WaPo Berlin

Sesede Terziya - Armenisches Nordlicht in Berlin

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Schauspielerin Sesede Terziyan hofft, bald auch wieder im Maxim Gorki Theater auf der Bühne stehen zu können.

Schauspielerin Sesede Terziyan hofft, bald auch wieder im Maxim Gorki Theater auf der Bühne stehen zu können.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Schauspielerin Sesede Terziyan ist Hauptdarstellerin der ARD-Krimiserie "WaPo Berlin" und Ensemlblemitglied am Maxim Gorki Theater.

Berlin. Der Dauerregen eines grauen Berliner Januartages macht eine gnädige Pause, als Sesede Terziyan auf die Fußgängerbrücke an der Greifenhagener Straße zugelaufen kommt. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen hat die Schauspielerin gute Laune. Für das Foto stapft sie entschlossen durch die Pfützen der als Parkplatz genutzten Brache hinter den Schönhauser Allee Arcaden. Während sich rundherum die Aufgeräumtheit von Gleim- und Winsviertel erstreckt, sieht Prenzlauer Berg sich an diesem Ort selbst gar nicht ähnlich. "Police is legal Mafia" ist als Graffito an einer Häuserwand zu lesen. Sesede Terziyan findet das als Motiv sichtlich amüsant.

Seit einem Jahr ist die 40-Jährige in der Krimiserie "WaPo Berlin" als Kriminalhauptkommissarin Jasmin Sayed, Leiterin des Pilotprojekts Wasserkriminaldezernat Eins der Wasserschutzpolizei Berlin zu sehen. Die zweite Staffel wurde im vergangenen Sommer gedreht und startet am 26. Januar (18.50 Uhr) im Ersten. Viele Szenen wurden nach draußen verlegt, dazu ein Hygienekonzept, Tests und sogar ein Maßband für Abstände zwischen den Schauspielern, erinnert sie sich an das Set unter Coronabedingungen.

Handwerk an der Schauspielschule "Ernst Busch" gelernt

Nicht alles davon ließ sich mit Schnitt und Kameraeinstellungen neutralisieren. Jasmin Sayed, ihr Team und die Verdächtigen eines Mordfalls unter Ruder-Olympioniken kommen einander in der ersten Folge "Goldmädchen" auffällig wenig nahe. Wie eine Selleriestange sei sie sich dabei manchmal vorgekommen, sagt die Hauptdarstellerin. Dabei sei die Arbeit mit dem Körper, das Impulsive, doch eigentlich das Hauptmerkmal ihres Berufs.

Ihr Handwerk hat Sesede Terziyan von 2001 bis 2005 an der "Ernst Busch" gelernt. In einem Jahrgang mit Matthias Schweighöfer, der jedoch vorzeitig abbrach, um sich seinem ganz eigenen Weg zu widmen. Die renommierte Hochschule für Schauspielkunst hat einige von Terziyans berühmtesten Kollegen hervorgebracht, darunter Lars Eidinger, Nina Hoss, Claudia Michelsen und Jan Josef Liefers. Sie hingegen habe gar nicht gewusst, wo sie sich da überhaupt beworben habe, sagt die Schauspielerin. Im Rückblick ein Vorteil. Erst mit der Zusage habe sich die Nervosität eingestellt.

Die Lust am Spiel sei als Jugendliche zunächst eine Möglichkeit gewesen, überschüssige Energie loszuwerden, sagt Sesede Terziyan. "Wenn ich das Theater nicht als Ausgleich gehabt hätte, hätte ich das Abi nie geschafft. Ich fand die Schulzeit nicht besonders toll." Als ihre Freunde anfingen, sich über Studienfächer Gedanken zu machen, sei sie in Zugzwang geraten und habe sich schließlich im Alter von 17 Jahren im Alleingang an der "Ernst Busch" beworben. Werde erst mal volljährig und mach dein Abitur, bekam sie dort zu hören, dann kannst du wiederkommen. Terziyan kam wieder und wurde genommen. Und wenn es nicht geklappt hätte? Dann hätte sie eben etwas anderes gemacht! "Mein Glück war, dass ich nie verbissen war."

"Ich hätte kein Problem damit, morgen etwas ganz anderes zu machen"

Die Einstellung hat sich Sesede Terziyan bis heute bewahrt und ist auf diese Weise gut durch die Corona-Pandemie gekommen, deren Einschränkungen Kulturschaffende besonders hart treffen. Terziyan ist Ensemblemitglied am Maxim Gorki Theater und hat in der vergangenen Spielzeit für fünf Vorstellungen auf der Bühne gestanden - so viele wie sonst in zwei Wochen. Den großen Umbruch in ihrem Leben habe sie allerdings schon vor viereinhalb Jahren hinter sich gebracht, als ihr Sohn geboren wurde, sagt sie. "In meiner Blase hat sich durch Corona gar nicht so viel geändert. Das ist schon vorher passiert. Ständig unterwegs sein, arbeiten bis zum Anschlag, das geht dann eben nicht mehr." Obwohl sie das Theater auch jetzt vermisse, habe sie in ihrer Elternzeit gemerkt, dass es auch ohne gehe. "Ich kann skrupellos sagen: Ich könnte auf all das verzichten. Ich hätte kein Problem damit, morgen etwas ganz anderes zu machen. Ich glaube, es ist gesund, sich nicht allzu sehr damit zu identifizieren, was man beruflich macht."

Vorgelebt wurde ihr dieses Modell von den eigenen Eltern. Die kamen als Angehörige der armenischen Minderheit in der Türkei wenige Monate vor Sesede Terziyans Geburt nach Deutschland. Während der Vater in Anatolien mit Obst und Gemüse handelte und im Sommer ein Freiluftkino betrieb, habe er in der neuen Heimat von Werftarbeiter bis Barbier jeden Job angenommen. "In Deutschland hat mein Vater alles gemacht. Ich kenne ihn nur im Blaumann. Wenn ich mir alte Fotos anschaue - ein gutaussehender Mann im Samtanzug -, klar, dass sich meine Mutter verknallt hat", sagt Terziyan und lacht. Die Mutter selbst wurde von der Lehrerin zur Betreiberin einer Änderungsschneiderei. "Mit dem Geist, sich immer wieder neu zu erfinden, bin ich groß geworden", sagt die Tochter. "Glücklicherweise bin ich nie in die Situation gekommen, mein Land und meine Sprache verlassen zu müssen. Ich bin sehr privilegiert aufgewachsen."

Geboren wurde Sesede Terziyan in Nordenham in Niedersachsen, wo sie die ersten Jahre ihres Lebens verbachte. Direkt hinterm Deich, sagt sie. Die Sehnsucht nach dem Meer ist bis heute geblieben, auch in Berlin liebe sie das viele Wasser. "Ich bin ein Nordlicht. Eine Art armenisches Nordlicht", so die Schauspielerin, auch wenn sie Heimat nicht an einem Ort festmachen wolle. "Ich kann mich an vielen Orten heimatlich fühlen. Trotzdem: Wenn ich traditionelle armenische Instrumente höre, könnte ich Rotz und Wasser heulen. Da passiert etwas in mir, was ich selbst nicht fassen kann", sagt sie. "Und wenn ich hier auf das Ernst-Thälmann-Denkmal zulaufe und die Platten sehe, dann geht auch etwas bei mir ab. Dann denke ich: Oh mein Gott, die schönsten Platten Berlins. Das ist auch ein Teil von mir."

Theater in Sachen Diversität weiter als die Filmbranche

Noch in der Grundschule zog Terziyan mit ihrer Familie nach Baden-Württemberg. "Meine erste bewusste Migration war vom Norden in den Süden. Ich war plötzlich die einzige in der Klasse, die Hochdeutsch gesprochen hat", erinnert sie sich. Dass die Herkunft ihrer Eltern auch sonst eine andere war als die vieler ihrer Mitschüler, habe vorher keine Rolle gespielt. Plötzlich habe sie sich keiner Gruppe mehr zugehörig gefühlt und ihren Platz neu finden müssen.

Bis heute ist Sesede Terziyan hin- und hergerissen zwischen dem Anspruch, dass Herkunft in ihrem Job keine Rolle spielt und dem Wissen, dass es so einfach leider nicht ist. Mit Stücken wie "Verrücktes Blut" und zuletzt "Berlin Oranienplatz" am Gorki gilt sie als Pionierin des postmigrantischen Theaters. Eine Kategorisierung, die sie gleichzeitig für notwendig hält und sofort wieder zerschlagen möchte, um nicht wiederum eine neue Schublade aufzumachen. Das Theater sei in dieser Hinsicht einen Schritt weiter als der Film, glaubt Terziyan. "Im Theater wird man nicht nach seinem Typ besetzt. Rollen sind nicht naturalistisch. Dass ich Kriemhild oder Eva Braun vor einer Kamera spiele, ist völlig ausgeschlossen. Auf der Bühne habe ich das schon längst getan." Genau aus diesem Grund habe es ihr die "WaPo Berlin" so angetan. Diversität werde dort mit einer Selbstverständlichkeit erzählt, die es in der Realität längst gebe.