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"Die Ausgrabung": Wer andern eine Grube gräbt

| Lesedauer: 6 Minuten
Peter Zander
Die Gutsherrin Edith Pretty (Carey Mulligan) will wissen, was sich auf ihrem Land verbirgt, und heuert den "Ausgräber" Basil Brown (Ralph Fiennes) an. 

Die Gutsherrin Edith Pretty (Carey Mulligan) will wissen, was sich auf ihrem Land verbirgt, und heuert den "Ausgräber" Basil Brown (Ralph Fiennes) an. 

Foto: Netflix / Larrty Horicks/Netflix

Der Netflix-Film „Die Ausgrabung“ erzählt von einem wahren archäologischem Sensationsfund – und den Streit, wer ihn entdeckt hat.

Berlin. Geschichte ist nicht vergänglich. Sie ist allgegenwärtig. Und sie spricht zu uns. Oft auch an Orten, wo wir es nie vermutet hätten. So kommt es immer wieder zu Sensationsfunden, die überraschend Historie freilegen. Was nicht selten dem puren Zufall verdanken ist. 1999 in Sachsen-Anhalt etwa, als Laienschatzsucher illegal die Himmelsscheibe von Nebra fanden, die bislang älteste bekannte Darstellung des Kosmos. Oder vor einem halben Jahr in Dortmund, wo Bauarbeiter mehrere mittelalterliche Bauwerke freilegten, die längst als verloren galten. Oder erst vor zwei Monaten in Athen, wo bei Kanalisationsarbeiten in einer Fußgängerzone ein antiker Hermes-Kopf gefunden wurde. Noch manche Trouvaillen warten auf ihre Entdeckungen. Und nicht wenige Bauherren beschleicht bei Grubenarbeiten die Angst, Funde aus der Vorzeit könnten die Bauarbeiten um Jahre verlängern.

Von einem solch archäologischen Sensationszufallsfund handelt der britische Film „Die Ausgrabung“, der am heutigen Freitag auf Netflix starten: über die Sutton-Hoo-Ausgrabungen von 1939 im Südosten von Suffolk, bei der ein Schiffsgrab aus dem sechsten Jahrhundert voller Silberobjekte geborgen wurde. Ein immens bedeutender Fund, weil er belegte, dass die Angelsachsen keine Barbaren, sondern ein Kulturvolk waren. In diesem Fall musste man sogar gar nicht so tief graben. Auf einem riesigen Anwesen gab es 18 merkwürdige Hügelformationen. Die verwitwete Besitzerin Edith Pretty war einfach neugierig, was sich darunter verbergen könnte. Und heuert den „Ausgräber“ Basil Brown an.

Eine melancholische Reflexion über die Vergänglichkeit

Der Film des australisch-schweizerischen Regisseurs Simon Stone zeigt in wunderschönen Landschaftsaufnahmen, die man eigentlich auf der großen Kinoleinwand sehen müsste und nicht auf einem Streaming-Monitor, wie da Schubkarre um Schubkarre an Erde abgetragen wird, bis man wirklich auf ein Schiffswrack stößt. Und auch noch auf silberne Grabbeigaben. „Die Ausgrabung“ ist auch eine Geschichte von Kompetenzgerangel und Forschungsarroganz. Basil Brown, von Ralph Fiennes mit grober Kleidung, Gummistiefeln und ewig schmauchender Pfeife herrlich verschroben gespielt, ist kein professioneller Archäologe. Das Museum aus dem nahen Ipswich braucht ihn dennoch für die Freilegung einer antik-römischen Villa und zeigt sich verärgert, dass Brown stattdessen dem Ruf der Laiin Edith Perry (Carey Mulligan) folgt.

Doch als die erste Funde zutage treten, wollen nicht nur sie den Sensationsfund für ihr Museum reklamieren, aus dem fernen London reist auch eine Koryphäe vom British Museum an, der von „nationalem Interesse“ spricht, sofort das Kommando übernehmen will und Brown am liebsten von der Fundgrube verweisen würde. Als die Funde später nach London kamen, wo sie bis heute im British Museum zu sehen sind, wurde Browns Anteil daran lange verschwiegen. Auch das erzählt dieser Film.

Vor allem aber handelt „Die Ausgrabung“ auf engstem Raum von Ewigkeit und Vergänglichkeit – und wie die Menschen mit dem Tod umgehen, damals wie heute. Mit jeder Schicht Erde, die da abgetragen wird, wird auch eine weitere tragische Dimension offengelegt. Denn kaum hat sich die bloße Vorahnung von Edith Pretty, dass ihre Hügel etwas verbergen, bestätigt, erhält die Gutsherrin die niederschmetternde Diagnose, dass auch ihr Körper etwas verbirgt – und sie nicht mehr lange zu leben hat. Es ist ein tragisches Bild, wie die Dame, zunehmend schwächer und dann auch am Stock gehend, den Grabungsarbeiten beiwohnt, wo ein Grab freigelegt wird, während ihres schon nach ihr ruft. Und es ist herzzerreißend, wie ihr kleiner Sohn daran verzweifelt, dass er der kranken Mutter nicht helfen kann - und ausgerechnet der wortkarge Ausgräber Brown, der sowas wie ein Großvater-Ersatz wird, ihn trösten muss.

Und dann finden diese Ereignisse ja just 1939 statt, als die Nation sich für den Krieg gegen Hitler rüstet. Immer wieder sieht man beiläufig, wie Mädchen Soldaten küssen, bevor diese eingezogen werden. Und dann bricht auch noch die junge Peggy Pigott (Lily James), die Frau eines der Archäologen, aus ihrer glücklosen Ehe aus und verliebt sich in den jüngeren Bruder (Johnny Flynn) der Gutsbesitzerin, den es zur Royal Air Force zieht. Während all die alten Herren in den Hügeln graben, zieht die junge Generation in den schlimmsten Krieg der Neuzeit, Massengräbern entgegen. Macht es da überhaupt Sinn, Zeit und Energie in ein solches Unternehmen zu stecken, wenn die ganze Welt in eine ungewisse Zukunft taumelt? Das sind so Fragen, die einen als Zuschauer beschleichen. Aber sie werden uns von Fiennes‘ knarzigem Brown auch gleich leidenschaftlich beantwortet: Es ist ein tröstendes Zeichen, weil es etwas Größeres gibt - und weil immer etwas bleibt.

Browns Beitrag an diesen Funden ist spät doch noch anerkannt worden. Auch das ist also etwas, was bleibt. „Die Ausgrabung“ lebt ganz von seiner Geschichte und seinen Schauspielern. Ein Plädoyer für die Lust an Entdeckungen und die Neugier auf Historisches. Und eine wunderschöne, melancholische Reflexion über die Vergänglichkeit. Einer dieser Filme, wie sie heute bei all den lärmenden Blockbustern leider kaum noch gedreht werden. Es sollte der Filmindustrie zu denken geben, dass man solch ein Fundstück derzeit bei Netflix machen muss.

„Die Ausgrabung“ Netflix, ab 29. Januar.