Literatur

Der Zauber des Zuhörens: Heute ist Vorlesetag

Die Stiftung Lesen veranstaltet wieder den bundesweiten Vorlesetag. Wir erinnern uns an unsere schönsten Vorlese-Erlebnisse.

Vorlesen macht Spaß - und erleichtert Kindern das Lesenlernen.

Vorlesen macht Spaß - und erleichtert Kindern das Lesenlernen.

Foto: Oliver Ruether / dpa-tmn

Die Stiftung Lesen veranstaltet am heutigen Freitag wieder den bundesweiten Vorlesetag – digital, zu Hause und mit dem nötigen Abstand. Unsere Autorinnen und Autoren erinnern sich an ihre schönsten Vorlese-Erlebnisse – von „Michel aus Lönneberga“ bis zur „Unendlichen Geschichte“.

Eine Kinderbande jagt den Verbrecher

Meine erste Begegnung mit der Stadt Berlin hatte ich im Reich der Fantasie, als ich vielleicht acht Jahre alt war und mir meine Eltern Erich Kästners „Emil und die Detektive“ vorlasen. Ich litt mit dem kleinen Emil Tischbein, der ganz allein aus Neustadt in die Hauptstadt fährt und der Großmutter 140 Reichsmark von der Mutter mitbringen soll, die Scheine sind mit einer Sicherheitsnadel in seiner Jackentasche befestigt. Dann wird er von dem finsteren Herrn Grundeis einfach bestohlen! Das Berlin, in dem Emil dann ankam, kam mir faszinierend und exotisch vor – ein vibrierender Ort, wo man Menschen mit lustigen Namen wie „Pony Hütchen“, „Gustav mit der Hupe“ oder „Kleiner Dienstag“ kennenlernen konnte und wo die Kriminellen von Kinderbanden gejagt werden. Als ich meinen Kindern die Geschichte Jahrzehnte später selbst vorlas, las ich sie natürlich als ein anderer: als einer, der schon lange in Berlin lebte. Das machte sie nur noch schöner, neben ihrer eleganten, zeitlosen Sprache. Felix Müller

Der Vorlesetag - digital

  • Am heutigen Freitag wird in ganz Deutschland vorgelesen – sei es zu Hause, im kleinen Kreis oder digital. Wie jedes Jahr am dritten Freitag im November findet nämlich der Vorlesetag statt.
  • Der Aktionstag soll ein öffentliches Zeichen setzen für die Bedeutung des Vorlesens und Kinder wie Erwachsene für Geschichten und Literatur begeistern. Zu diesem Anlass laden die Funke Mediengruppe, zu der auch diese Zeitung gehört, die Buchhandlungen Thalia und Mayersche sowie der Thienemann-Esslinger Verlag zur virtuellen Vorlesestunde auf Ihrem PC, Tablet oder Smartphone ein.
  • Vorleser und Vorleserinnen aus dem ganzen Land präsentieren dabei die schönsten Kinderbuchklassiker und Kurzgeschichten von „Räuber Hotzenplotz“ über „Der Teddy und die Tier“ bis hin zu „Urmel kommt zur Welt“. Mit dabei sind Moderator Julian Janssen, Schauspieler Marc Dumitru, Autorin Katja Reider, Autor Florian Beckerhoff und viele mehr.
  • Der Stream startet um 16 Uhr unter morgenpost.de.

Die alltäglichen Abenteuer in Bullerbü

Vorlesen war in meiner Kindheit ein festes Ritual. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Klassiker: „Wir Kinder aus Bullerbü“. Schon meine Mutter – meine spätere Vorleserin – hat das Buch als Kind geliebt, mir ging es ähnlich. Manche Szenen sind mir bis heute im Gedächtnis geblieben, obwohl es nun schon einige Jahre her ist, dass ich die Geschichte zuletzt gehört habe. Etwa, wie sich die Protagonistin Lisa mit ihren Freundinnen Britta und Inga über ein selbst gebasteltes Dosen-Strippen-Telefon unterhalten hat – und wie ich, inspiriert davon, am liebsten auch eine Schnur bis zum Haus meiner Freundin gespannt hätte. Überhaupt erschienen mir die Einfälle der Kinder aus Bullerbü – neben den Mädchen sind da noch Lasse, Bosse und Ole – so einleuchtend und ihre alltäglichen Abenteuer so aufregend, dass mich die Geschichte völlig in ihren Bann gezogen hat. Unsere Ausgabe von 1970 sieht vom vielen Lesen inzwischen etwas mitgenommen aus. Im Regal steht sie aber immer noch. Jessica Hanack

Auf Fuchurs Rücken durch Phantásien

Gebannt habe ich den Worten der Alten Morla gelauscht, bin auf Fuchurs Rücken über die Wolken geflogen und habe mit Atréju um sein Pferd Artax geweint, das von jedem Lebensmut verlassen, für immer in den Sümpfen der Traurigkeit versinkt. „Die unendliche Geschichte“ war vielleicht nicht das erste Buch, das mir meine Mutter vorlas. Es ist aber das erste, an das ich mich erinnern kann. Ich muss fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, als ich an der Seite von Bastian und Atréju nach Phantásien gereist bin. Noch heute habe ich die kunstvollen Zeichnungen und die bunte Schrift aus Michael Endes rund 500 Seiten starkem Meisterwerk von 1979 vor Augen: rot für die echte und grün für die Fantasie-Welt. Die wird vom „Nichts“ verschlungen und verschwindet mehr und mehr in der Vergessenheit. Eine wunderbare Allegorie auf das Sterben der Fantasie mit dem Erwachsenwerden. Ich schwor mir damals, meine für immer zu behalten. Jedes Mal, wenn ich das Buch im Regal sehe, erinnere ich mich daran. Philipp Siebert

Vorsicht vor diesem Jungen!

Pädagogisch ist das natürlich gefährlich, so einen als Vorbild zu präsentieren. Eigentlich müsste über dem Buch stehen: Vorsicht, Eltern haften für ihre Kinder. Aber es gibt kaum lustigere Geschichten als die von Michel aus Lönneberga. Zum Beispiel die mit der Fahnenstange. Als Michels Schwester Lina einmal ganz weit, nämlich bis zum nächsten Dorf, schauen wollte, zog sie Michel an der Fahnenstange hoch. Dafür ging es in den berühmten Schuppen, wo Michel Holzfiguren schnitzte, während er seine Zeitstrafen absitzen musste. Natürlich möchte man nicht, dass die eigenen Kinder sich gegenseitig am nächsten Berliner Laternenmast hochziehen, um den Ausblick zu genießen. Aber: Michel aus Lönneberga ist mehr als ein Lausbub. Er ist hilfsbereit, (bauern-) schlau – und aus ihm wird später mal was, wie seine Mutter berichtet. Also doch: Michel ist ein großes Vorbild, über dessen Geschichten ich bis heute lachen kann. Gilbert Schomaker

Hauptsache, es ist genug Himbeersaft im Tank

Nie vergesse ich Ghosty, das Gespenst von Plumpudding Castle, der dreieckigen Burg mit den dreieckigen Türmen. Ghosty kann seinen Kopf abnehmen und ihn unter den Arm klemmen, außerdem kann er ihn je nach Stimmung in ein giftiges Gurkengrün oder ein leuchtendes Violett färben – das wollte ich als Kind auch gern können! Wie oft habe ich diese Szene aus „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ mit meinen Buntstiften gemalt? Mein Vater weiß es noch, er hat mitgemalt. Boy Lornsens Kinderbuch, das 1967 erschien, steckt voller fantastischer Ideen. Wie lustig war das, als mein Vater, der Techniker, die Sprache von Hauptfigur Robbi, dem kleinen Roboter, beim Vorlesen nachahmte. Immer wieder steht im Text ein „Klick“. Wenn Robbi nervös war, bekam er das Roboter-Stottern, dann las mein Vater: „Klick, klick“. Was Robbi und der schlaue Drittklässler Tobbi auf großer Fahrt mit ihrem genialen, himbeersaftbetriebenen Fliewatüüt erleben, gehört für mich zu den coolsten Geschichten aller Zeiten. Klick! Sibylle Haberstumpf

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