Literatur

Charles Lewinsky schreibt in „Der Halbbart“ Geschichte um

„Der Halbbart“ ist ein großer Roman über schwere Zeiten, die die Kraft des Erzählens - und über die Tücke „alternativer Wahrheiten“.

Einfache Bauern schlagen eine Übermacht adeliger Panzerreiter in der Schlacht bei Morgarten. Hier ein Holzstich von 1855 nach einer Zeichnung von Hermann Plueddemann.

Einfache Bauern schlagen eine Übermacht adeliger Panzerreiter in der Schlacht bei Morgarten. Hier ein Holzstich von 1855 nach einer Zeichnung von Hermann Plueddemann.

Foto: picture-alliance / akg-images

Es war die erste kriegerische Auseinandersetzung des jungen eidgenössischen Bundes und wurde ein Gründungsmythos der Schweiz: die Schlacht bei Morgarten, die vor genau 705 Jahren, am 15. November 1315, geschlagen wurde. Freiheitskämpfer gegen Unterdrücker, Einheimische gegen Ausländer, einfache Bauern und Fußsoldaten gegen eine Übermacht adeliger Panzerreiter, die dennoch besiegt wurde.

Eine Schlacht war das indes weniger. Die Eidgenossen lauerten in einem Hinterhalt, einer hohlen Gasse zwischen Fels und Moor, ließen Baumstämme rollen und warfen Felsbrocken. Zum Einsatz kam auch eine neue Wunderwaffe: die Helmbarte, auch Hellebarde genannt, eine Hieb- und Stichwaffe zugleich, die den Stab des Hirten (Stiel = Helm) mit der Axt des Bauern (Beil = Barte) verband.

Große Geschichte aus kleinem Blickwinkel

Der Ort des Geschehens ist bis heute einer der wichtigsten Gedenkorte des Landes. Vor fünf Jahren noch, zum 700-Jährigen, wurde das Ereignis mit großem Pomp begangen. Nun aber ist ein Roman erschienen, „ Der Halbbart “ von Charles Lewinsky, der an der Legende kratzt und die Geschichte ganz anders erzählt. Ja, schlimmer noch: die Überlieferung, die Historie, ins Land der Geschichten, der Märchen verweist. Fast ein Frevel, für den der Zürcher Autor gleichwohl für den diesjährigen Schweizer Buchpreis nominiert wurde. Auch wenn der vor zwei Wochen dann an einen anderen Titel ging.

Lewinskys Kniff: Er beschreibt die große Geschichte aus einem einfachen, beschränkten Blickwinkel. Dem eines kleinen Buben, der in einem armen Dorf in der Talschaft von Schwyz lebt und erst mit und durch diese Ereignisse erwachsen wird. Eusebius, den alle nur Sebi nennen, ein zarter Knabe, als „Finöggel“ verlacht, als Mädchen also, der nicht geschaffen ist für die harte Landarbeit oder das Abholzen des Waldes, zu dem das nahe Kloster von Einsiedeln die Landsmänner zwingt. Alle glauben, dass auch der Sebi einmal in dieses Kloster gehen, dass er Lesen und Schreiben lernen und Mönch werden wird. Auch wenn die Gottesmänner im Dorf nicht eben wohl gelitten sind, seit die ständig einen Grenzstein verschieben.

Der Bub hat keinen Vater mehr, aber zwei ältere Brüder, einen, der sich gern schlägt und Soldat werden will. Und einer, der vernünftiger ist, aber beim erzwungen Holzfällen ein Bein verliert. Zum Vaterersatz wird dem Bub ein Fremder, der eines Tages, keiner weiß woher, im Dorf erscheint. Mit halbverbrannter Körperhälfte, weshalb er „Melchipar“ genannt wird, halb Melchior, halb Kaspar. Oder auch nur schlicht Halbbart. Weil ihm nur noch auf der einen Seite ein Bart wächst.

Was ihm geschehen ist, das will der Halbbart niemandem erzählen. Auch dem Sebi nicht, der sich mit ihm anfreundet und alles von ihm wissen will. Durch den Fremden aber lernt der Junge einiges über die Welt da draußen, die er nicht kennt, über ihre Schrecknisse und Ungerechtigkeiten. Und dann dringt die große Welt auch in diesen kleinen Flecken ein, mit Sebis derbem Onkel Alessi, der ein Krieger war, nun auch in Friedenszeiten immerzu auf Händel aus ist.

Auch dieser Neuzugang hat nur noch ein halbes Gesicht. Der Rest wurde ihm mit einer Streitaxt zerschlagen. Überhaupt sind alle Protagonisten dieses Romans irgendwie nie ganz: wie der Ich-Erzähler, eine halbe Portion, und der Bruder mit nur einem Bein. Durch den Onkel wird die Stimmung im Dorf immer gereizter und aggressiver.

Die Wunderwaffe des Mittelalters

Der Halbbart scheint der einzige, der da weise und besonnen bleibt. Aber dann ist ausgerechnet er es, der eine Wunderwaffe erfindet und die der Sebi denn auch nach ihm benennt: die „Halbbarte“. Das ist – spätestens – der Moment, wo der Leser ahnt, dass hier die Historie umgedeutet wird.

„Der Halbbart“ ist einer dieser dicken Schmöker, die man erst nicht aus der Hand legen will, weil man immer weiter lesen muss, und auf den letzten Seiten dann immer langsamer liest, weil es nicht aufhören soll. Lewinsky, immerhin 74 Jahre alt, nimmt nicht nur den Blick des Buben ein, er schreibt auch quasi mit heller Bubenstimme, im Knabensopran. Ganz aus der Ich-Perspektive, mit einer einfachen, luziden Sprache, in die er auch manche Helvetismen wie „Gschpüri“ oder „Gsüchti“ einstreut. Ja, eigentlich schreibt Lewinsky gar nicht – er spricht. Denn auch darum geht es. Um orale Kultur und das Unvermögen der einfachen Leute, lesen und schreiben zu können.

Geschichten lässt man sich hier noch nach einem langen, entbehrungsreichen Tag erzählen, von der „Teufels-Annelie“ etwa, die damit ihr Brot verdient. Auch Lewinskys Sebi erzählt so, immer im Präsens und als ob er abends die Ereignisse des Tages rekapituliere. Am Ende will er denn auch wie das Annelie werden und als Geschichtenerzähler übers Land ziehen. „Eine Geschichte“, heißt es schon auf den ersten Seiten, „hört man immer gern, wenn die Nächte lang sind.“

In seinem letzten Roman „Der Stotterer“ erzählte Lewinsky von einem Mann, der nicht flüssig sprechen kann und deshalb die Macht des Schreibens erlernt – und missbraucht. „Der Halbbart“ ist dazu ein Gegenentwurf und handelt von der Macht der oralen Kultur und der mündlichen Überlieferung.

Der Bub muss aber lernen, dass es gute und schlechte Geschichten gibt, dass sie eine Eigendynamik entwickeln können. Und sich am Ende selbst als Wunderwaffe erweisen können: gegen die Panzer der Habsburger und das Latein der Mönche. Indem die Geschichte anders erzählt wird.

Der Januskopf des Geschichtenerzählens

Lewinskys Roman ist deshalb weit mehr als nur die Coming-of-Age-Geschichte eines Buben. Oder die Coming-of-Age-Geschichte einer stolzen Nation. „Der Halbbart“ handelt von dem Doppelgesicht, dem Januskopf des Erzählens selbst. Von der schöpferischen Kraft des Fabulierens und Geschichtenerfindens, als Balsam und verbindendes Element gerade in schweren Zeiten. Aber auch davon, wie man Wahrheiten verdrehen kann. Und wie Geschichten zu Geschichte werden.

So weist das Buch weit über das Mittelalter hinaus, in dem es spielt, und wird zum Lehrstück gerade in Zeiten von Fake-News und „alternativen Fakten“, in denen man lernen muss, Quellen kritisch zu hinterfragen. Und dabei macht Lewinsky keine halben Sachen.