„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“

Annette Hess und der Stoff, der sie nie losgelassen hat

| Lesedauer: 10 Minuten
Peter Zander
Das Buch über „Christiane F.“ hat Annette Hess fasziniert und abgestoßen - und war auch der Grund, warum sie nach Berlin zog.

Das Buch über „Christiane F.“ hat Annette Hess fasziniert und abgestoßen - und war auch der Grund, warum sie nach Berlin zog.

Foto: Jörg Krauthöfer

Ob „Weissensee“ oder „Ku’damm 56“: Drehbuchautorin Annette Hess ist Spezialistin für Berliner Geschichte(n) – wenn auch nur unbewusst.

Sie ist eine Expertin für Berliner Stoffe: Mit „Weissensee“ und „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ hat sich Annette Hess der Stadt in den 80er-Jahren angenommen, mit „Ku’damm 56 und 59“ in den 50-ern. Nun wagte sich die Drehbuchautorin an die 70-er, an einen Stoff, der sie schon immer gereizt hat und bei dem sie nun dem Vergleich mit einem Klassiker standhalten muss: Sie hat das Erfolgsbuch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ neu verfilmt – als Serie für Amazon.

Frau Hess, „Weissensee“, „Ku’damm 56 und 59“, „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ und jetzt „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“: Sind Sie die Filmchronistin der jüngsten Berliner Geschichte?

(lacht) Anscheinend. Nicht, dass ich mir das so vorgenommen hätte. Das ist eher geschehen. Aber ich bin ein großer Berlin-Fan. Bin es immer gewesen. Mit Hamburg oder München könnte ich nicht so viel anfangen.

Stimmt es, dass Sie „Ku’damm 63“ abgegeben haben, weil Sie sich lieber mit „Bahnhof Zoo“ beschäftigen wollten?

Unter anderem. Als Creative Producerin bin ich noch weiter dabei, aber nicht mehr als Autorin. Ich bin nicht Horst Tappert, der ewig als Derrick weitermacht. Ich hab‘ auch noch andere Ideen und will mich neu ausprobieren. „Christiane F.“ hat mich immer fasziniert. Sie war auch ein Grund, warum ich unbedingt nach Berlin ziehen wollte.

Wirklich? Als ich dahin zog, haben mich alle gewarnt, geh da bloß nicht hin, da endest du in einer Toilette mit einer Spritze im Arm.

Ich habe mit 12 dieses Buch gelesen und wollte sofort nach Berlin. Ich wollte ins Sound gehen, so eine coole Clique haben. Und auch Drogen nehmen. Bei ersten Berlin-Besuchen bin ich auch immer am Bahnhof Zoo rumgeschlichen und hab mich nicht reingetraut. Denn gleichzeitig waren mir natürlich auch die schrecklichen Konsequenzen klar. Ich war zwar punkig drauf damals, aber ich hatte auch viele Ängste und wäre mit dieser harten Welt in der Wirklichkeit nicht zurechtgekommen. Diese Ambivalenz aus Anziehung und Abstoßung bewegt mich bis heute.

Das Projekt wurde bereits im Sommer 2017 angekündigt. Warum hat das so lange gedauert?

Als ich das mit Oliver Berben verkündet hatte, gab es noch gar keinen Sender als Partner. Oliver hat mir den seltenen Luxus von kreativer Freiheit ohne Zeitdruck ermöglicht und gesagt: Schreib du mit deinem Writers Room, wie es euch gefällt. Und acht Folgen schreiben braucht seine Zeit. Dann hat es gedauert, den Cast zu finden. Wir hatten zudem rund 120 Drehtage und eine entsprechend aufwendige Postproduktion. Da sind drei Jahre schnell rum.

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Die Reißlinie liegt hoch. Uli Edels Film wurde ein Klassiker. Jeder, der ihn gesehen hat, hat da heute noch Bilder im Kopf. Hat man da auch ein bisschen Angst vor dem Vergleich? Angst, dem nicht gerecht zu werden?

Nein. Mein Weg zu dem Stoff war ja ein anderer. Ich habe dieses Buch immer wieder verschlungen, hab‘ mich damit identifiziert. Als der Film kam, habe ich mich sehr auf ihn gefreut. Aber im Kino war ich dann wirklich geschockt über all die Verkürzungen und bin beleidigt raus. Das war im Grunde schon die Motivation für die Serie. Ich wollte, dass dieses Buch erzählt wird, nicht den Film reproduzieren. Heute liebe ich den natürlich, er ist ein Zeitdokument. Die haben am Zoo teilweise illegal aus Taschen heraus gedreht, weil sie keine Drehgenehmigung hatten. Zu dem Film gibt es viele abenteuerliche Geschichten. Aber wir wollten in der Serie definitiv keinen dokumentarischen Ansatz.

Die Handlung spielt in den 70-ern, wird aber sehr heutig erzählt. War das von Anfang an die Idee, um die Jugendlichen von heute anzusprechen?

Ich selbst denke nie an ein Zielpublikum. Bei „Ku’damm 56“ wurde mir erst, als gedreht wurde, klar, dass das ja mehrere Generationen anspricht. Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Man kann mich da auch naiv nennen. Aber ich will immer erst mal eine Geschichte erzählen, die mich selbst fasziniert. In der Hoffnung, dass sich das überträgt. In frühen Versionen haben wir „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ noch viel mehr in der Zeit verortet, sogar um RAF-Anleihen angereichert, was die Endsiebziger ja auch sehr geprägt hat. Das ist aber alles wieder rausgeflogen. Wir wollten das Universelle der Geschichte herausschälen: wie Menschen mit ihren Ängsten umgehen, dass Menschen dazu neigen, ihre seelischen Schmerzen mit Drogen zu kompensieren. Das ist ja immer ein aktuelles Thema, auch bei den Drogen heute. Die heißen zwar anders. Aber es wird mehr konsumiert denn je.

Hätte man dann aber nicht auch von den heutigen Drogen erzählen müssen, von Ecstasy oder Crystal Meth?

Auch darüber haben wir diskutiert. Wir haben auch mal überlegt, es zu überhöhen und der Droge gar keinen Namen zu geben. Aber das wäre mir zu weit von der wahren Geschichte fortgegangen. Ich wollte auch ein bisschen Nostalgie in der Katastrophe.

Hatten Sie auch Kontakt aufgenommen zu Christiane Felscherinow, der wahren Christiane F.?

Nein. Sie wusste von unserem Projekt. Es gab auch mal Ansätze, sich zu treffen. Aber sie lebt sehr zurückgezogen, so dass es nicht dazu kam. Dafür konnten wir aber auf die ganzen Originaltonaufnahmen zurückgreifen, 30 Musikkassetten, mit denen damals die Interviews für das Buch geführt wurden.

Beim Kinofilm unvergessen sind die Bilder vom kalten Entzug, wenn die Jugendlichen sich ankotzen. Oder wenn sie sich prostituieren. Sie zeigen das auch, aber nicht so drastisch. Bei Ihnen gibt es sogar ein vages Happy End. Könnte da der Vorwurf kommen, das Thema ein wenig zu verharmlosen? Nach dem Motto: Ist ja gar nicht so schlimm?

Auf diesem schmalen Grat haben wir uns natürlich immer bewegt. Ich wollte mich aber, gerade bei den sehr drastischen Entzugsszenen, nicht wiederholen. Genau in diese Falle wollten wir nicht laufen. Wir wollten auch nicht mit erhobenem Zeigefinger Schulfernsehen machen. Und je drastischer man etwas zeigt, desto schneller erzeugt man nur noch Abschreckung. Für mich ist es aber entscheidend, die Empathie der Zuschauer zu keinem Punkt zu verlieren. Als die beiden im Film gekotzt haben, habe ich im Kino plötzlich von außen auf das Elend geschaut. Das aber wollte ich absolut verhindern: dass man aus der Geschichte aussteigt. Der Schluss der Serie ist natürlich auch ironisch gemeint. Denn das ist das, wovon junge Mädchen normalerweise träumen. Ich glaube schon, dass wir den Figuren gerecht werden und nichts verharmlosen. Wir hoffen auch, dass die Leute mal googeln und erfahren, dass Christiane F. auch später immer mal wieder Drogenrückfälle hatte.

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Christiane Felscherinow hat ja Jahre später ein eigenes Buch geschrieben über ihre späteren Rückfälle. Hatten Sie je mal überlegt, das auch noch in die Serie zu integrieren.

Immer wenn man mit einem Produzenten spricht, hat der schon Ideen für eine zweite Staffel im Kopf. Logistisch mag das Sinn machen, weil man alles schon mal aufgebaut hat. Aus Autorensicht finde ich das eher schwierig. Uns ging es darum, einen in sich abgeschlossenen Bogen zu erzählen. Für uns war das Ende Christianes Schritt in die Prominenz, als sie im Gericht auf dem Flur von Journalisten angesprochen wurde. Die wollten ja auch nur ein kurzes Interview mit ihr machen, und daraus wurde dann dieser Bestseller. Das war eine Schnittstelle in ihrem Leben. In einer zweiten Staffel müsste es natürlich eine Rolle spielen, was das mit ihr gemacht hat.

Wie ist das, wenn man eine solche Berlin-Geschichte schreibt, aber dann überwiegend in Prag drehen muss, weil es hier nirgends mehr die authentischen Außenkulissen gibt?

Was wir schreiben und bauen, ist immer Fiktion und Illusion. Authentisch konnte es sowieso gar nicht werden, dafür hat sich Berlin viel zu sehr verändert. Aber als ich mit meinen Coautorinnen und Couatoren die Dreharbeiten in Prag besucht habe, sind wir raus in irgendein Industriegebiet gefahren, stolperten durch Hinterhöfe und Treppenhäuser – und standen plötzlich in der Eingangshalle vom Bahnhof Zoo. Den haben sie dort akribisch nachgebaut, exakt so wie er damals aussah. Mit echten Blumen im Blumenladen und mit Reisenden bevölkert. Als wir da drin standen, hatten wir alle Tränen in den Augen und konnten es nicht fassen. Das war echt.

„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“: ab 19. Februar bei Amazon Prime Video,