TV-Kritik

Ulrich Tukur und das weite Meer der Trauer

| Lesedauer: 4 Minuten
Hier bin ich, hier bleib ich:  Der erfolgreiche Unternehmer Thomas Wintersperger (Ulrich Tukur) krempelt sein  Leben um und zieht an die Küste.

Hier bin ich, hier bleib ich: Der erfolgreiche Unternehmer Thomas Wintersperger (Ulrich Tukur) krempelt sein Leben um und zieht an die Küste.

Foto: WDR

In „Meeresleuchten“ muss Ulrich Tukur einen schrecklichen Verlust bewältigen. Regisseur Panzer verarbeitete damit eigene Erfahrungen.

Er steigt aus. Buchstäblich. Der Unternehmer Thomas Wintersperger (Ulrich Tukur) lässt den Bus anhalten, um die letzte Strecke zu Fuß zu gehen. Er kehrt aber nicht mehr zu seiner Frau Sonja (Ursina Lardi) ins Hotel zurück. Er übernachtet einfach in der Gegend. Und kauft spontan, er sich kann sich das leisten, den Krämerladen des kleinen Orts. Um ihn zu einem Café umzubauen – trotz recht überschaubarer Kundschaft.

Ein radikaler Lebenseinschnitt. Dem aber ging ein anderer voraus. Die gemeinsame Tochter ist bei einem Flugzeugabsturz vor der ostdeutschen Küste ums Leben gekommen. Wintersperger hatte eigentlich versprochen, mit ihr nach Japan zu reisen. Er hätte also mit in der Unglücksmaschine sitzen müssen, hat aber wegen der Firma mal wieder in letzter Minute abgesagt.

Einfach nicht mehr so weitermachen

Es gibt viele Arten, mit Verlust umzugehen. Und nicht wenige sind seltsam. Gattin Sonja etwa, eine erfolgreiche Architektin, ignoriert die Todesnachricht fast und stürzt sich dann nur noch mehr in die Arbeit. Um den Schmerz gar nicht erst an sich ran zu lassen. Die Mutter eines anderen Todesopfers peinigt dagegen alle bei einer gemeinsamen Trauerfeier an der Küste mit ihrem lauten, nicht eben sensiblen Lamentieren, dass ihr Kind das nicht verdient habe.

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Deshalb verlässt Wintersperger den Bus, der alle Trauernden in ihr Hotel nach Heiligendamm zurückbringt. Der gut betuchte Unternehmer aus der Stadt, er muss erkennen, dass er nur noch für seine Firma lebt und funktioniert. In dieses alte Leben will er nun nicht mehr zurück. Der Mann war nie nah am Wasser gebaut, aber jetzt will er am Wasser leben. In tiefster Provinz, aber in der Nähe der letzten Überreste seiner Tochter.

„Meeresleuchten“ von Wolfgang Panzer, der sowohl das Drehbuch schrieb als auch Regie führte, ist ein stilles Drama über Schmerz und Trauer und wie man damit umgeht. Und der Film ist immer ganz stark, wenn er ganz nah an diesem Aussteiger ist, der von Ulrich Tukur sehr eindringlich, aber mit seinem typischen Schuss an Verschrobenheit gespielt wird. In Ursina Lardi hat er eine ebenbürtige, präsente Mitspielerin. Nur leider macht sie die Lebenswende ihres Gatten nicht mit und ist dann bald ein bisschen aus dem Film verschwunden.

Ein persönlicher Film mit vielen Wahrheiten

Der Schweizer Regisseur, Jahrgang 1947, dessen berühmtester Film 1995 „Broken Silence“ war und 2007 den Antikriegsklassiker „Die Brücke“ neu verfilmte, hat zehn Jahre lang keinen Film mehr realisiert. Nun meldet er sich mit „Meeresleuchten“ zurück. Schon als junger Fernsehreporter hat Panzer an zwei Absturzstellen über Flugzeugunglücke berichtet und dabei grauenhafte Impressionen mitgenommen, die ihn, wie er zugibt, bis heute nicht loslassen. Vor Jahren hat er auch an der Ostküste Kanadas gedreht, ganz in der Nähe, wo sich 1998 die Katastrophe um Swissair 111 zugetragen hat.

„Meeresleuchten“ ist also ein sehr persönlicher Film. Und doch mäandert er seltsam vor sich her. Als habe Panzer seinem Thema doch nicht ganz getraut, hat er ein paar wunderliche Küstenkäuze hinzuerfunden und star-besetzt: eine schöne Fremde, die jeder schneidet (Sibel Kikelli), ein scheuer Handwerker (Kostja Ullmann) und eine senile Seniorin (Carmen Maja-Antoni). Mit all deren persönlichen Geschichten verliert Panzer die eigentliche aus dem Blick. Der Aussteiger rührt denen zeitweise nur noch den Kaffee. Und auch für die wunderschönen Landschaften an der Ostsee und in Vilnius findet er keine adäquaten Bilder. Aber dann gibt es doch immer wie nebenbei feine Weisheiten und Wahrheiten, die einen mit dem Film versöhnen.

„Meeresleuchten“: ARD, heute, 20.15 Uhr