Der Sonntags-Krimi

„Tatort“-Kommissare mitten zwischen den Fronten des Hasses

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Zander
Die Handykameras laufen mit, als Kommissarin Boenisch (Anna Schudt) einen Drogendealer (Shadi Eck) etwas zu rabiat verhaftet.

Die Handykameras laufen mit, als Kommissarin Boenisch (Anna Schudt) einen Drogendealer (Shadi Eck) etwas zu rabiat verhaftet.

Foto: ard/wdr

Der erste Dortmund-„Tatort“ ohne Aylin Tezel handelt von Rassismus, Polizeigewalt und Fake News. Fast schon zu viel für einen Krimi.

Ein seltsamer Zufall will es, dass der erste Dortmunder „Tatort“ ohne Aylin Tezel nur zwei Tage vor dem Start ihrer neuen eigenen Krimireihe läuft. Es war der zweite Abgang nach Stefan Konarske. Und es scheint, als habe das das Dortmunder Team, sonst ja Weltmeister in schlechter Laune, aufgeheitert.

Der sonst so seelenramponierte Kommissar Faber (Jörg Hartmann) leistet sich einen neuen Wagen, hört beschwingte Musik (Reggae!), und, jawohl, er lacht sogar! Er ist verliebt – und zwar in die Kollegin Bönisch (Anna Schudt). Das hat sich in früheren Folgen angebahnt. Jetzt will er sie aber offen umgarnen. Doch leider hat die Kollegin inzwischen etwas mit einem Kollegen der Spurensicherung. Schon ist die gute Laune wieder dahin. Und der neue Fall wird sogar zu einem der finstersten der dauer-düsteren Dortmunder.

Das Drehbuch ist kiloschwer mit Konflikten aufgeladen

Das Team gerät diesmal nämlich direkt zwischen Fronten des Hasses. Im Keller eines Hochhauses wurde eine junge Frau ermordet. Weil der Sohn der irakischen Nachbarn als Dealer vorbestraft ist, kommt der Verdacht auf, er könne seine Drogen im Keller der Toten versteckt haben. Da er aber nicht aussagen will und seine Kumpels Frau Bönisch verhöhnen, nimmt sie ihn fest, stinksauer („Ich muss mir nicht alles gefallen lassen) und etwas zu rabiat. Das wird per Handy gefilmt und läuft sofort viral im Netz: als Akt von Fremdenfeindlichkeit.

Ein ultrarechter Politiker, der am Tatort vor einem Kamerateam gegen soziale Brennpunkt hetzt, gratuliert Böhnisch, auch das steht bald im Netz. Bald schon ist die Kommissarin die Zielscheibe von allen: von den Rechten, weil sie sich von ihnen nicht vereinnahmen lassen will, aber auch von Linksautonomen, die der Polizei unterstellen, Faschos in der Belegschaft zu decken.

Bönisch wird deshalb nicht nur beurlaubt. Eines Nachts lauern ihr vor ihrer Privatadresse vermummte Schläger auf. Und die Neue in der Mordkommission, Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger, die Aylin Tezel ersetzt), die sich auf ihrer Dienststelle noch nicht so auskennt, glaubt, am Vorwurf, Bönisch sei ausländerfeindlich, könnte was dran sein. Wohl nicht der beste Start in diesem schmerzlich dysfunktionalen Team.

Rassismus, Polizeigewalt, Drogenkriminalität, Fake News: Das sind eigentlich genug Reizthemen. Doch das schien dem Autor Jürgen Werner nicht genug. Er hat sein Drehbuch auch sonst kiloschwer aufgeladen. Die Ermordete hatte ihren Hausmeister angezeigt, weil er sie heimlich mit Überwachungskameras gefilmt haben soll.

Der erste TV-Film mit Corona-Masken

Der gerade noch so verliebte Faber droht endgültig zum Penner zu verwahrlosen. Die Neue im Team scheint sich davor zu scheuen, von der Waffe Gebrauch zu machen und die Kollegen zu schützen. Und Kommissar Pawlak (Rick Okon) muss sich plötzlich um seine Tochter kümmern, weil seine Frau verschwunden ist. Da diese früher ein Junkie war, kann auch das nichts Gutes bedeuten. Jeder kämpft für sich allein. Von der „Heilen Welt“ des Titels ist nichts zu sehen.

Regisseur Sebastian Ko fängt all das in nervös-fiebrigen Bildern ein, bis sich der Hass der Rechten und der Migranten dermaßen aufgestaut hat, dass sich das in einem Gewaltexzess direkt am Tatort entlädt – mit den Ermittlern mittendrin. Ein starker, ein spannender „Tatort“, der so verstört, dass Zartbesaitete vielleicht lieber wegschalten. Und noch aus einem anderen Grund ist diese Folge besonders: Es ist das erste Mal im deutschen Fernsehen, dass bei Massenszenen auch Maske getragen wird. Anders konnte man im Corona-Sommer einfach nicht mehr drehen. Bislang hat das noch keinen Einzug in die Fernsehwelt genommen. Jetzt ist das auch hier Realität.

„Tatort: Heile Welt“: ARD, heute, 20.15 Uhr