Orgeljahr in Berlin

"Es ist nicht nur ein Instrument, sondern ein Bauwerk" 

| Lesedauer: 6 Minuten
Volker Blech
Die Mighty Wurlitzer erklingt regelmäßig im Berliner Musikinstrumenten-Museum. In den 1920er-Jahren diente die Kinoorgel der musikalischen Untermalung des Stummfilms.

Die Mighty Wurlitzer erklingt regelmäßig im Berliner Musikinstrumenten-Museum. In den 1920er-Jahren diente die Kinoorgel der musikalischen Untermalung des Stummfilms.

Foto: Musikinstrumenten-Museum SIMPK / Foto: Breitenborn / © Musikinstrumenten-Museum SIMPK / Foto: Breitenborn

Die Orgel wird als das "Instrument des Jahres" vorgestellt. In Berlin will Projektleiterin Janine Bogosyan 500 Instrumente vorstellen.

Als Königin der Instrumente gilt die Orgel, die das größte Musikinstrument der Welt ist. Seit 2017 sind Orgelmusik und Orgelbau durch die Unesco als Immaterielles Kulturerbe anerkannt. Die Landesmusikräte Berlin und Brandenburg haben die Orgel als Instrument des Jahres 2021 ausgewählt. „Aktuell sammeln wir noch die Veranstaltungen zusammen, damit alle Kreise ihre eigenen Orgeln vorstellen können", sagt Janine Bogosyan, die Projektleiterin des Orgeljahrs: "In unserer App sind derzeit bereits 300 Orgeln gelistet. Dazu kommen die Orgeln im Musikinstrumenten-Museum, das rund 50 Ausstellungsstücke hat." Insgesamt rechnet sie mit 500 Orgeln, die irgendwie im Jahresprogramm auftauchen werden.

„Es gibt eine Zahl: 365 Orgelkonzerte finden im Rahmen des Orgelbandes statt. Zusammen mit den beiden Kirchen haben wir geplant, jeden Tag eine Veranstaltung rund um die Orgel anzubieten. Darüber hinaus besuchen 365 Schulklassen jeweils eine Orgel in der Stadt.“ Aufgabe des Projektes sei es, sagt Janine Bogosyan, "Leute mit der Orgel in Kontakt zu bringen, die das Instrument kaum kennen, sich aber für Kultur, Musik, Klang im Raum, Stadt und Geschichte interessieren.“

Die Orgel ist eine kleine Welt in sich

In gewisser Weise war sie ihre eigener Adressat. Die erst im vergangenen Jahr aus München nach Berlin gekommene Projektleiterin hat Erfahrungen in Koordination, Öffentlichkeitsarbeit und Musikmanagement gesammelt. "Aber ich hatte mit der Orgel nicht so viel Berührung. Ich bin in meinem Nebenjob auch Stadtführerin und habe mich immer für Architektur und Kirchengeschichte interessiert.“ Sie hat sich zunächst Ksenia Bönigs "Das große Buch der Orgel", das der Bund der deutschen Orgelbaumeister herausgegeben hat, vorgenommen. "Mich hat sofort die Vielseitigkeit und Komplexität der Orgel begeistert. Es ist nicht nur einfach ein Musikinstrument, sondern ein Bauwerk, auf dem Wind Musik macht und viele verschiedene Instrumente wiedergegeben werden können. Die Orgel ist eine kleine Welt in sich.“

Die Aktion "Instrument des Jahres" wurde 2008 vom Landesmusikrat Schleswig-Holstein ins Leben gerufen, Berlin und Brandenburg haben sich angeschlossen. Zuletzt wurden das Saxophon (2019) und die Geige (2020) vorgestellt. „Das Projekt wurde gegründet, um Musikinstrumente vorzustellen, die nicht genügend Aufmerksamkeit in der Gesellschaft bekommen. Sie werden sichtbar und hörbar gemacht. Die Orgel ist jetzt das erste Tasteninstrument, das vorgestellt wird.“ Nun gehört die Orgel nicht gerade zu den handlichen Hausinstrumenten wie Flöte oder Gitarre, die man um die Ecke in der Musikschule erlernen kann. "Wir haben die Musikschulen aktiviert", sagt die Projektleiterin des Landesmusikrats Berlin, "Workshops an der Orgel anzubieten."

In Berlin gibt es mehr als 800 bespielbare Orgeln, darüber hinaus sind 1435 historische Instrumente dokumentiert. Was auf die große Tradition in der Region verweist. Zu den Kostbarkeiten gehört die 1755 durch Peter Migendt und Ernst Julius Marx für Prinzessin Anna Amalie von Preußen erbaute Barockorgel, die ursprünglich im Balkonzimmer des Berliner Stadtschlosses aufgestellt war und heute in Karlshorst zu hören ist. 1905 errichtete Wilhelm Sauer im Berliner Dom die damals größte Orgel Deutschlands mit 113 Registern und 7269 Pfeifen. Die europaweit einzigartige „Migthy Wurlitzer“ im Musikinstrumentenmuseum gehört ebenso dazu wie die einzige am originalen Standort erhaltene Kinoorgel Deutschlands im Babylon-Kino. Es gibt Orgeln in Kirchen, Synagogen, Hochschulen, Krankenhäusern und sogar in Gefängnissen. 80 Orgelbauer haben ihre Spuren hinterlassen.

Bei der digitalen Vorstellung des Orgeljahrs am kommenden Montag um 11 Uhr repräsentieren die beiden Schirmherren - Christian Stäblein, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, und Heiner Koch, Erzbischof des Erzbistums Berlin - große Teile des Programms. Virtueller Gastgeber ist allerdings das Musikinstrumenten-Museum Berlin, vertreten durch seine Direktorin Conny Restle. Die Präsidentinnen der beiden Landesmusikräte, Hella Dunger-Löper und Ulrike Liedtke, werden sprechen. Auf einen Vorzeigekünstler wird in diesem Jahr verzichtet.

Die Orgel erklang auch bei Gladiatorenkämpfen

„Mir ist es wichtig, nicht nur die Kirchenorgel ins Licht zu rücken", sagt Projektleiterin Janine Bogosyan, "obwohl rund 80 Prozent der Instrumente in Kirchen zu finden sind. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass die Orgel große, weitläufige Räume für den Klang braucht. Neben den Kirchen sind es vor allem die Konzertsäle.“ Ursprünglich sei die Orgel gar nicht für die Kirche bestimmt gewesen, erklärt sie. "Bei den Römern erklang die Orgel bei Gladiatorenkämpfen, weshalb die frühen Christen das Instrument nicht verwendeten. Es dauerte lange, bis die Orgel in die Kirchen einzog. Heute gehört sie zum Gottesdienst.“

Sie hätte gehört, erzählt Janine Bogosyan noch, dass anfänglich einige dem Projekt sehr abwartend gegenüberstanden. "Die Drehorgelspieler haben sich am Anfang etwas vernachlässigt gefühlt. Gerade auch, weil es eine alte Gilde ist, die in Berlin eine große Geschichte hat, sich aber heute nicht mehr gewünscht fühlt. Es gibt auch ein Nachwuchsproblem, weil die jüngeren Generationen sich nicht mehr bemühen, die Tradition am Leben zu erhalten." Derzeit sind noch sechs Drehorgelspieler anzutreffen, darüber hinaus gibt es einen erfolgreichen Drehorgelbauer.

Fünf Orgelfirmen sind in Berlin aktiv. „Der Orgelbau ist ein spannendes Thema", sagt Janine Bogosyan: "Ich habe das überraschend gute Gefühl, dass alle Orgelbauer sehr gut ausgelastet sind. Orgeln werden nicht nur neu gebaut, sondern müssen ständig gepflegt und restauriert werden. Die beiden Schuke Firmen - in Zehlendorf und Werder an der Havel - erhalten auch viele Aufträge aus dem Ausland. Und jeder Orgelbauer wünscht sich einen Aufruf, um mehr Nachwuchs zu finden.“