Fernsehen

„Gott“: ARD-Film über eine Frage, die uns alle angeht

Ferdinand von Schirachs ARD-Film „Gott“ debattiert über das Streitthema Sterbehilfe – und bindet das Publikum dabei aktiv mit ein.

Der Ethikrat verhandelt vor Berliner Kulisse über das Reizthema Sterbehilfe. Links Matthias Habich als Sterbewilliger und Lars Eidinger als sein Anwalt.

Der Ethikrat verhandelt vor Berliner Kulisse über das Reizthema Sterbehilfe. Links Matthias Habich als Sterbewilliger und Lars Eidinger als sein Anwalt.

Foto: ARD Degeto

Der Mann ist nicht krank. Er hat auch eine Familie, die ihn durchaus nicht verlieren will. Aber der 78-Jährige hat anderthalb Jahre zusehen müssen, wie seine Frau qualvoll gestorben ist. Seit ihrem Tod vor drei Jahren sieht er keinen Sinn mehr im Leben. Und möchte es beenden. Freiwillig und selbstbestimmt. Seine Hausärztin mag ihm dabei aber nicht helfen. Deshalb zieht er vor Gericht.

Das ist das Szenario des Fernsehfilms „GOTT von Ferdinand von Schirach“, der am heutigen Montag das Streitthema Sterbehilfe behandelt. Von Schirach, der einst Strafverteidiger war, führt seine frühere Berufung jetzt auf anderem Feld mit seinen Büchern fort, in denen er immerzu juristische und gesellschaftliche Reizthemen umreißt.

Ganz bewusst hat sich der Bestsellerautor hier gegen einen siechen Kranken entschieden, dem das Leben nur noch Qualen bereitet, wie das etwa in Clint Eastwoods oscar-gekröntem Sterbehilfedrama „Million Dollar Baby“ aus dem Jahr 2004 der Fall war.

Mehr zum Thema: Ferdinand von Schirach: „Es geht nicht um Justiz, es geht um uns alle“

Mit der Verfilmung von „GOTT“, kurz nach der Doppel-Uraufführung von Schirachs Theaterstück Ende September im Berliner Ensemble und im Schauspielhaus Düsseldorf, zeigt die ARD, die ja gern als verschnarcht hingestellt wird, wie aktuell und zeitnah öffentlich-rechtliches Fernsehen sein kann.

Denn erst im Februar dieses Jahres hat das Bundesverfassungsgericht ein Urteil gefällt, bei dessen Verkündung laut applaudiert wurde, wonach jeder die uneingeschränkte Freiheit hat, seinem Leben ein Ende zu setzen, ganz egal, ob er sterbenskrank oder kerngesund ist.

Der Zuschauer sitzt wie ein Schöffe bei Gericht

Noch in dieser Legislaturperiode soll über das hochsensible Thema erneut im Bundestag debattiert werden. Das Fernsehen diskutiert bereits jetzt darüber. Und der Zuschauer ist aufgerufen, sich aktiv zu beteiligen. Er kann, gleich nach der Ausstrahlung des Films, über das Für und Wider abstimmen. Und der Sender macht daraus einen ganzen Themenabend. In Frank Plasbergs Talkshow „Hart aber fair“ wird direkt im Anschluss über Sterbehilfe debattiert – und das Ergebnis des Votings gleich mit.

Das Setting des Films dürfte einem bekannt vorkommen. Wieder tagt der Ethikrat, wieder vor riesigen Fenstern in der Nähe zum Berliner Regierungsviertel. Wieder hat Lars Kraume Regie geführt. Und wieder spielt Lars Eidinger die Rolle von Schirachs Alter Ego, dem Verteidiger Biegler. Das gab es schon im Oktober 2016, im ARD-Film „Terror - Ihr Urteil“.

Damals, nur zwei Monate vor dem Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz, ging es um einen fiktiven Terroranschlag: die Entführung eines Flugzeugs, das in ein besetztes Fußballstadion umgelenkt wurde und in letzter Minute von einem Kampfpiloten der Luftwaffe abgeschossen wurde, gegen den Befehl seiner Vorgesetzten. Alle Passagiere kamen dabei ums Leben, eine Vielzahl an Menschenleben wurde indes gerettet.

Die Fernsehzuschauer saßen schon damals quasi als Schöffen mit im Gericht. Und konnten darüber abstimmen, ob der Pilot dafür verurteilt werden sollte. Eine Versuchsanordnung, wie von Schirach damals zugab: Er würde niemals auf die Idee kommen, über einen tatsächlichen Fall abstimmen zu wollen: „Das wäre totaler Quatsch und irre gefährlich.“ Aber das TV-Publikum sollte nicht nur alle Standpunkte im Ethikrat anhören, sondern mit abstimmen. Eine klare Mehrheit von 86,9 Prozent der deutschen Zuschauer votierte für einen Freispruch, ebenso viele in Österreich und 84 Prozent in der Schweiz.

Jeder muss sich die Frage selbst stellen

Wie schon damals wird auch das Streitthema in „GOTT“ von einer größtmöglichen Star-Dichte verhandelt. Barbara Auer gibt die Vorsitzende des Ethikrats, die am Ende auch das Urteil des Publikums bekannt geben wird. Matthias Habich den Mann, der sterben will, Anna Maria Mühe die Ärztin, die ihre Mithilfe verweigert, Götz Schubert den Vorstand der Bundesärztekammer, die die die Suizidbegleitung ablehnt, Ulrich Matthes einen Bischof, der ethische und religiöse Grundbedenken stellt.

Christiane Paul legt als Verfassungsrechtlerin die komplexe Sachlage allgemeinverständlich dar und kommt zu dem provokanten Fazit, es gebe „keine Rechtspflicht zu leben“. Und Lars Eidinger stellt als Anwalt immer wieder alte Positionen in Frage: Ärzte etwa, die sich auf den Jahrtausende alten Hippokrates-Eid berufen, auch wenn sie diesen Eid nie ablegen und dieser in anderen Fällen, etwa bei der Abtreibung, auch längst nicht mehr gilt.

Im Film wird erläutert, wie andere Länder mit Sterbehilfe umgehen, ob es dadurch zu einem Dammbruch kommen könnte. Es werden sogar Vergleiche zur Euthanasie-Politik der Nazis gezogen. Ein bisschen lang arbeitet sich von Schirach dabei an den religiösen Aspekten ab.

Die ARD auf der Suche nach neuen Formaten

Zu kurz kommen dagegen Themen, die hier auch mitverhandelt werden müssten: den Pflegenotstand etwa und die immer teurer werdende Alterspflege, die es immer weniger Menschen ermöglicht, in Würde zu altern - und zu sterben. Der Film macht aber eines deutlich: Die Frage über den Freitod als Akt autonomer Selbstbestimmung und über den Wert des eigenen Lebens, sie geht uns alle an. Und jeder muss sie sich stellen.

Mit solchen Mitmach-Formaten versucht die ARD sich auch gegen die sozialen Medien, wo politische Themen längt angestoßen und debattiert werden, behaupten zu können. Und auch das jüngere Publikum, das längst vom linearen Fernsehen abgekommen ist, durch Interaktionen wie diese zurückzugewinnen. Spannend wird deshalb auch, wie die Abstimmung verlaufen wird. Beim Voting zu „Terror“ vor vier Jahren gab es noch technische Probleme, die Internetseite war schwer erreichbar und die Telefonnummern meist besetzt. Daraus hat man hoffentlich gelernt. Die Schweiz macht ebenfalls wieder mit. Das Österreichische Fernsehen aber hat seinen Themenabend kurzfristig verschoben.

„GOTT von Ferdinand von Schirach“: ARD, heute, 20.15 Uhr. Im Anschluss: Diskussion in „Hart, aber fair“ mit Frank Plasberg: ca. 21.55 Uhr.