Berlinale

Albrecht Schuch - Großes Talent, unglaubliche Bandbreite

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Albrecht Schuch war im vergangenen Jahr in "Berlin Alexanderplatz" zu sehen.

Albrecht Schuch war im vergangenen Jahr in "Berlin Alexanderplatz" zu sehen.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Der Schauspieler Albrecht Schuch ist in diesem Jahr European Shooting Star. Erstmals findet die Zeremonie jedoch ohne Berlinale statt.

Berlin. Albrecht Schuch reitet derzeit auf einer Erfolgswelle. Und doch: So ganz ungetrübt ist die Freude nicht. Beim Deutschen Filmpreis 2020 gelang dem Schauspieler die große Kunst, gleich zwei Mal ausgezeichnet zu werden: als bester Nebendarsteller für „Berlin Alexanderplatz“ und als bester Hauptdarsteller für „Systemsprenger“. Die Preisverleihung fand indes coronabedingt nur virtuell in einem leeren Studio statt. So dass nicht, wie sonst, die ganze Filmbranche gleich persönlich gratulieren konnte. Nun wird dem 35-Jährigen die nächste Ehre zuteil: Nachdem er drei Jahre hintereinander große Auftritte auf der Berlinale hatte (2018 mit der Serie „Bad Banks“, 2019 mit „Systemsprenger“, 2020 mit „Berlin Alexanderplatz“), wird er in diesem Jahr hier als European Shooting Star gefeiert.

Aber auch die 71. Berlinale ist ein Opfer von Corona: Das Festival, das eigentlich vom 11. bis 21. Februar stattfinden sollte, wird in diesem Jahr aufgesplittet. Einige Veranstaltungen finden komprimiert vom 1. bis 5. März statt, große Publikumsvorführungen sollen erst im Sommer folgen. Und die Shooting Stars, die seit 1998 auf der Berlinale ausgezeichnet werden, werden ganz ausgekoppelt und vom 23. bis 25. Februar vorgestellt. Ohne die große Bühne des Festivals. Quasi als Appetizer für die eine Woche später beginnende Rumpf-Berlinale.

Sprungbrett für internationale Karriere

Die European Shooting Stars gelten als Sprungbrett für eine internationale Karriere. Hier haben sich schon Newcomer wie Franka Potente, Daniel Brühl und Nina Hoss, aber auch Daniel Craig oder Rachel Weisz der Weltpresse präsentiert (siehe Kasten). Zu den zehn Schauspielern, die in diesem Jahr vorgestellt werden, zählen neben Schuch die Portugiesin Alba Baptista, die Finnin Seid Haarla, die Litauerin Zygimané Elena Jakstaité, die Nordmazedonierin Sara Klimoska und die Ungarin Natasa Stork sowie der Niederländer Martijn Lakemeier, der Schwede Gustav Lindh, der Franzose Nicolas Maury und der Ire Fionn O’Shea.

Die Shooting Stars werden von der European Film Promotion (EFP) betrieben, die Kandidaten von deren nationalen Mitgliederorganisationen – in Deutschland etwa German Films – nominiert und dann von einer Fachjury ausgewählt. „Mit einer unglaublichen emotionalen Bandbreite und einem ebenso großen Talent ist Albrecht Schuch eines der aufregendsten deutschen Schauspieltalente“, heißt es in der Erklärung der Jury. Der so Gepriesene freut sich über die Auszeichnung. Vor allem über „die Wertschätzung der eigenen Arbeit, die dadurch ausgedrückt wird“ und „eine schöne Bestärkung“ sei. Aber auch über die Gelegenheit, die anderen Shooting Stars kennenzulernen – nicht nur virtuell, sondern, so Schuch, „hoffentlich im Laufe des Jahres auch persönlich“.

"Systemsprenger" war Kandidat für Auslands-Oscar

Schuch hat sich in wenigen Jahren mit so unterschiedlichen Werken wie „Die Vermessung der Welt“, „Kruso“ und immer wieder Produktionen des Regisseurs Christian Schwochow wie „Paula“, „Mitten in Deutschland: NSU“ und „Bad Banks“ ganz nach vorn gespielt. Ganz unbekannt ist er auch im Ausland nicht mehr: die internationale Koproduktion „Bad Banks“ hat sich gut ins Ausland verkauft, und „Systemsprenger“ war 2019 sogar der deutsche Kandidat für den Auslands-Oscar.

Derzeit hat Schuch gleich zwei neue Filme am Start, wie „Berlin Alexanderplatz“ wieder renommierte Neuverfilmungen literarischer Klassiker: Erich Kästners „Fabian“ unter der Regie von Dominik Graf und Stefan Zweigs „Schachnovelle“ unter Philipp Stölzl. Sonst werden die Shooting Stars während der Berlinale gern vor einem Film vorgestellt, in dem einer der Gekürten eine Hauptrolle spielt. Man darf daher spekulieren, ob „Schachnovelle“ oder „Fabian“ auch im Wettbewerb der Berlinale laufen könnte – womöglich sogar beide. Zu seinem Programm hat das Filmfestival wegen der erschwerten Rahmenbedingungen aber bislang noch keine Angaben gemacht.

Seine ältere Schwester Karoline ist auch Schauspielerin

Schuch, 1985 in Jena geboren, wollte wie seine ältere Schwester Karoline Schuch, Schauspieler werden und zog nach Berlin. Die Ernst-Busch-Schauspielschule, für die er sich bewarb, wollte ihn erst nicht aufnehmen, deshalb ging er an die Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Danach kehrte er aber nach Berlin zurück, wo er sich erste Meriten im Maxim Gorki Theater erwarb. In seinen Filmen zeigt er eine unglaubliche Wandlungskraft, so dass man ihn manchmal kaum wiedererkennt. Und geht oft nicht nur an Grenzen, sondern gezielt darüber hinaus.

Kraft dafür sucht er in der Natur – oder in Berlin auch mal auf einem Friedhof. Bei allen Triumphen steigt ihm der Erfolg nie zu Kopf. „Den Ball flachhalten“, ist seine Devise. So hat er es dann auch verkraftet, als „Systemsprenger“ beim Oscar nicht in die engere Wahl kam. Oder dass der Kinostart von „Berlin Alexanderplatz“ wegen des ersten Lockdowns immer wieder verschoben werden musste. Den Run der Berlinale hätte er bei dem Film zwar gern noch mitgenommen – weil er es schön findet, „auf einer Welle weiterzureiten“. Es kam aber bekanntlich anders, und der Schauspieler tröstete sich mit einem Rat seines Surflehrers: „Die nächste Welle kommt bestimmt“. Die Shooting Stars könnten diese Welle auslösen.