Kunstmarkt

„Direkte Auktion“: Die Berliner Kunstszene hilft sich selbst

Art, aber fair: Mehr als 300 Kunstschaffende aus der Hauptstadt haben sich für ein besonderes Auktionsformat zusammengetan.

Holm Friebe und Bettina Semmer sind die Initiatoren der „Direkten Auktion“.

Holm Friebe und Bettina Semmer sind die Initiatoren der „Direkten Auktion“.

Foto: Sergej Glanze / FFS

Die Corona-Krise macht erfinderisch: Mehr als 300 Berliner Künstlerinnen und Künstler haben sich zusammengetan und eine „Direkte Auktion“ organisiert – eine Versteigerung mit 400 Werken, die sich an ein breites Publikum richtet und den Künstlern unmittelbar zugute kommen soll. Wir sprachen mit den Initiatoren Bettina Semmer und Holm Friebe.

Um was geht es genau bei der „Direkten Auktion“?

Holm Friebe Wir haben uns den Auktionsmarkt angesehen und überlegt, ob da nicht ein Potenzial schlummert, gerade jetzt in Corona-Zeiten den Künstlern im mittleren Feld zu helfen. Und zwar handfest zu helfen, denn die Corona-Krise hat sie alle kalt erwischt. Wir schaffen ein Modell, das typisch ist für Berlin: Die Kunstszene hilft sich selbst, alle rücken zusammen, alte Gräben werden zugeschüttet und man packt gemeinsam an. Zwei Drittel der Nettoerlöse landen direkt bei den Künstlern und Einlieferern. Die Kuratoren aus Kultur- und Kunstprojekten erhalten noch einmal zehn Prozent. Das Auktionshaus Jeschke van Vliet, das uns die Infrastruktur bereitstellt, verzichtet auf die sonst im Auktionsmarkt übliche Provision.

Und wie wird das ablaufen?

Bettina Semmer 19 Kuratoren-Teams haben in 19 Chaptern mehr als 400 Kunstwerke und Artefakte versammelt, die vom 26. bis zum 28. November unter den Hammer kommen. Alle Kunstwerke kann man an acht Ausstellungsorten vorbesichtigen, natürlich unter Einhaltung der Corona-Hygieneregeln. Die Auktion kann man dann live im Netz mitverfolgen.

Holm Friebe Die Chapter sind die einzelnen Sektionen der Auktion. Weil wir viele Auktionsneulinge erwarten, ist es sinnvoll, diese Begriffe zu erklären. Lose haben bei uns nichts mit einer Tombola zu tun, sondern bezeichnen ein Objekt, das versteigert wird. Das nennt man im Auktionsmarkt Lot oder Lots. Das Limit ist nicht der Höchstpreis, den man bieten darf, sondern der Mindestpreis, bei dem Bietgefechte anfangen. Und die Taxe hat weder etwas mit der Steuer zu tun noch mit den Autos, mit denen wir zur Vorbesichtigung fahren. Sie benennt den Preis, den wir für das Stück für angemessen halten. Unsere Taxen gehen von 20 Euro bis 20.000 Euro, es ist für jeden etwas dabei.

Das Auktionshaus Jeschke van Vliet stellt die Infrastruktur bereit, arbeitet aber nur kostendeckend. War es schwer, einen Partner zu finden?

Bettina Semmer Jeschke van Vliet ist sozusagen der David unter den Goliaths im Berliner Auktionsgeschehen. Sie sind offen für dieses Format gewesen und unterstützen uns da ziemlich uneigennützig. Wir mussten viele Extrastunden machen, es gab viele Hürden, weil dieses Format neu ist und wir alle möglichen Knüppel zwischen die Beine geworfen bekamen. Die Auktionshäuser waren nicht begeistert, dass Jeschke van Vliet da ausbricht aus dem normalen Vorgehen, mit dem Sekundärmarkt zu arbeiten. Wir arbeiten mit dem Primärmarkt zusammen, und das ist nicht üblich im Auktionsgeschäft.

War es schwierig, die Galerien ins Boot zu holen?

Holm Friebe Die mittleren Galerien, die rechtschaffen arbeiten und Künstler langfristig aufbauen, finden Auktionen per se dubios. Die Preise in der Galerie können sie kontrollieren, aber wenn ein Künstler aus dem Nichts aus einer privaten Sammlung auf dem Auktionsmarkt auftaucht und dann durchfällt, dann heißt das für die Galeristen, dass ihre Preise zu hoch sind. Davor haben sie alle Angst. Wir nehmen die Galerien mit und sagen: Wir tun etwas dafür, dass eure Künstler nicht durchfallen, weil wir handverlesene, professionell kuratierte Objekte haben.

Ist es nicht hart für die Neulinge unter den Künstlern, sich in Echtzeit vom Markt bewertet zu sehen?

Bettina Semmer Ja, das ist es. Aber wir tun alles, um das abzufedern. Wenn die Summe der Vorgebote die Kostenschwelle erreicht hat, bilden wir einen Solifonds, der diejenigen Künstlerinnen und Künstler honoriert, deren Limit nicht erreicht wurde. Sie kommen im Katalog vor und landen in den internationalen Auktionsdatenbanken.

Holm Friebe Es ist eine verdammte Mutprobe, sich diesem Markt zu stellen. Das ist, als stünde man auf dem Zehnmeterbrett. Viele, die es sich vorgenommen haben, springen nicht, weil sie Muffensausen haben. Wir können garantieren, dass Wasser im Becken ist. Wir sind gezielt keine Charity-Auktion, das Geld soll den Künstlern zugute kommen. Wir wollen im Kunstmarkt mitspielen. Der Grundgedanke ist, dass die Künstler endlich einmal Geld verdienen, auch Selbstvertrauen kriegen, indem sie in unserem Katalog stehen. Wir haben die Limits sehr niedrig geprügelt, das waren endlose Diskussionen. Viele sind ausgestiegen, weil die Startpreise so niedrig sind. Wichtig für die Künstler ist, dass sie in den internationalen Datenbanken stehen, weil sie schon einmal verkauft wurden. Deshalb wollen wir, dass nichts durchfällt. Wir sagen den Künstlern ganz offen: Fragt euren reichen Onkel in Amerika, ob er nicht wenigstens das Limit einzieht, dann seid ihr gelistet. Es soll auch nicht die letzte Auktion dieser Art sein, wir wollen das als Format etablieren.

Wieviel Geld spielt das im besten Fall ein?

Holm Friebe Die Limits liegen bei über 500.000 Euro, die Taxen bei knapp einer Million. Das ist das Volumen. Wir werden sehen, wie die Sammler reagieren. Wir sind alle sehr gespannt.

Alle Daten, teilnehmenden Galerien und weiterführende Informationen unter jvw-berlin.de/direkteauktion . Die Auktion kann unter facebook.com/direkteauktion vom 26.-28. November live verfolgt werden.