Theater

Theater im Stream: Und dann bleibt das Bild hängen

Wegen des Teil-Lockdowns zeigte das Deutsche Theater die Premiere von „Der Zauberberg“ im Live-Stream. Das ging nicht ohne Störungen.

Alles weiß: Die Schauspieler, in weiß gewandet, stapfen vor Schneebildern über die weiße Bühne.   

Alles weiß: Die Schauspieler, in weiß gewandet, stapfen vor Schneebildern über die weiße Bühne.  

Foto: ARNO DECLAIR / Arno Declair

Es ist eine Premiere auch fürs Deutsche Theater. Weil die Bühnen derzeit alle geschlossen sind, man dem Zuschauer aber schon was bieten will, hat das Haus am Freitagabend eine besondere Offerte angeboten: eine Vorstellung als Stream. Aber nicht bloß eine Aufzeichnung aus dem Repertoire. „Der Zauberberg“ von Sebastian Hartmann hätte an diesem Tag eigentlich regulär Premiere gehabt.

Die wurde jetzt auf den 13. Dezember verlegt. Aber dass die Theater vor Weihnachten noch mal öffnen, daran glaubt nicht mal der Regisseur. Und so lässt er den Zuschauer teilnehmen an einer einmaligen Übertragung, live und kostenlos. Und auf den Abend zugeschnitten. Dass gefilmt wird, wird zum integralen Bestandteil der Aufführung.

Eine Inszenierung der Verweigerung

Hartmanns Adaption von Thomas Manns gewaltigem Epos ist dafür allerdings ein echt harter Brocken. Denn sie ist vor allem eine Inszenierung der Verweigerung. Hartmann hat den „Zauberberg“ schon mal vor zehn Jahren am Centraltheater Leipzig inszeniert. Und fürchtet, dass der Roman wegen dessen Lungenkranken in der Sanatoriums-Luxusquarantäne jetzt „in allen Dramaturgien durch Deutschland raschelt“.

Deshalb ist sein neuer „Zauberberg“ radikal anders. Um Atemwegserkrankungen geht es gar nicht. Aber auch das eigentliche Narrativ entfällt komplett: dass da ein Hans Castorp für drei Wochen zu Besuch ins Sanatorium kommt und dann für sieben Jahre als Kranker bleibt.

Mehr zum Thema: Sebastian Hartmann: „Theater im Dezember, das wird nichts“

Hartmann fokussiert auf das, was für viele der eigentliche Reiz, für einige aber auch die Tortur des Buches ist: wenn der Roman das Narrativ verlässt und ins Philosophische ausschert. Und über die Welt und das Dasein sinniert, über das Wesen der Zeit und wie lang sie einem werden kann. Eine Erfahrung, die wir alle jüngst im ersten Lockdown gemacht haben.

Ein Höhepunkt in Manns Roman ist das Kapitel „Schnee“, in dem der Protagonist Castorp ganz allein einen Skiausflug unternimmt, dann in einem Schneesturm vom Weg abkommt, sich in einen Heuschober rettet und dort in einen Fiebertraum fällt. Damit beginnt Hartmanns „Zauberberg“. Und der ist ein einziger Schneetraum.

Ganz in weiß - wie bei Roy Black

Die Bühne weiß vor projizierten Bergmassiven. Die acht Schauspieler ebenfalls, man muss an den Roy-Black-Schlager denken, ganz in Weiß. In Ganzkörpertrikots, die überdimensionierte Skianzüge sein könnten, aber einfach groteske Fett-Anzüge sind. Der eigene Körper als Last, die man mit sich herumschleppt. Und alle Gesichter weiß geschminkt, so dass man die Darsteller kaum unterscheiden kann.

Vergessen wir Madame Chauchat, Settembrini und all die anderen exzentrischen Lungenkranken bei Thomas Mann. Diese acht sind alle Hans Castorp in ihrem Fiebertraum. Indem sie Monologe und Textpassage des Romans sprechen und schreien, aber auch, so viel Lungenassoziation muss dann schon sein, hecheln und keuchen, dass die Aerosole sichtlich sprühen.

Das kann man sehen, weil die sechs Kameras immer ganz nah dran sind. Virtuos wurde da eine Choreographie einstudiert, damit Kameraleute und Darsteller sich umschwirren, aber nicht umschubsen. Diese Aufnahmesituation wird auch nicht kaschiert, sondern noch betont.

Mal nimmt eine Kamera eine andere ins Visier. Mal irrt sie mit einem Schauspieler auch hinter die Bühne. Was bei einer analogen Vorführung nicht möglich wäre. Vor allem werden die Live-Bilder aber auch gleich filmisch verfremdet: die Gesichter absichtsvoll überbelichtet, damit sie nur noch weiß sind, oder zu grellen Masken trickanimiert. Eine reizvolle Meta-Ebene.

Freilich: Selbst wer den dickleibigen Mann-Roman gelesen hat, wird die Textkonvolute nicht immer klar zuordnen können und von ihnen schier erschlagen. In einem Theatersaal bringt man vielleicht mehr Konzentration auf. Zuhaus auf dem Sofa schaltet man eher weg. Wer das tut, kommt aber bald nicht mehr rein. Der Livestream läuft über einen Youtube-Link. Das Videoportal findet einige Passagen aber wohl zu anstößig. Und versieht den Stream mit einer Altersbeschränkung. Wer keinen Youtube-Account hat, muss draußen bleiben.

Am traurigsten: der Blick in den Saal

Und auch wer dranbleibt, erlebt nach einer dreiviertel Stunde eine empfindliche Störung. Das Bild bleibt hängen. Und läuft dann erst mal ohne Ton weiter. Für wenige Minuten nur. Aber wie in der Schneewanderung zerdehnt sich das in eine schrecklich lange Phase. Auch später wird das Bild noch zwei Mal hängen und kurz der Ton ausfallen. Empfindliche Störungen. Von denen man aber schon wieder annehmen könnte, Hartmann habe sie bewusst eingesetzt, um den technischen Akt des Abfilmens noch auf solche Art zu betonen.

Die schrecklichsten Momente sind indes andere. Die, in denen die Kamera auch mal direkt in den Zuschauersaal blickt. Der ist hell erleuchtet, aber bis auf zwei Techniker völlig leer. Das macht den Zuschauer unendlich traurig, denn hier hätte er ja selbst sitzen sollen.