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Königs köstliche Corona-Comic-Kur

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Ausschnitt aus: Ralf König: „Vervirte Zeiten“.

Ausschnitt aus: Ralf König: „Vervirte Zeiten“.

Foto: Rowohlt / Ralf König

Seit März vergangenen Jahres bringt Ralf König seine Fangemeinde mit täglichen Corona-Cartoons zum Schmunzeln.

Berlin. Etwa so: Deine Schwester schimpft über die Schutzmasken, die täglich ihr Make-Up ruinieren, und redet sich förmlich in Rage: „Aber so was überlegt sich Frau Merkel ja nicht! Die hat bestimmt noch nie was an sich machen lassen.“ Oder so: Du machst deiner Bekannten ein Kompliment, dass sie heute gut rieche. Dabei trägt sie gar kein Parfum. Muss am Desinfektionsmittel liegen: der Duft der Zeit. Also sprüht sie sich ganz damit ein. Mit dem trockenen Kommentar: „Wow, ich bin hip.“

Oder so: Ein Bekannter verkündet dir am Telefon, während des Lockdowns einfach zu verwahrlosen. Und dein zarter Einwand, dass man doch bald stinke, aber zum Einkaufen ab und zu unter Leute müsse, wird ins Gegenteil verkehrt: „Genau! Und die bleiben alle schön auf zwei Meter Abstand.“

Eine Art kreative Therapie – für den Künstler und die Fans

Vier Bilder, sogenannte Panels, ein paar Knollennasen und ein paar pointierte Sprechblasen: Das war der tägliche Ritus, den Ralf König, Deutschlands bekanntester und erfolgreichster Comiczeichner, sich auferlegt hat, als das Land im März vergangenen Jahres in den ersten Lockdown geschickt wurde. Bis Ende Oktober hat er das durchgehalten. In dieser langen Zeit ist einiges zusammengekommen. Die schönsten Strips erscheinen nun heute auch als Buch, mit dem sinnigen Titel „Vervirte Zeiten“.

Den ersten Cartoon zeichnete er am 18. März. Da wurde gerade der Eurovision Song Contest abgesagt. Für die schwule Community, die der 60-Jährige am liebsten karikiert, der Super-GAU. Und der Beleg: Jetzt wird es ernst. Drei Tage später folgte eine Karikatur mit einer aufgetakelten Marie Coronette, die den fatalen Spruch von Marie Antoinette – „Wenn das Volk kein Brot hat, soll es Kuchen essen“ – ironisch auf die aktuellen Verhältnisse übertrug; „Wenn das Volk kein Klopapier hat, soll’s Servietten nehmen!“ Noch mal zwei Tage später reanimierte König sein schwules Paradepaar Konrad und Paul und schickte es in die Pandemiezeit. Von da an verzückte er seine Fans und Freunde mit einem täglichen Cartoon auf Facebook.

So was tut er eigentlich nur selten. „Als Buchautor lebt man vom Buchverkauf“, darauf legt er Wert, Gratisbespaßung ist ihm suspekt. Er war aber gerade dabei, einen Comic über Political Correctness zu konzipieren, über gendergerechte Sprache, Querelen in der queeren Szene und alte weiße Männer. Da wurde die Republik in den Lockdown geschickt. Und von den Themen, über die gerade noch so leidenschaftlich gestritten wurde, redete plötzlich keiner mehr. Die ersten Cartoons dagegen, die er zu Corona postete, gingen, so König, „durch die Online-Decke“, wurden begeistert kommentiert, geteilt und viral verbreitet.

Das war auch eine Art Therapie. Denn während andere im erzwungenen Stillstand versauerten, erfuhr König einen kreativen Schub. Der tägliche Cartoon brachte ihn durch den Krisensommer. Und statt selbst am Lockdown zu leiden, ließ er seine Figuren daran darben. Eine Art Ersatzhandlung, die nicht nur ihm selbst Spaß machte in diesen spaßbefreiten Tagen, sondern erst recht seinen Fans. Die brachte er täglich zum Schmunzeln. Und auch das hatte eine durchaus therapeutische Wirkung.

Ralf König wurde erst mit deftigen „Schwulcomix“ in der queeren Szene bekannt, seit „Der bewegte Mann“, der auch als Film ein Hit war, lachen auch Heterosexuelle über seine Comics. Ob er literarische Klassiker neu erzählt oder sich mit aktuellen gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzt, mit der verkrusteten christlichen Kirche, dem radikalen Islamismus oder dem Streit um Mohammed-Karikaturen. Mehrfach wurde er dafür ausgezeichnet, etwa 2006 mit dem Max-und-Moritz-Preis oder 2017 mit dem Wilhelm-Busch-Preis, und zählt damit zu den renommiertesten Comiczeichnern des Landes. Immer wieder kehrt er aber auch zu seinem Stammthema zurück: mit seinen witzigen und doch hintersinnigen Cartoons über die Schwulenszene – und seinen berühmtesten Knollennasen: Konrad und Paul.

Der kultivierte Konrad kommt im Lockdown mit einem Buch auf dem Sofa ganz gut zurecht, während sein hedonistischer Partner Paul im anbrechenden Frühling unter Hormonstau leidet. Die verwirrten, pardon: vervirten Zeiten im Buch sind dabei nur der halbe Spaß.

Als Science-Fiction-Autor verarbeitet Paul die Pandemie auch in seinen Romanen um „Barry Hoden“ – eine Verballhornung von „Perry Rhodan“ – , die auf einem fernen Planeten spielen, der die Form eines recht behaarten, männlichen Hinterteils hat. Ist das dem Rowohlt Verlag zu derb? Königs deftigere schwule Comics erscheinen in einem anderen Verlag, bei Männerschwarm. Dort kam auch schon ein „Barry Hoden“-Band heraus.

Signierstunde in Berlin

Seit Ende Oktober zeichnet König nicht mehr täglich einen Corona-Cartoon, an Neujahr postete er den bislang letzten. Sicher, zur Zeit arbeitet er an einem eigenen Band zu „Lucky Luke“. Und nun stehen erst mal Signierstunden für „Vervirte Zeiten“ an und hoffentlich bald auch öffentliche Lesungen. Denn wenn König seine eigenen Sprechblasen rezitiert, ist das immer ein besonderer Spaß. Doch Corona ist noch nicht vorbei. Und so bleibt die Hoffnung, dass König die Pandemie, wenn auch nicht mehr täglich, weiterhin begleitet. Die Cartoons sind einfach eine zu köstliche Corona-Kur. Man möchte sie nicht missen.

Signierstunde in Berlin: 13. März, 14 Uhr, im Buchladen Eisenherz in Schöneberg.