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Neue Staffel von „The Crown“: Prinzessin im goldenen Käfig

| Lesedauer: 8 Minuten
Eine Prinzessin, die von den Untertanen geliebt, aber von den Royals verachtet wird: Newcomerin Emma Corrin als Lady Di.

Eine Prinzessin, die von den Untertanen geliebt, aber von den Royals verachtet wird: Newcomerin Emma Corrin als Lady Di.

Foto: Netflix

In der vierten Staffel der Netflix-Serie „The Crown“ rücken gleich zwei neue Frauenfiguren ins Zentrum: Lady Di und Maggie Thatcher.

Kleine Mädchen träumen ja gern davon Prinzessin zu sein. Im Schloss wohnen, wertvollen Schmuck, prachtvolle Kleider tragen, bedient, hofiert, umschwärmt werden. Nach der vierten Staffel von „The Crown“ werden sie das vielleicht nicht mehr tun. Denn da erfüllt sich für eine junge Frau, mit der jeder sich identifizieren kann, dieser Traum. Und wird doch bald zum Alptraum: Lady Di.

Diana findet den Prinzen mit den Segelohren irgendwie anziehend. Sie wird auch von der königlichen Familie willkommen geheißen. Aber sie ist zu schüchtern, zu unreif, um zu durchschauen, warum: Weil sie eben – noch - kein Selbstbewusstsein hat. Und weil die Familie eigentlich nur wünscht, dass das Techtelmechtel von Prince Charles mit der verheirateten Camilla Parker Bowles ein Ende hat. Bald wohnt Diana im Schloss, wird bedient, hofiert - und von den Untertanen umschwärmt.

Jeder in dieser königlichen Familie hat einen Knacks weg

Aber noch vor der Hochzeit wird sie von den Royals gemieden. Sie lebt buchstäblich im Goldenen Käfig, einsam und isoliert. Rollt einmal, aus Trotz und Langeweile, mit Rollschuhen und Walkman durch die endlosen, leeren Gänge. Und leidet unter Essstörungen, was auch explizit gezeigt wird: Mehrfach wird im Vorspann gewarnt, dass einige Szenen für die Zuschauer „verstörend“ sein könnten.

„The Crown“: Der Trailer zur vierten Staffel

Und vor der Trauung steht sie in ihrem Hochzeitskleid, aber mutterseelenallein in einem riesigen Saal. Für die Traumhochzeit in der St. Paul’s-Kathe­drale war bei der Serie vielleicht nicht genug Geld da. Es ist aber wahrscheinlicher, dass Serienmacher Peter Morgan genau diese Szene vorschwebte: als Inbegriff der Tragödie der Diana Frances Spencer.

Tragische Nebenfiguren im Game of Throne

Dass der Brite Morgan seinem Königshaus und vor allem dessen ewiger Nummer Eins, Elizabeth II., zumindest kritisch gegenübersteht, wissen wir seit dem Kinofilm „The Queen“ (2006) mit Helen Mirren, bei dem Morgan das Drehbuch schrieb. Seit 2016 arbeitet er sich nun systematisch an den Windsors ab: in der längst Kult gewordenen Serie „The Crown“, die das Leben von Elizabeth II. seit ihrer Krönung behandelt und pro Staffel um eine Dekade springt. In den ersten zwei Staffeln spielte Claire Foy die junge Queen, in Staffel Drei hat Olivia Coleman das Zepter übernommen.

Seit sich Elizabeth in Staffel Eins aber bis zur Selbstverleugnung in die rein repräsentierende Nummer Eins der Nation verwandelt hat, hat sich der Blick immer mehr auf die tragischen Personen verlegt, denen im Game of Throne halt nur Nebenrollen zukommen: erst Schwester Margaret, dann Sohnemann Charles. Alle haben sie einen Knacks weg. In Staffel Vier, die ab 15. November auf Netflix abrufbar ist, kommen nun gleich zwei neue Frauenfiguren hinzu: Lady Diana, die Kindergärtnerin, die zur traurigen Prinzessin der Schmerzen wird. Und Margaret Thatcher, die zur ersten Premierministerin des Landes aufsteigt.

Keine Solidarität unter den Frauen

Zwei Frauen, die sich in einem toxischen Männerderivat behaupten müssen. Und denen ständig Prügel in den Weg geworfen werden. Zwei Frauen, mit denen Elizabeth sich bestens verstehen müsste, weil sie diese Ablehnung am eigenen Leib erlitten hat. Ja, hinter vorgehaltener Hand wird beim Antrittsbesuch von Thatcher gar gelästert, dass das Land jetzt von zwei Frauen in den Wechseljahren geführt werde. Aber da ist keine Solidarität unter den Ladies. Eher Konkurrenz. Und kühle Abneigung.

Die Neuzugänge der Serie haben dabei mit großen Erwartungen zu kämpfen. Nicht nur, ob sie ihren Vorbildern nahekommen. Das müssen ja alle Darsteller in „The Crown“. Aber Lady Diana wurde auch schon von Naomi Watts gespielt und Margaret Thatcher von Meryl Streep.

Doch die noch eher unbekannte Emma Corrin hat die Posen von Lady Di genau studiert und entwickelt sich vom verdrucksten Entlein zum stolzen Schwan. Und Gillian Anderson, bekannt aus „Akte X“, verwandelt sich mit solcher Bravour in die exzentrische Premierministerin, dass die Schauspielerin dahinter kaum mehr zu erkennen ist.

Die Serie kommt einem immer näher

Der Unterhaltungswert der Serie gründet auch darin, dass sie dem Zuschauer mit jeder Staffel näher kommt. Und man die Hintergründe immer besser kennt. Es geht uns ja allen so: Die Queen war irgendwie immer schon da. Aber Details aus den 40er-, 50er-Jahren kannte man kaum.

In den zehn Folgen der vierten Staffel, die die Jahre 1978 bis 1990 umreißt, geht es dagegen um Terroranschläge der IRA und den Falklandkrieg 1982. Auch, das hat man vielleicht schon vergessen, um jenen Arbeitslosen, der einmal plötzlich im Schlafgemach der Queen stand. Oder die „Iron Lady“ Thatcher, die um ihren Sohn weinte, der bei einer Wüstenrallye tagelang verschwunden war, während die Queen Haltung zeigte, als Prince Andrew in den Falklandkrieg zog.

All das hat Morgan in großartige dramaturgische Szenarien gegossen. Toll, wie hier Politisches und Privates verhandelt wird und ständig ineinandergreifen wie in einem Königsdrama von Shakespeare. Gern wird dabei auch mit Parallelmontagen gearbeitet, etwa wenn von schaulustigen Massen vorm Buckingham-Palast auf lange Schlangen vor dem Sozialamt geschnitten wird. Oder wenn die Royals an ihrer langen Tafel speisen und zeitgleich in einem Irrenhaus Essen ausgegeben wird.

Leichen im Keller des Hauses Windsor

Denn auch das hat Morgan wieder geschafft: nicht gerade Leichen im Keller aufzuspüren, aber doch Royal-Verwandte mit beschädigtem Erbgut, die man deshalb in eine geschlossene Anstalt wegsperrte. Und die Frage, die 1986 fast die Nation zerriss, ob die Queen – verärgert über Thatchers Ablehnung, Sanktionen gegen die Apartheidpolitik Südafrikas auszusprechen – selbst Informationen an die Presse streuen ließ, wird auch eindeutig beantwortet.

Social Distancing wegen Corona scheint bei dieser Familie kein Problem. Nah ist sich hier niemand. Manchmal mag man kaum glauben, dass die echte Queen, die immer so lieb und gütig lächelt, wirklich dieselbe Person sein soll wie die hartherzige Frau in der Serie.

Eine Staffel mit Meghan soll es nicht geben

Die Messer sind am Ende von Staffel Vier gewetzt. Die nächste wird wohl direkt daran anknüpfen: mit dem von der Queen selbst so bezeichneten „annus horribilis“, dem Schreckensjahr 1992, als ein Teil von Schloss Windsor brannte und alle Prinzen- und Prinzessinnenehen zerbrachen.

Nachdem es noch im Februar hieß, es solle nur fünf Staffeln geben, wurde im Juli entschieden, nun doch, wie ursprünglich geplant, auch eine sechste zu produzieren. Beide wieder mit einer neuen Queen-Darstellerin: Imelda Staunton.

Bis in die Gegenwart soll die Serie aber nicht reichen. Dabei böte das Hause Windsor auch heute noch genügend Stoff: von der Abkehr von Prince Harry und seiner Meghan bis zu den Pädophilie-Vorwürfen gegen Prince Andrew. Mit den Royals wird einem jedenfalls nie langweilig. Sie sind ihre eigene Soap.

„The Crown“: Staffel 4: 10 Folgen. Netflix, ab 15. November.