Beethoven-Jubiläum

„Fidelio ist eher eine Dystopie“

Regisseur Sven Holm bereitet Beethovens Oper als Ausstellungsinstallation vor. Das Novoflot-Projekt ist aber nicht jugendfrei.

Der Berlin Regisseur Sven Holm.

Der Berlin Regisseur Sven Holm.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. Es ist im Beethoven-Jahr gar nicht einfach, Jubiläumsaufführungen zu besuchen. Die „#1 Fidelio“-Produktion der Berliner Opernkompanie Novoflot sollte bereits im März Premiere haben, die wurde abgesagt, jetzt planen die Musikperformer in der Akademie der Künste am Hanseatenweg den zweiten Versuch. Aber auch wenn eine weitere Verschiebung in der Luft liegt, sieht Regisseur Sven Holm das erstaunlich gelassen. „Bei uns ist es glücklicherweise nicht wie bei der Lufthansa, insgesamt geht es Novoflot gut. Verglichen mit anderen Gruppen hatten wir großes Glück, weil wir bereits im vergangenen Jahr unsere ganzen Projekte durchgefördert hatten. Die Förderpolitik ist relativ großzügig gewesen, deshalb konnten wir unsere Planungen weitermachen.“ Die Beethoven-Projekte in Weimar und Köln gingen über die Bühne. Vielleicht sollte man noch anmerken, dass Lufthansa einiges mehr Fördergeld bekommen hat als Novoflot.

Das Angebot der Berliner Operntruppe zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven ist eine Trilogie unter dem Titel „Wir sind so frei #1 – #3“. In unterschiedlichen Anordnungen werden dabei die einzige Oper des Wiener Klassikers, sein Klavierwerk und die Sinfonien unter die Lupe genommen. Die Untertitel lauten „Fidelio“, „Unendlich ma non troppo“ und „Die 10. Sinfonie“. „Beim dritten Titel ist es am sinnfälligsten, dass die zehnte Sinfonie weiter komponiert werden soll“, sagt Sven Holm: „Der Grundgedanke zum 250. Geburtstag ist: Was würde der gute Ludwig van Beethoven sagen, wenn er unsere heutige Gesellschaft inklusive ihrer Kunstproduktion beobachten könnte? Im Hintergrund aller drei Projekte steht immer die Frage, was aus dem Freiheitsbegriff geworden ist.“

Die Besucher bewegen sich zwischen Lautsprecher-Stelen

Der neue Berliner „Fidelio“ soll eine Ausstellungsinstallation, eine vierstündige Installationsoper sein, die frei begehbar ist. In der Installation kämen die Opernstimmen gar nicht live vor, erklärt der Regisseur, in der großen Halle der Akademie seien 24 Lautsprecher als Stelen aufgestellt. Durch die Lautsprecher erklingen die Opernstimmen a cappella und werden von einem Performerteam entsprechend musikalisch, choreografisch und sprachlich begleitet. Die Zuschauer können sich zwischen den Stelen frei bewegen.

„Das Stelenfeld ist eine Referenz ans Brandenburger Tor. Dort versuchen wir ein Bild von dieser Welt zu finden“, so Holm: „Es führt überhöht in Richtung Apokalypse. Der Besucher befindet sich in dieser Installation und ist selber wie ein Gefangener dieses Stückes. Es gibt ziemlich viele Videos, die aber nicht jugendfrei sind. Die Einspielungen sind relativ grausam und handeln von unterschiedlichen Kriegszuständen.“ Dieser Fidelio ist erst für Besucher ab 16 Jahren zugelassen. Im Gegensatz zu ihnen können die Darsteller dem Stelenfeld nicht entkommen. „Die Freiheitssignale der Oper erklingen nur noch als Restbestände. Die Sehnsucht, die Beethovens ,Fidelio‘ einmal versprochen hat, wird nicht eingelöst.“

Es gehört zum guten Ton von Novoflot, unberechenbar zu sein. Sven Holm war 2002 ein Kompanie-Gründer und Vordenker. Geboren wurde er 1970 in Chiang Mai. Seine Eltern, beide Tiermediziner, hatten in Thailand ein Entwicklungshilfeprojekt geleitet. Nach der Rückkehr wuchs er in Braunschweig auf, kam dann in die Heimatstadt seiner Mutter. Er verweist auf seine Künstlerfamilie, die Großmutter war Klavierprofessorin an der Hochschule der Künste. Er selbst studierte Regie an der Musikhochschule Hanns Eisler.

„Fidelio“ hatte Sven Holm bereits vor zehn Jahren am Theater Heidelberg inszeniert. „Es ist tatsächlich eine meiner Lieblingsopern, weil sie so widersprüchlich ist. Bei dem Stück liegt es so offen, dass es eigentlich unspielbar ist. Ich finde, die meisten Opern sind unspielbar, aber bei Beethoven ist es authentisch, alles liegt offen wie in seinen Tagebüchern. Andere Komponisten waren geschickter, ihr Inneres ästhetisch zu verschleiern.“

Die Beethoven-Trilogie hat einen gewissen Humor

Holm kreiert im Gespräch tatsächlich den Begriff „negativutopisch“, weil seine Ausstellungsinstallation natürlich mit Vertrautheiten brechen wird. „Ich würde nicht sagen, dass unser ,Fidelio’ Utopie-los ist“, sagt er: „Die Beethoven-Trilogie ist auch von einem gewissen Humor gezeichnet. Bei der Oper ist es immer die Frage, mit welchem Beigeschmack man als Regisseur rangeht. Für mich ist der ,Fidelio’ aber eher eine Dystopie.“

Der Regisseur, der inzwischen selbst an der Eisler-Schule unterrichtet, weiß um die unterschiedlichen Ansprüche. „In den 90er-Jahren, als ich studiert hatte, wurde viel politischer auf die Oper geblickt. In der heutigen Zeit gibt es den Mut, ein gewisses Augenzwinkern hineinzubringen. Es ist ein entspannter, ja auch verwöhnter Blick auf das Regietheater, dass sich nicht um die einzig richtige Lesart bemühen muss.“ Für sich selbst betont er, dass Inszenierungen schon bissig sein müssen.

„Als wir unsere erste Inszenierung von Novoflot gemacht haben“, sagt Holm, „hat man sich beklagt, weil wir die Rezitative gekürzt und stattdessen Dialoge reingeschnitten hatten. Das ist heute ganz anders, was auf der anderen Seite auch zur Beliebigkeit führen kann. Es geht um das Missverständnis, dass man immer alles tun muss, um als modern zu gelten. Denn es ist nicht automatisch interessant, wenn man eine Oper zerschneidet.“ Aber heute regt sich sowieso keiner mehr auf, die Reibungen fehlen.

Der „Fidelio“ ist jetzt mit Abständen und Lüftung den Corona-Regeln angepasst. „Was die ästhetische Darstellung auf der Bühne betrifft, glaube ich, wird sich die Corona-Krise in unser Unterbewusstsein einschleichen. Man wird in den Inszenierungen anders auf körperliche Nähe und Kontakt schauen.“, sagt Holm. Auf der anderen Seite hoffe er, dass Kulturinstitutionen lernen, schneller auf Veränderungen zu reagieren. „Für Novoflot gehörte es immer zum Modell, flexibel agieren zu können.“