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BBC-Erfolg „Bodyguard“: Ein Leibwächter in der Schusslinie

| Lesedauer: 6 Minuten
Ein gefährlicher Job: Kriegsveteran David Budd (Richard Madden) muss die Innenministerin Julia Montague (Keeley Hawes) überwachen.

Ein gefährlicher Job: Kriegsveteran David Budd (Richard Madden) muss die Innenministerin Julia Montague (Keeley Hawes) überwachen.

Foto: ZDF

Der britische Quotenhit jetzt im ZDF: Die Serie „Bodyguard“ verarbeitet die Angst vor Terror und zeichnet ein böses Bild der Politik.

Es ist ein undankbarer Job. Die meiste Zeit steht man nur dumm rum. Trotzdem muss man alles im Auge behalten. Darf sich nie ablenken lassen. Das ganze Leben stellt man in den Dienst eines anderen Menschen. Immer bereit, diesen zu beschützen und sich zur Not vor ihn in eine Schusslinie zu werfen. Selbst wenn dessen Weltbild und Überzeugungen den eigenen diametral widersprechen. Und die Schutzperson einen womöglich noch mit ihren Launen traktiert.

Ein solcher Leibwächter ist David Budd (Richard Madden) in der britischen Serie „Bodyguard“, die ab dem heutigen Montag im ZDF ausgestrahlt wird: Immer tadellos im schnieken Anzug, steht er da wie ein Fels, ein Kabel am Ohr, Schultern ausgefahren, Hände verschränkt, aber bereit, jederzeit zuzupacken oder eine Waffe zu zücken. Man schaut ihm dabei dennoch gern zu. Denn Richard Madden, ein Star aus „Game of Thrones“, der aus der Serie allzu früh gemeuchelt wurde, macht auch hier eine mehr als gute Figur.

Dass er trotzdem ständig den Kiefer mahlt, liegt daran, dass er aus einem Afghanistan-Einsatz schwer traumatisiert zurückkehrte, woran seine Ehe gescheitert ist und weshalb er dringend zur Therapie müsste. Und jetzt wird er auch noch dazu abkommandiert – man sagt ihm – befördert, die ultrakonservative Innenministerin (Keeley Hawes) zu beschützen, die für all das steht, was den Kriegsveteranen aus der Spur gebracht hat.

Frau Minister heißt hier Julia Montague, worüber jeder Shakespeare-Kenner schmunzeln dürfte. Denn hier gibt es so gar keine Romeo-und-Julia-Romantik. So wie „Bodyguard“ auch nichts mit dem Herzschmerzschmalz des gleichnamigen Kinofilms zu tun hat, bei dem Kevin Costner den zickigen Popstar Whitney Houston beschützen musste.

Diese Julia Montague ist im Gegenteil eine Hardlinerin, die der Terrorgefahr mit neuen, schärferen Gesetzen begegnen will. Sie will aber nicht nur Kompetenzen der Polizei an den schwerer kontrollierbaren Geheimdienst abgeben. Es drängt sie auch in die Downing Street. Und es scheint, als spiele der Geheimdienst ihr pikante Details über den Premierminister und die Kabinettskollegen zu, damit sie diese unter Druck setzen kann. David Budd soll die eiskalte Karrieristin nicht nur beschützen, sondern auch auf genau solche Ränkespiele hin überwachen. Aber dann kommt ihm die Dame näher: Doch ein bisschen Romeo und Julia. Oder ist auch das nur Teil ihres kühlen Kalküls?

„Bodyguard“ ist die britische Antwort auf „House of Cards“. Die Politiker – und nicht nur die Schutzperson – erweisen sich also mindestens genauso zynisch und eiskalt. Aber der Sechsteiler kommt darüber hinaus auch mit jeder Menge Action daher. Und stellt nicht nur jedes vermeintlich ausgelutschte Klischee lustvoll auf den Kopf, sondern überrascht in eigentlich jeder Folge mit einer unerwarteten Wendung, die das Ganze in eine neue Richtung treibt.

Theresa May hat nach 20 Minuten abgeschaltet

Schon die erste Folge beginnt mit einem Knaller: David Budd sitzt da privat im Zug, mit seinen Kindern, als islamistische Terroristen einen Selbstmordanschlag verüben wollen, den er gerade noch vereiteln kann. Diesen Thrill kann man nicht toppen, denkt man zunächst. Und wird dann immer wieder eines besseren belehrt. Wobei die Titelfigur, auch das nimmt sehr für die Serie ein, eben kein strahlender Held ist, kein James Bond (für dessen Nachfolge Madden denn auch schon gehandelt wurde), sondern ein ambivalenter Charakter mit Schwächen und Blessuren, der zunehmend selbst zur Zielscheibe wird und von dem man bis zuletzt nie genau weiß, welche Agenda er eigentlich verfolgt.

Die Serie wurde bereits 2018 realisiert. Und lief bei uns schon auf Netflix, noch zu Zeiten, als der Streamingdiens noch nicht so populär war. Dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen jetzt nachzieht, ist dennoch lobenswert. Denn die BBC-Serie, die in Großbritannien eine der besten Quoten aller Zeiten einfuhr und dem Hauptdarsteller 2019 einen Golden Globe einbrachte, erzählt viel über das zerrissene Königreich, das gerade die EU verlassen hat. Neben dem actionreichen Plot wird hier gleich dreierlei mitverhandelt.

Da ist die Angst vor dem Terror: Immer wieder werden hier Anschläge im Zentrum von London verübt, eine aktuelle Verarbeitung von realen Ereignissen wie dem auf der Westminster Bridge 2017, die hier auch ins Bild rückt. Da ist der deprimierend ernüchternde Blick auf die Politik.

Eine zweite Staffel wird bereits vorbereitet

Teresa May, die damals noch Premierministerin war, soll die Serie nach 20 Minuten abgeschaltet haben, weil sie sich beim Fernsehen lieber entspannen will. Sie hätte womöglich einiges über den Intrigantenstadl lernen können, dem sie kurz danach selbst zum Opfer fiel. Und da schwingt als drittes auch latent die Angst mit, dass man über die Tagesaktualitäten andere Probleme der Nation gar nicht mehr mitbekommt.

Gut möglich, dass die Serie auch im ZDF gute Quoten gemacht hätte. Hätte man sie nicht im Nachtprogramm versteckt. In Großbritannien sitzt man nach dem immensen Erfolg schon an einer Fortsetzung. Wobei die größte Schwierigkeit, wie Serienautor Jed Mercurio einräumt, darin besteht, auch nur einen überzeugenden Grund zu finden, warum man das Ministerkabinett nicht schon in den ersten fünf Minuten töten sollte.

So spannend und sehenswert „Bodyguard“ auch ist, eine bange Frage muss doch erlaubt sein. Die nämlich, ob Formate wie „House of Cards“ oder „Bodyguard“, die ein bitterböses Bild von entfesselt machthungriger Politikern zeichnen, nicht auch zu der allgemein grassierenden Politikverdrossenheit beitragen.

„Bodyguard“: ZDF, 1., 8. u. 15. Februar, jeweils zwei Folgen, ab 22.15 Uhr..