen, ebenfalls sterbenden Kino des Orts, womit er auch die Haushaltskasse etwas aufbessern kann.

Und dort findet er, der immer allein und in der Schule ein Außenseiter ist, neue Freunde: zwei Jungen und ein Mädchen, die alle zwei Jahre älter sind als er und hier ihre letzten Tage verbringen, bevor sie aufs College gehen und damit für immer von hier wegziehen.

Dennoch nehmen ihn die Drei wie ihresgleichen auf: der schwarze Footballer Hightower, der langhaarige Schwule Cameron, vor allem aber Kirstie, die Tochter des Kinobesitzers, in die sich Sam unsterblich verliebt. Weil sie eine so schöne Lücke zwischen den Vorderzähnen hat. Und weil sie wie er gern zwischen den Gräbern sitzt. Erstmals wird der schüchterne Junge ernst genommen. Erstmals verspürt er Schmetterlinge im Bauch. Auch wenn da immer noch ein anderes Rumoren in der Magengegend ist: die Angst um die Mutter. Und um die Leere, wenn sie einmal weg sein sollte.

Unverblümte Sprache des Heranwachsenden

Coming-of-Age-Geschichten sind immer die schönsten Geschichten. Weil sie uns in die Zeit zurückkatapultieren, in der uns die Welt noch ganz offen stand. Und in der wir alles am stärksten, weil zum ersten Mal erlebt haben. Und uns der erste Kuss, die erste Liebe, der erste Herzschmerz deshalb immer noch ganz präsent sind. Immer mal wieder sehnt man sich deshalb in diese knospende, verheißungsvolle Zeit zurück, auch wenn wir damals doch alle, seien wir ehrlich, launisch und unausstehlich waren. Typisch Teenager halt.

Benedict Wells, dessen letzter Bestseller „Vom Ende der Einsamkeit“ fünf Jahre her ist, ist selbst schmächtig und rothaarig. Natürlich, möchte man fast sagen, liest sich der Roman doch ganz persönlich, authentisch, wie selbst erlebt.

Dabei war der Autor gerade mal anderthalb Lenze in dem Jahr, von dem er schreibt, und stammt aus München, nicht aus den USA. Aber auch wenn der Autor mit 36 Jahren ein wenig zu alt für das Etikett des literarischen Wunderkinds, das hartnäckig an ihm klebt, hat er sich doch diese direkte, unverblümte Sprache des Heranwachsenden bewahrt.

Der Tod sitzt am Tisch und trinkt Kaffee

Er schickt sein Alter Ego auch in lauter peinliche Momente, über die man ständig schmunzeln muss, weil sie einem so vertraut sind. „Ich würde sie mit meinen überlegenen Argumenten überzeugen, und dann würden sie ein für alle Mal wissen, dass ich alt genug war und fortan mein eigenes Ding machte“, heißt es einmal.

Aber dann folgt gleich im nächsten Satz: „,Ihr könnt mich mal!’ rief ich und stapfte davon.“ „Hard Land“ ist voll von solch wunderbar wahren Momenten, wo jemand immerzu erwachsen wirken will und sich dann doch höchst pubertär gibt.

Wells findet aber auch schöne sprachliche Bilder, etwa: „Der Tod saß die ganze Zeit bei uns am Küchentisch, trank seinen Kaffee, blickte stumm auf die Uhr.“ Er erfindet Worte, die die emotionale Achterbahn von Jugendlichen pointiert auf den Punkt bringen: „Euphancholie“ etwa, die Gleichzeitigkeit von Euphorie und Melancholie. Und eine der letzten Weisheiten dieses Buchs möchte man sich fast einrahmen: „Jugend ist der Ort, den du verlassen hast.“

„Hard Land“ ist ein Buch über den langen Weg zu sich selbst. Eine Selbstfindung über die Liebe, über den Schmerz. Auch übers Kino – obschon Filme, für einen Roman, der in einem Kino spielt, doch etwas kurz kommen. Vor allem aber ist es eine Selbstfindung über die Musik.

Der lange Weg zu sich selbst

Wie schon für seine anderen Bücher hat Wells eine Soundtrackliste zur Lektüre erstellt. Und seinen Protagonisten lässt er die widerstreitenden Gefühle in Songs zur Gitarre verarbeiten – ein angehender Musiker. „Hard Land“ ist damit auch sowas wie das Gegenstück zu Wells’ erstem Buch „Becks letzter Sommer“: Sams erster Sommer quasi.

Es ist auch ein Buch über Anfänge und über starke erste Sätze von Romanen, die Kirstie und Sam sammeln. Dabei muss man leider feststellen, dass der erste Satz von „Hard Land“ nicht selbst ausgedacht ist, sondern nur den Beginn von Charles Simmons „Salzwasser“ abwandelt. Doch Wells ist so ehrlich und gibt das zu. Auch das nimmt für ihn ein.

Die Lektüre dieses Romans versetzt einen selbst in den beschriebenen Zustand der Euphancholie. Weil man fasziniert an den eigenen einstigen Aufbruch denkt und wehmütig erkennen muss, dass das lange vorbei ist. Jugend ist vor allem auch ein Sehnsuchtsort. Nennen wir ihn Euphancholia.