Literatur

Ein Klavierstimmer auf der Suche nach dem perfekten Klang

| Lesedauer: 6 Minuten
Ulrike Borowczyk
Miyashita

Miyashita

Foto: Yoshika Horita/Insel Verlag

Natsu Miyashitas „Der Klang der Wälder“ ist in Japan ein Millionen-Bestseller. Er handelt vom Streben nach Glück

Der Klang des Klaviers, der ihn an die herbstlichen Wälder seiner Kindheit erinnert, erwischt Tomura unerwartet. Ein Moment, der sein Leben verändert. Dabei hat er bislang nie einen Gedanken an den Flügel in der Turnhalle verschwendet. Alles was für ihn zählt, ist ein vernünftiger Schulabschluss. Ein kurzfristiges Ziel, aber für den Teenager aus einem einsamen Bergdorf, der sich fremd im Internat in der Stadt fühlt, wäre das schon ein Erfolg. Nun steht er in der Turnhalle und plötzlich vibrieren Töne auf seiner Haut. Eine unbekannte Erfahrung. Dabei wird das Instrument eigentlich nur gestimmt. Am liebsten würde Tomura den Stimmer Itadori fragen, was er da macht. Scheu, wie er ist, traut er sich nicht. Dennoch bleibt er wie festgewachsen stehen, beobachtet und lauscht. Die folgenden zwei Stunden vergehen für ihn dabei wie im Flug, und in ihm wächst die Gewissheit, dass es seine Bestimmung ist, Klavierstimmer zu werden. Und Itadori erahnt sein Talent.

Keine Dramatik, aber eine berührende Biographie

Unspektakulär, aber voller poetischer Bilder beginnt die Geschichte von Tomura, dem Ich-Erzähler in Natsu Miyashitas Roman „Der Klang der Wälder“. Ein Millionenbestseller in Japan. 2015 erschienen, 2018 verfilmt, ausgezeichnet mit dem Japanischen Buchhändlerpreis. Ein Entwicklungsroman im besten Sinne. Ohne Handlungsbogen voller Dramatik, dafür mit einer berührenden Biographie aus dem normalen Leben. Mit leisen Tönen erzählt Natsu Miyashita vom Streben nach Glück, das sich nicht in Erfolg oder Vermögen misst. Denn der perfekte Klang, den Tomura im Sinn hat, ist ein immaterieller Schatz. Aus ländlichen Verhältnissen stammend, fehlt es Tomura eigentlich am Rüstzeug für den Beruf. Musik ist für ihn Terra incognita. Mit Fleiß und Leidenschaft macht er sein Manko zwar beruflich zwar wett, aber die Gepflogenheiten in der Stadt scheinen ihm noch nach Jahren unbegreiflich zu sein. Im Umgang mit anderen ist er zwar höflich, aber ungelenk. Doch Itadori hat ihn so sehr inspiriert, dass Tomura alles andere in Kauf nimmt. Also studiert er zwei Jahre lang das Handwerk des Klavierstimmers. Um dann festzustellen, dass Schule und Theorie das eine sind, die Praxis das andere. Für ihn mit unerreichbar hohen Anforderungen. Noch.

Tomura landet in der kleinen Firma, in der auch Itadori einer von drei Klavierstimmern ist. Er ist ein wahrer Meister. Das Maß aller Dinge, wenn es um den Klang eines Klaviers geht. Der hängt von vielen Faktoren ab, wie Tomura auf seinen Einsätzen mit dem Kollegen Yanagi erfährt. Nicht nur die Beschaffenheit des Holzes, auch das Innenleben des Instruments spielt eine entscheidende Rolle. Wie der Raum, der Schall und natürlich der Spieler selbst. Besonders angetan haben es Tomura dabei die Zwillinge Yuni und Kazune. Letztere ist angehende Konzertpianistin.

Die europäische Musik ist in Japan allgegenwärtig

Als Europäer ist man erst ein wenig erstaunt über diese Hingabe zum Klavier, die sich die Japaner einiges kosten lassen. Denkt man hier an japanische Musik, hat man die ekstatischen Trommler des Landes vor Augen, die zarten Klänge der Shamisen, der Langhalslaute, im Ohr. Doch die traditionelle Musik ist im Land der aufgehenden Sonne wenig populär. Allgegenwärtig ist die europäische Musik vom Barock bis zur Klassik. Bach, Beethoven, Debussy, Schubert. Man lernt Geige und Klavier statt Shakuhachi oder Taiko, wie Bambusflöte oder Trommeln heißen.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht mehr, dass Klavierstimmer selbst in einem Provinz-Städtchen äußerst gefragt sind. Die meisten von ihnen sind künstlerisch begabt. Wie Yanagi, der Drummer in einer Punkband ist. Tomura hingegen bleibt bodenständig, zurückhaltend. Resistent gegen jede Verlockung der Stadt. Auch, wenn er sich dort nach und nach wohler fühlt. Ein leicht naiver Menschenfreund, in dem alle ein großes Talent sehen. Er indes glaubt nicht nicht an sich, hält sich für unzulänglich, weil es ihm an Selbstbewusstsein fehlt. Doch je mehr Erkenntnisse er über das Klavierstimmen gewinnt, desto mehr weitet sich seine Welt. Sie wird nuancenreicher. Emotional, seelisch, gedanklich.

Doch Tomura muss auch erfahren, dass Talent nicht alles ist. Der Weg eines Stimmers ist steinig und lässt ihn oft genug verzweifeln. Aber er hat Hilfe. Etwa von Sekretärin Kitagawa, die ihn daran erinnert: „Aus allem wird etwas, wenn man zehntausend Stunden investiert.“

Das Buch nimmt den Leser mit auf die Reise, die Tomura antritt, als er sich für seinen Beruf entscheidet. Sein Ziel ist der Ton, der Bilder vom herbstlichen Wald in ihm heraufbeschwört. Dass er diese Verbindung sucht, kommt nicht von ungefähr. Für Japaner gehören Klang, Natur und Kosmos zusammen. Und für Tomura ist der Wald nicht nur dafür Sinnbild. Er ist für ihn auch der Ursprung eines Klaviers, das aus Holz gemacht ist. Und ein Ort, an dem Gefahren lauern. Wenn man dort an der Schwelle zur Dunkelheit hineingeht, kann es sein, dass man sich verirrt und nie wieder ins Licht zurückfindet. Für seinen Traum muss sich Tomura aber in den Wald wagen und sich Schritt für Schritt einen Weg bahnen. Aber er spürt, dass ihm noch ein entscheidender Mosaikstein fehlt. Nur, wenn er Kazune spielen hört, fallen alle Zweifel von ihm ab. Dann weiß er sofort, wie ihr Klavier klingen sollte.

Wie der perfekte Klang beschaffen sein sollte, verrät übrigens Itadori und zitiert den japanischen Schriftsteller Tamiki Hara: „Hell, ruhig und klar, an wehmütige Erinnerungen rührend, zugleich aber mit einer milden Strenge in die Tiefe gehend. Schön wie ein Traum und greifbar wie die Wirklichkeit.“ Besser könnte man auch Natsu Miyashitas wunderbaren Roman nicht beschreiben. Ein Genuss, nicht nur für Musikliebhaber.