Literatur

Die Leiter nach oben durch Leichen im Keller

| Lesedauer: 7 Minuten
Peter Zander
Seine Romane landen verlässlich auf den Bestsellerlisten: der irische Schriftsteller John Boyne.  Foto: picture alliance / Photoshot

Seine Romane landen verlässlich auf den Bestsellerlisten: der irische Schriftsteller John Boyne. Foto: picture alliance / Photoshot

Der irische Erfolgsautor John Boyne betreibt Nestbeschmutzung mit einem Kuckucksei des Büchermarkts: „Die Geschichte eines Lügners“.

„Ich will Erfolg haben. Das ist alles, was für mich zählt. Ich würde alles dafür tun.“ Solch finstere Prophezeiungen kennt man eigentlich nur aus Gefilden der Macht, aus Politik und Wirtschaft also. Oder natürlich aus der Kriminalität. Aber aus der Welt der schönen Künste? Dort doch höchstens als Handlungsstoff. Man denke etwa an Patricia Highsmiths unsterbliche John-Ripley-Romane, wo der charismatische Antiheld ein Verbrechen nach dem anderen begeht - und der Leser doch mit ihm bangt.

In seinem jüngsten Roman „Die Geschichte eines Lügners“ geht der irische Erfolgsautor John Boyne nun einen entscheidenden Schritt weiter: Er erschafft ein wahres Monster der Literatur. Einer, der selber Schriftsteller werden will. Und für den Ruhm vor nichts zurückschreckt.

Die eingangs erwähnten Worte entschlüpfen dieser Romangestalt Maurice Swift, als er noch ganz jung ist und im alten West-Berlin kurz vor dem Mauerfall im Hotel Savoy kellnert. Dort trifft er auf den Schriftsteller Erick Ackermann, der hier für eine Lesung logiert. Der Mittsechziger ist von dem jungen Mann mehr als angetan. Das hat durchaus mit sexueller Anziehung zu tun. Denn der junge Brite sieht unverschämt gut aus. Und weiß das auch zu nutzen.

Ausschlachten, stehlen, plagiieren, verraten

Dass er sich nur an den Älteren heranmacht, weil er selbst mal Literat werden will, nimmt der Ältere hin. Swifts erste literarische Versuche findet er zwar reichlich unbeholfen. Aber dennoch lädt er ihn ein, auf einer Lesetour durch lauter Metropolen als persönlichen Assistenten zu begleiten. Und gibt ihm auch wohlmeinende Ratschläge: „Jeder hat eine Leiche im Keller“, zum Beispiel: „Genau da musst du ansetzen.“

Das tut der Assistent denn auch. Entlockt dem alternden Homosexuellen indes dessen eigenes schlimmstes Geheimnis. Und konstruiert daraus, man ahnt, man fürchtet es als Leser, einen Aufreger-Roman. Der junge Mann wird damit über Nacht zum Star, der arme Ackermann jedoch zur Persona non grata.

Bei vielen anderen Autoren wäre diese Geschichte eines Verrats schon der ganze Roman. Nicht so bei John Boyne. Dort ist es nur der Auftakt für eine ganze Reihe schlimmer Dinge, die dieser Teufel Maurice Swift anstellt, um ganz nach oben zu kommen. Die ganze Welt scheint sich in ihn zu verlieben. Und ist, wie Ackermann, blind für seine wahren Antriebe.

Dieser Maurice Swift kann zwar gut schreiben, was ihn schon mal vom Großteil selbsternannter Schriftsteller unterscheidet. Er hat aber absolut keine Fantasie, keine Ideen, worüber er schreiben könnte. Und stiehlt deshalb von anderen. Aus ihrem Leben. Oder, noch perfider, wenn er auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn ein eigenes Literaturmagazin herausgibt – letztlich nur, um untalentiertem Nachwuchs auszusieben, dessen Motive aber zu plagiieren – und so stark zu verfremden, dass selbst die Urheber sie kaum wiedererkennen.

Von Fantasie und deren Abstinenz

Boynes Roman handelt also von einem John Ripley des Literaturmarkts. Wobei der deutsche Titel nicht besonders gut gewählt ist. „A Ladder to the Sky“, heißt der Roman im Original. Eine Leiter zum Himmel - das trifft es viel genauer. „Die Geschichte eines Lügners“ ist eher untertrieben.

Der Mann lügt nicht nur. Er ist ein Parasit, ein kalt berechnendes Wesen, der vor nichts zurückschreckt, um voranzukommen. Und dabei nicht nur über Leichen im Keller geht. Dabei ist auf dem Buchdeckel John Boynes Name durchgestrichen, darunter wurde, in Signalrot, der von Maurice Swift gekritzelt. Als hätte die Romanfigur selbst das Buch, das von ihr handelt, zu seinem Eigen gemacht.

Swifts große Schwächen, das Fehlen jeglicher Fantasie, ist etwas, was man Boyne wahrlich nicht vorwerfen kann. 1971 in Dublin geboren, feierte seinen internationalen Durchbruch 2006 mit „Der Junge im gestreiften Pyjama“, wo er das vielerzählte Thema Holocaust noch einmal radikal neu erzählte: mit den unschuldigen Augen des Sohnes eines KZ-Kommandanten.

Galt Boyne damit noch als Jugendbuchautor, hat er sich längst auch einen Namen für die „große“ Literatur gemacht, mit Romanen, die immer wieder von überraschenden Brüchen im Leben ihrer Figuren handeln. Dafür wird der Autor zuweilen, auch im Klappentext des neuen Buchs, als „einer der überzeugendsten Autoren seiner Generation“ bezeichnet. Eine Formulierung, wie sie in seinem Roman ganz ähnlich auch auf Maurice Swift angewendet wird – wobei dieses Etikett dort böse entlarvt wird.

Ein böser Blick auf den Literaturbetrieb

Das ist quasi der doppelte Boden des Buchs. Denn es geht hier immer auch um den Literaturbetrieb. Um den Neid und die Konkurrenz der Kollegen. Um die Einsamkeit auf Lesetouren. Den Durst nach immer neuen, möglichst echten Geschichten. Den Bohei, der um renommierte Literaturpreise gemacht wird – und der fast wichtiger scheint als die Bücher selbst. In den vermeintlich so schönen Künsten tun sich hässliche Abgründe auf.

Stars der Szene werden heute in den Himmel gehoben und morgen fallen gelassen. Medien walzen genüsslich jeden Skandal aus. Und alternde Autoren gefallen sich darin, den Nachwuchs zu protegieren, um sich in ihren Anfängen wiederzuerkennen. Und werden dabei doch nur zu tragischen Figuren, die ihre eigene Vergänglichkeit vergegenwärtigen müssen.

Das weite Feld von geistigem Diebstahl

Seinem Monstrum nähert sich Boyne dabei wie in ehrfürchtigem Schauder nur Schritt um Schritt. Der Roman, in drei Teile und zwei Zwischenspiele eingeteilt, erzählt erst aus der Ich-Perspektive des ersten Opfers Ackermann, dann aus der von Boynes Lebensgefährtin. Dazwischen auch mal von dem leibhaftigen Schriftsteller Gore Vidal – ironischerweise der einzige, der den Blender durchschaut und nicht auf ihn hereinfällt.

Erst ganz am Ende wird dann Swifts Perspektive übernommen, erst durch einen allwissenden Erzähler, dann schließlich in Ich-Form. Je mehr man von diesem eiskalten, zu jeder Empathie unfähigen Ungeheuer erfährt, je mehr der Leser vor ihm zurückschreckt, desto näher kommt man ihm. Eine so fein wie fies durchdachte Strategie.

Braucht es nur genügend Kälte und Chuzpe, um mit allem durchzukommen? Das ist die bange Frage, die sich einem mit immer mehr Gänsehaut stellt. Hinter diesem vordergründigen Plot, der so schaurig-spannend ist, dass man die Lektüre kaum unterbrechen mag, öffnet sich freilich noch ein ganz anderes, viel weiteres Feld: Da geht es um geistiges Eigentum und geistigen Diebstahl. Und um die fundamentale Frage, ob einem eine Geschichte überhaupt gehört.