Personalie

Simon Rattles Rückkehr nach Deutschland

Der britische Dirigent Sir Simon übernimmt 2023 das BR-Symphonieorchester, Bis 2018 leitete er die Berliner Philharmoniker.

Sir Simon Rattle wechselt 2023 als Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks nach München.

Sir Simon Rattle wechselt 2023 als Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks nach München.

Der britische Dirigent Sir Simon Rattle wird zur Spielzeit 2023/24 Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Damit kehrt der Stardirigent, der derzeit das London Symphony Orchestra leitet, offiziell in einer Cheffunktion nach Deutschland zurück. Privat lebt Rattle mit seiner Familie nach wie vor in Berlin, wo er bis 2018 die Philharmoniker leitete.

Die jetzige Münchner Wahl gilt als eine Art Liebesehe. Rattle war in der Stadt immer ein gern gesehener Gast. Bei dem Orchester soll er einmal gesagt haben, ihm sei jetzt klar, was ihm in Berlin fehle. Solche Äußerungen stoßen in Bayern selbstredend auf offene Ohren. Dass das Ensemble und der Dirigent musikalisch und menschlich auf einer Wellenlänge liegen, haben auch die Gastspiele in den Jahren davor gezeigt. Seine Chefjahre bei den Berliner Philharmonikern waren, wie er selbst in seiner Abschiedsphase zugab, nicht die leichtesten. Das Spitzenorchester ist schon sehr selbstbewusst und fordernd gegenüber seinen Chefdirigenten.

Rattle war Wunschkandidat in München

"Der Bayerische Rundfunk ist sehr glücklich, dass Sir Simon als neuer Chefdirigent nach München kommen wird. Mit seiner Leidenschaft, mit seiner künstlerischen Vielseitigkeit und mit seinem einnehmenden Charisma wird er ein überaus würdiger Nachfolger von Mariss Jansons sein", sagte Ulrich Wilhelm, der Intendant des Bayerischen Rundfunks.

Bereits im Sommer hatte sich herumgesprochen, dass Rattle ein Wunschkandidat des BR-Symphonieorchesters sei. In der Phase vor dem zweiten Lockdown war er immer häufiger in München aufgetaucht. Ein anderer Favorit war demnach der Kanadier Yannick Nézet-Séguin, doch der hat bereits mehrere Chefpositionen inne, unter anderem an der New Yorker Metropolitan Opera. Erschwerend kommt für Dirigenten hinzu, dass wegen der Pandemie das ständige Reisen unmöglich ist. Die Klassikwelt ist gerade zum Erliegen gekommen. Es ist für alle Beteiligten eine neue Erfahrung. Es bleibt abzuwarten, inwiefern es auf zukünftige Chefentscheidungen Auswirkungen hat. BR-Intendant Ulrich Wilhelm, ein Freund des Orchesters, hat die Personalie als eine der letzten seiner Amtszeit und in bemerkenswerter Verschwiegenheit durchgebracht. Der Senderchef scheidet Ende des Monats aus.

Am 19. Januar wird Simon Rattle seinen 66. Geburtstag feiern. An der Staatsoper Unter den Linden beginnt er in diesen Tagen die Proben zu Janaceks Oper „Jenufa“. Damiano Michieletto führt die Regie, Camilla Nylund singt die Titelrolle. Aber noch weiß keiner im Lockdown, wohin das führen wird. Die Premiere ist für den 14. Februar geplant. Alle müssen davon ausgehen, dass kein Publikum zugelassen sein wird. Aber die Opernhäuser stehen schon unter dem Druck, ihr in besseren Zeiten geplanten Produktionen durchzuziehen, um sie für die Zeit nach der Pandemie im Repertoire zu haben.

Mariss Jansons und Simon Rattle verband eine Freundschaft

Im September 2002 hatte Rattle die Berliner Philharmoniker von Claudio Abbado übernommen. Der Lockenkopf aus Liverpool, der immer so dynamisch, innovativ und freundlich wirkte, stieß in Berlin auf ein begeistertes Publikum. Es wurde eine lange Ära. Sehr frühzeitig, bereits 2013, verkündete er, sein Amt 2018 aufzugeben. Zu den Favoriten seiner Nachfolger gehörte damals auch Mariss Jansons, der regelmäßig bei den Philharmonikern gastierte und - wie eine Reihe von Musikern betonten – vom Orchester geliebt werde. Aber der bereits schwerkranke Jansons nahm sich selbst frühzeitig aus der Wahl. Am Ende wurde Kirill Petrenko ins Amt geholt.

Jansons ist im November 2019 verstorben. In den Monaten vor seinem Tod soll er sich bereits um seine Nachfolge gesorgt und das auch mit Orchestervertretern diskutiert haben. Dies ging so weit, schrieb die „HNA“, dass er seinerzeit ins Auge gefasst habe, den Chefposten beim BR-Ensemble zum Ende der Saison 2019/2020 aus gesundheitlichen Gründen aufzugeben. Mit Rattle und seiner Ehefrau, der tschechischen Sängerin Magdalena Kožená, verband ihn nicht nur eine freundschaftliche, sondern auch eine künstlerische Beziehung. Man schätzte sich gegenseitig. Jansons soll Rattle als möglichen Erben ins Spiel gebracht haben.

Als Rattle 2017 in London sein Amt antrat, ging es auch darum, dass das Orchester einen eigenen Konzertsaal bekommt. Das Projekt ist wohl angesichts von Brexit, Pandemie und finanziellen Folgen in weitere Ferne gerückt. Aber der Dirigent war immer ein Mahner, wenn es um Education und die Förderung des Klassikbetriebs ging. Auch das BR-Orchester braucht künftig einen prominenten Schutzschild, jemanden, dessen Namen jeder Politiker im Landtag und jeder Rundfunk irgendwie schon einmal gehört hat. Das dürfte bei Sir Simon der Fall sein. Zu seinen Aufgaben wird es gehören, sich in die bedrohlichen Spardebatten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk einzumischen. Darüber hinaus gilt es für Rattle auch in Bayerns Landeshauptstadt, das bereits in Gang gesetzte Konzertsaal-Projekt im Münchner Werkviertel weiterzuführen.