Sachbuch

Die Georges: Zwei Mannsbilder, zwei Deutschlandkörper

| Lesedauer: 7 Minuten
Peter Zander
Zwei Ausnahme- und Jahrhundertschauspieler: Heinrich George (1893-1946, l.) und sein Sohn Götz George (1938-2016).

Zwei Ausnahme- und Jahrhundertschauspieler: Heinrich George (1893-1946, l.) und sein Sohn Götz George (1938-2016).

Foto: dpa

Lauter Spiegelungen, Parallelen - und Brechungen: Über Heinrich George und seinen Sohn Götz George ist eine Doppelbiografie erschienen.

Es war seine letzte große Rolle und auch eine Art Erfüllung, als Götz George 2013, drei Jahre vor seinem Tod, seinen eigenen Vater Heinrich George spielte. Die erschütterndste Szene in dem Dokudrama „George“ war jene, in der der berühmte Vater bereits von den Russen im ehemaligen KZ Sachsenhausen interniert ist und sein siebenjähriger Sohn ihn noch einmal besuchen darf. Es war der 6. Dezember 1945.

„Der Kleine fliegt an seinen Hals“, hat die Mutter Berta Drews das später in ihren Memoiren beschrieben. Ein letztes, kurzes Wiedersehen. Von dem keiner wusste, dass es ein Abschied war. Und nun das Kindheitstrauma noch einmal vor laufender Kamera, nur eben mit verkehrten Rollen: Jetzt erlebt Götz George die Szene aus der Perspektive des Vaters, während ein Steppke als sein jüngeres Ich auf ihn zustürmt. Das ließ keinen Zuschauer unberührt. Wie emotional muss da erst der Dreh gewesen sein.

War ich so gut wie Heinrich?

Ein Leben lang hat Götz George seinem Vater nachgeeifert. Es war ihm vorgezeichnet, war ihm buchstäblich in die Wiege gelegt. Denn der Sohn war benannt nach des Vaters größter Rolle, Goethes „Götz von Berlichingen“, der mit der eisernen Faust und dem deftigen Schimpfwort. Welch eine Verpflichtung – und welche Bürde. „Die beiden Götze“ war eine Karikatur in der „Berliner Illustrirten“ betitelt, die den Vater in vollem Bühnenharnisch mit dem nackten Baby zeigte. Aber trotz des großen Namens und des immensen Schattens seines Vaters wollte Götz George nie etwas anderes denn Schauspieler werden.

Als er 1950, mit gerade mal zwölf Jahren, erstmals auf der Bühne stand, im Berliner Hebbel Theater, bestürmte er seine Mutter hinterher mit der Frage: „War ich so gut wie Heinrich?“ Auf einem Foto posiert der Filius mit der Mutter nicht nur vor dem berühmten Gemälde, das Otto Dix von George angefertigt hat, er hat dabei auch die eiserne Faust, das Bühnenrequisit des Vaters in der Hand.

Sein Leben lang eiferte der Sohn dem Vater nach

Als angehender Schauspieler soll Götz George immer wieder das Spiel seines Vaters, Stimme, Gestik, Mimik intensiv studiert haben. Was in der DNA lag und was imitiert war, lässt sich kaum sagen. Wie der Vater ließ er sich einen Schnauzbart wachsen, der zu seinem Markenzeichen wurde. Und bis zuletzt soll er immer eine Fotografie des Vaters bei sich getragen haben. Ein ewiger Ansporn, ihm gleich, ihm gerecht zu werden – der sich auf kuriose Weise erfüllte, als der Sohn den Vater spielte. Just zu seinem 75. Geburtstag – während der Vater bereits mit 52 im Lager gestorben ist.

Nun ist eine Doppelbiografie erschienen, die dieses besondere Verhältnis zweier Ausnahmeschauspieler beleuchtet. Sie trägt den schlichten Titel „Heinrich und Götz George. Zwei Leben“ . Der Publizist Thomas Medicus hatte zunächst nur eine Biografie über Götz George im Sinn, merkte aber bald, dass der Vater in dessen Leben eine solch immense Rolle spielte, dass man das nicht nur am Rande abhandeln konnte.

Auch wenn hier ganz chronologisch zwei Lebensläufe erzählt werden, ist da doch immer ein steter Vergleich. Und nicht nur von biografischen Parallelen. Beide, Vater wie Sohn, erscheinen als exemplarische Vertreter ihrer Zeit.

Zwei exemplarische Vertreter ihrer Zeit

Heinrich George, eigentlich Heinrich Georg Schulz, musste seinen Willen, Schauspieler zu werden, durchsetzen gegen einen Vater, der das für verweichlicht hielt. Der klassische Generationenkonflikt des Fin de Siècle, der sich dann im expressionistischen Theater niederschlug in Dramen wie „Der Sohn“ oder „Vatermord“. Und George wurde, nach traumatischen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg, zum Paradeschauspieler dieses expressionistischen Theaters, bis er als Volksschauspieler und Filmstar zum Übervater der Nation mutierte und seine Popularität schließlich in den Dienst des Nationalsozialismus stellte.

Keiner hat in so vielen Propagandafilmen mitgewirkt wie George, von „Hitlerjunge Quex“ (schon 1933) über „Jud Süß“ (1940), dem schlimmsten aller Hetzfilme, bis zum Durchhalteepos „Kolberg“. Das war 1945 der letzte Film, den George noch vollendete. Damit schloss sich auch ein Kreis, denn hier, in Kolberg, hatte 30 Jahre zuvor seine Bühnenkarriere begonnen. Und es waren eben diese Filme und Georges willfährige Dienste für die Nazis, weshalb die Russen ihn internierten.

Verletzlichkeit hinter dem wuchtigen Körper

Aber nicht minder exemplarisch die Vita des Sohnes, der wie so viele Nachkriegskinder ohne Vater aufwachsen musste. Der unterernährt in ein Heim kam. Und diese Leerstelle und Schwäche bald mit Sport und physischer Kraft kompensierte, als Panzer. Lange war für eine solche Maskulinität kein Platz im deutschen Film. Aber dann wurde der Sohn auch noch populär, bekam auch er die Rolle seines Lebens. Als schmuddeliger „Tatort“-Kommissar Schimanski, der so derbe fluchen konnte wie der Vater als Berlichingen und zu einer Art Symbolfigur der antiautoritären Befreiung wurde.

Wie die ganze 68er-Generation hatte George Jr. schon zuvor die Schuld der Kriegsväter hinterfragt. Und dies auch immer wieder in ambitionierten Filmen wie Staudtes „Kirmes“ (1960). Immer wieder spielte er auch Nazitäter wie Rudolf Heß in „Aus einem deutschen Leben“ (1977) oder den KZ-Arzt Josef Mengele in „Nichts als die Wahrheit“ (1999). Ganz zuletzt dann auch den väterlichen Mitläufer, diesmal aber nicht als Anklage, sondern als Verklärung.

Lauter Parallelen, Spiegelungen – und Brechungen. Und immer diese physische Präsenz der Georges, denen der wuchtige Körper stets das wichtigste Instrument war, hinter dem aber auch immer Verletzlichkeit durchschimmerte. An diesen Beiden konnten die Deutschen immerzu ihr eigenes Selbstverständnis und Männlichkeitsbild abarbeiten.

Die gleiche Physis, die gleichen Schmerzen

Seltsam nur, dass der Biograf für sein hochinteressantes und bestens recherchiertes Buch keinen Rahmen, keine Einleitung nutzt, wie ihn der „George“-Film doch geradezu aufdrängt. Brav wird erst das eine, dann das andere Leben erzählt. Wobei der erste Teil mit dem Krieg endet und nicht mit dem Tod des Vaters. Der steht am Beginn des zweiten Teils – und die große Abrechnung mit den Nazi-Diensten des Vaters kommt erst am Ende der Sohnesbiografie, wenn es um den „George“-Dreh geht. Der Tod von Götz George wiederum wird erst im Epilog gestreift, wo es dann um den großen Vergleich geht.

Aber das sind nur kleine Kritikpunkte. Mit dieser Doppelbiografie hat Medicus ein längst überfälliges Kapitel abgeschlossen. Einen „Deutschlandkörper“ hat „Die Zeit“ Götz George in ihrem Nachruf bezeichnet. Medicus weitet den Begriff auf den Vater aus: zwei Deutschlandkörper, zwei Mannsbilder, die nicht nur ihre Physis verband, sondern auch die Schmerzen der Versehrtheit.

Thomas Medicus: Heinrich und Götz George. Zwei Leben. 414 Seiten, 26 Euro.