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Sie spielt die neue Christiane F.: Jana McKinnon

| Lesedauer: 7 Minuten
Peter Zander
Schauspielerin Jana McKinnon bei den Dreharbeiten in der Berliner Gropiusstadt.

Schauspielerin Jana McKinnon bei den Dreharbeiten in der Berliner Gropiusstadt.

Foto: picture alliance / Constantin Television GmbH

In der Amazon-Serie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ spielt Jana McKinnon die Hauptrolle. Und muss den Vergleich zum Kinofilm aushalten.

Was für eine extreme, fordernde Rolle! Und was für eine Erwartungshaltung hängt daran! „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ist neu verfilmt worden, diesmal als Serie. Wenn der Sechsteiler ab kommendem Freitag auf Amazon Prime Video läuft, wird jeder erst mal an den berühmten Film denken, der vor fast genau 40 Jahren, im April 1981, in die Kinos kam. „Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, inszeniert von Uli Edel, produziert von Bernd Eichinger, hat wohl noch mehr Wirkung erzielt als das gleichnamige, zugrunde liegende Tatsachenbuch, das jahrelang die Bestsellerlisten anführte und die Bundesrepublik ihr lange verdrängtes Drogenproblem vor Augen hielt. Der Film hat dieses Milieu in schockierenden Bildern gezeichnet, die - das gelingt den wenigsten Filmen – auch nach so langer Zeit noch im Kopf spuken.

Auch Hauptdarstellerin Natja Brunck­horst wurde damals über Nacht berühmt. Der Medienrummel traf sie aber völlig unvorbereitet. Sie war gerade mal 13, als sie die Titelrolle der Christiane F. spielte, 14, als der Film ins Kino kam. Jeder setzte Rolle und Figur in eins, glaubte, sie selbst habe ein Drogenproblem. Und überall lauerten Schaulustige. Bis der Teenager nach England floh. Heute arbeitet Brunckhorst nur noch hinter der Kamera, als Drehbuchautorin, bald folgt ihr Regiedebüt. Die Aufklärungsarbeit gegen Drogen wurde eine Art Berufung für sie. Aber es brauchte lange, bis sie mit dem plötzlichen Ruhm umgehen konnte.

Eine Rolle, die schon einmal Ruhm und Fluch brachte

Nun spielt Jana McKinnon die neue Christiane F. Eine junge Schauspielerin aus Österreich, die hierzulande noch nicht so bekannt ist. Was vielleicht auch ein Grund war, sie zu casten: So kann man sich besser und unverstellt mit ihrer Figur identifizieren. Auch McKinnon könnte Christiane F. zum Durchbruch verhelfen. Aber auch für sie könnte sie zum Fluch werden.

Mehr zum Thema: 40 Jahre nach dem Film wurde „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ neu verfilmt

Hat man bei einer solchen Rolle nicht Angst, dass alle den Vergleich ziehen – von Jana zu Natja? „Klar fragt man sich, ob man dem überhaupt gerecht werden kann“, gibt die Schauspielerin, die wir corona-bedingt nur telefonisch sprechen, offen zu. „Man setzt sich immer Kritik aus, wenn man eine Geschichte noch mal neu erzählt.“

Aber sie ist eben keine 14 mehr wie Brunckhorst, sondern schon 22. Sie ist auch keine Novizin. Trotz ihrer jungen Jahre hat sie schon 15 Filme gedreht, den ersten mit vier Jahren, sie hatte auch schon mehrere Hauptrollen absolviert, vor allem in österreichischen Filmen, aber auch in deutschen wie dem Drama „Wach“, der einen Grimmepreis gewann, oder einer „Tatort“-Folge. Als beste Nachwuchsschauspielerin war sie schon 2016 beim österreichischen Filmpreis Romy nominiert, 2018 beim Nachwuchspreis von Studio Hamburg. Und vergangenes Jahr wurde sie, wenn auch corona-bedingt nur virtuell, mit dem New Faces Award ausgezeichnet. Die junge Frau ist also ganz anders gewappnet.

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Vor allem aber soll die Amazon-Serie auch dezidiert kein Remake des Kinoklassikers sein, sondern ein größeres Universum erschließen, nicht nur das Los von Christiane F. erzählen, sondern auch das ihrer Freunde und deren Eltern. Ganz bewusst heißt die Serie deshalb nur „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, ohne den Vorsatz „Christiane F.“. McKinnon spielt also nur eins der Kinder, die Last ist auf viele Schultern verteilt.

„Ich musste meine eigene Christiane kreieren“

Und McKinnon tröstete sich schnell, dass sie es in dieser berühmten Rolle ohnehin nicht jedem recht machen kann. Und dass das auch nicht ihr Ziel sei: „Ich wollte und musste eine eigene Christiane kreieren. Die andere gab’s ja schon.“ Dazu passt, dass die Serie zwar original in den 70er-Jahren spielt, aber sehr heutig erzählt wird, um ein neues, junges Publikum anzusprechen. Das lässt ohnehin mehr Spielraum.

Sagt dieser Stoff Jugendlichen von heute überhaupt noch was? McKinnon, Tochter einer Österreicherin und eines Australiers, wurde in Wien geboren und lebte viele Jahre in Australien. Sie ist Jahrgang 1999, da war das Buch schon 20 Jahre alt. Kannte sie die Geschichte von Christiane F. noch? „Irgendwie schwirrt der Begriff so herum in der Welt“, meint sie. „Den Titel hat man irgendwann mal gehört.“ Das Buch sei auch oft in der Schule gelesen worden, bei ihr stand er aber nicht im Lehrplan. Den Film kannte sie auch nicht. Den schaute sie erst zur Vorbereitung, nachdem sie besetzt war.

Der Stoff ist ganz anders zu ihr gekommen. Einer dieser Zufälle, wie sie eigentlich nur das Leben schreiben kann Anfang 2019 ist sie nach Berlin gezogen. Weil sie „raus wollte aus Wien“, in eine größere Stadt. Beruflich musste sie ohnehin öfter nach Berlin. „Geh’ ich halt dahin“, sagte sie sich. Dort wollte sie dann etwas lesen, was mit der Stadt zu tun hatte. Und da kam sie – „ich weiß nicht, wie“ - auf „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.

Ein Risiko, das man eingehen muss

Das Buch habe sie total mitgenommen, sie musste es öfter weglegen. Doch dann, nur zwei Wochen später, wurde sie zu einem Casting eingeladen. Ohne zu wissen wofür. Als sie erfuhr, es ging um „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und sie sollte Christiane F. spielen, konnte sie es kaum glauben. Alles ging sehr schnell: „Am Freitag hörte ich vom Casting, am Samstag kam der Text, am Montag war das Vorspielen und am Dienstag hatte ich die Rolle.“

Was für eine Feuertaufe für eine Neuberlinerin, die Stadt gleich mit allen Abgründen kennenzulernen. Natürlich verspürte sie anfangs etwas Druck. „Weil das so ein großer Name ist. Und weil das Buch und der Film bei vielen große Emotionen ausgelöst hat.“ Halt aber fand sie bei den anderen Darstellern der Clique. Eine intensive gemeinsame Reise sei das gewesen, da sind auch wirkliche Freundschaften entstanden. „Und wenn einen die Kraft verlassen hat, haben die anderen mitgezogen.“

Auch die fertige Serie haben sie dann zusammen gesehen. „Das war sehr emotional, wir mussten ständig Händchen halten.“ Wenn der Sechsteiler jetzt startet, ist sie gespannt, was kommt. Aber sie ist eben keine 14 mehr wie Natja Brunckhorst. Fast schon zu alt für die Rolle, aber besser gewappnet für die Folgen. „Ich hoffe, dass man mich auch als Schauspielerin wahrnimmt und nicht mit der Rolle verwechselt.“ Aber, meint Jana McKinnon, und es klingt fast abgeklärt: „Das ist ein Risiko, das man eingehen muss.“

„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“: ab 19. Februar bei Amazon Prime Video,