Oper

Verdis „Falstaff“ zeigt die Faulheit als Lebensentwurf

| Lesedauer: 2 Minuten
Matthias Nöther
Gibt den trägen Falstaff eher sportlich:  Bariton Lucio Gallo.

Gibt den trägen Falstaff eher sportlich: Bariton Lucio Gallo.

Foto: Deutsche Oper

Kurz vor dem Lockdown lief in der Deutschen Oper die konzertante Aufführung von Giuseppe Verdis „Falstaff“. Die Stimmung war gereizt.

Berlin. Gerade noch rechtzeitig vor dem Lockdown kann die Deutsche Oper Giuseppe Verdis Oper „Falstaff“ in einer konzertanten Aufführung präsentieren. Der Anklang am Freitag ist groß, die Stimmung im Publikum allerdings zuweilen gereizt – vielleicht auch, weil hier vor allem junges und älteres Publikum aufeinandertreffen: Zuweilen müssen die Saalordnerinnen – letztlich erfolgreich – einiges an Überzeugungskraft aufwenden, um zu gewährleisten, dass die vorgeschriebenen Plätze eingehalten werden.

Das Orchester sitzt hinter den Sängern

Auf der Bühne kann man mit dem italienischen Bariton Lucio Gallo einen recht sportlichen Sänger in der Rolle des Falstaff bewundern. Falstaff: Ist das nicht Shakespeares faulste, fetteste, verfressenste Figur – und zwar nicht nur körperlich, sondern auch als Verkörperung eines Lebensentwurfs? So ist es.

Und Gallo ist ein so brillanter Sängerdarsteller, dass er ungeachtet seiner völlig konträren Physiognomie Falstaffs fettfaules Durchwursteln als lebenspraktische Idee virtuos auf die Bühne bringt. Ganz nah ist dieser Falstaff dem Publikum.

Das Orchester sitzt nicht im Graben, sondern hinter den Sängern. Geleitet wird es vom kroatischen Dirigenten Ivan Repusic, der zu den turbulenten Geschehnissen einen luftigen, transparenten musikalischen Kommentar erzeugt – und das Orchester fast immer zu akkurater Präzision anhält.

Annette Dasch überzeugt mit sängerischer Statur

Um Lucio Gallo gruppiert sich aus den Reihen der Deutsche-Oper-Sänger ein Spielopern-Ensemble, das allen Erfordernissen des musikalisch komplexen Stückes genügt. An Italianità des musikalischen Gestus lassen es die Protagonisten dabei nicht fehlen.

Nach einem etwas nervösen Anfang gewinnt Annette Dasch als Alice Ford, die Anführerin der Verschwörung gegen den dicken Edelmann Falstaff, an sängerischer Statur und kann im dritten Akt mit Publikumsliebling Annika Schlicht als Mrs. Quickly und Meechot Marrero als Nannetta ein Terzett von musikalischer Eleganz vorführen, das seinesgleichen sucht.

Auch in Ermangelung einer vollgültigen Inszenierung hätte Regisseurin Eva-Maria Abelein ihren Darstellerinnen in der szenischen Einrichtung noch einiges von ihren klischierten Komödianten-Gesten abgewöhnen können.

Die Sänger können nicht ganz mit den Frauen mithalten

Die weiteren Herren um Falstaff, allen voran Thomas Lehman als eifersüchtiger Ehemann Ford, weisen nicht das gleiche darstellerische Charisma wie die Sängerinnen auf, können aber ebenfalls glänzen, weil sie das Verwirrspiel des alten Verdi stilsicher und auf Wortdeutlichkeit des Italienischen bedacht präsentieren.

Der junge chinesische Tenor Mingjie Lei als jugendlicher Liebhaber Fenton singt seine Arie des dritten Aktes federleicht und mit rundem Timbre. Dieser konzertante Falstaff ist ein würdiger Abschluss vor der Fahrt der gesamten Berliner Kulturszene ins Ungewisse.