Kino

Programmkinos machen Streamingportalen Konkurrenz

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Peter Zander
Grüße, Durchhalteparolen und politische Botschaften statt Ankündigungen neuer Filmpremieren: So sieht es derzeit vor allen Kinos in Deutschland aus.

Grüße, Durchhalteparolen und politische Botschaften statt Ankündigungen neuer Filmpremieren: So sieht es derzeit vor allen Kinos in Deutschland aus.

Foto: Kira Hofmann / dpa

Zwei Berliner Programmkinogruppen gehen in der Pandemie neue Wege – und bieten eigene Streamingportale an. Auch über Corona hinaus.

Die Kinos sind eine der Bauernopfer der Pandemie. Sie waren die ersten, die im vergangenen März schließen mussten. Und sie werden die letzten sein, die wieder öffnen dürfen. Auch wenn sich hier nachweislich bislang niemand mit Covid-19 infiziert hat und auch wenn die Häuser deutschlandweit in aufwändige Hygienekonzepte investiert haben – in der Politik werden sie immer noch auf der gleichen Ebene wie Bordelle gehandelt. Und auf die Wartebank gesetzt.

Erste Hilfs- und Überbrückungsgelder sind zwar mittlerweile geflossen, vor allem für die besonders bedrohten kleineren Programmkinos. Eine echte Perspektive, wann die Lichtspielhäuser ihre Pforten wieder öffnen können, ist aber noch nicht in Sicht. Und ständig wird der Richtungswert der Inzidenz von 35 auf 20 bis zuletzt 10 neu diskutiert.

Die Programmkinos haben in der Zwangspause schnell Gutscheine angeboten, mit denen Stammkunden ihre Lieblingskinos unterstützen können. Manche Filmverleiher haben aktuelle Produktionen auch als Video on Demand (VoD) ins Netz gestellt und einen Anteil der Einnahmen an Kinos abgegeben. Einige Häuser wie das Berliner Wolf-Kino oder das Filmmuseum Potsdam haben sich auch in der solidarischen VoD-Plattform „Cinema Lovers“ verbunden.

Doch jetzt starten gleich zwei Berliner Kinogruppen mit eigenen Initiativen, indem sie selbst Filme im digitalen Raum anbieten. In direkter Konkurrenz zu Netflix, Amazon Video & Co. also, jenen Streamingplattformen, die schon vor Corona die größte Gefahr des klassischen Kinos darstellten, erst recht aber seit dem Stay-at-Home-Gebot.

„Yorck on Demand“ und „Indiekino Club“

Unabhängige Berliner Kinos haben, in Zusammenarbeit mit Cinema Lovers und dem Filmmagazin „Indiekino“, den „Indie­kino Club“ gegründet. Der will Streaming-Abo und Kinopass in einem sein, Filme im Netz sollen mit dem Kino vor Ort zusammengebracht werden. Clubmitglieder können nicht nur ausgewählte Arthouse- und Indie-Filme sehen, sie erhalten auch ermäßigten Eintritt in die teilnehmenden Kinos Sputnik, Brotfabrik, Klick, fsk, Il Kino, City Kino West und Filmrauschpalast.

Der „Indiekino Club“ wird ab Anfang März über die Webseiten der einzelnen Kinos wie auch direkt auf www.indiekino.de erreichbar sein. Auf lange Sicht soll das kulturelle Angebot der Häuser erweitert und ergänzt werden mit Retrospektiven, Debüts, Festivals und ausgesuchten Filmen, die keinen Verleih gefunden haben.

Zeitgleich hat die Berliner Yorck-Gruppe , zu der unter anderen das International, das Filmtheater am Friedrichshain und das Delphi zählen, ein ähnliches Konzept entwickelt. Die Gruppe bindet ihre Stammkunden schon seit langem mit Abos und Dauerkarten und will ihnen nun auch auf der neuen Plattform „Yorck on Demand“ ausgewählte Filme anbieten.

Damit soll im unübersichtlichen Angebot der großen Streamingdienste auch eine Lücke gefüllt werden: „Wir wollen eine digitale Filmboutique schaffen, die den Filmen, die uns am Herzen liegen, auch im Internet die Sichtbarkeit gibt, die sie verdienen”, so Geschäftsführer Christian Bräuer. Derzeit befindet sich die Plattform noch im Aufbau, sie soll ab dem zweiten Quartal des Jahres verfügbar sein. Voranmeldungen sind schon jetzt online unter www.yorckondemand.de möglich. Wer bereits im Besitz einer Yorck-Dauerkarte ist, kann künftig Punkte für reale Kinobesuche und Filme im Netz sammeln.

Beide Initiativen werden vom Medienboard Berlin-Brandenburg unterstützt, das „Yorck on Demand“ mit 45.000 Euro und der „Indiekino Club“ mit 28.500 Euro. Das sind keine Präferenzen, sondern exakt die Beträge, die beantragt wurden. Der digitale Kinosaal sei eine „tolle Ergänzung für das analoge Kinoangebot“, meint denn auch Medienboard-Geschäftsführerin Kirsten Nie­huus und wandelt einen alten Werbespruch markig um: „Ab jetzt gilt nicht nur im Kino, sondern auch auf der Couch: Nur Kino kann, was Kino kann.“

Beide Initiativen gehen auch nach Corona weiter

Ein deutliches Signal, das genau zur richtigen Zeit kommt. Hat die Filmförderungsanstalt (FFA) doch gerade jüngste Zahlen veröffentlicht, wonach die Kinoeinnahmen wegen des Lockdowns katastrophal eingebrochen sind. Deutschlandweit wurden 2020 nur 38,1 Millionen Kinotickets verkauft, 80,5 Millionen weniger als im Vorjahr, ein Einbruch um 68 Prozent. In Berlin waren es 3,2 Millionen Tickets, ein Minus von 65 Prozent.

Die neuen Plattformen reagieren auf diesen Verlust, sind aber explizit nicht nur als Zwischenlösung gedacht: Sie sollen auch in hoffentlich bald wieder normalen Zeit das reguläre Kinoprogramm ergänzen. „Der ,Indiekino-Club’ bringt Streaming und analoges Kino zusammen und funktioniert langfristig über die Pandemie hinaus“, sagt „Indiekino“-Geschäftsführerin Hendrike Brake. Auch Christian Bräuer beteuert, „Yorck on Demand“ sei „nicht als Lockdown-Ersatz konzipiert, sondern ausdrücklich als Erweiterung unseres Kinoangebots auch in normalen Zeiten“.

Zwei Independent-Alternativen zu den Streaming-Riesen: Macht man sich da aber nicht unnötig Konkurrenz? Nein, heißt es von beiden Projekten, dafür seien die Konzepte zu unterschiedlich. Das spricht also eher für den innovativen Berliner Kinomarkt. Und noch eins versichern beide: Nichts auf der Welt kann das ­Kinoerlebnis ersetzen.