Kultur

Verlierer sein, aber mit Erfolg

Kabarettist Olaf Schubert liest aus seinem Roman über den Kapitalismus.

Kabarettist und Musiker Olaf Schubert.

Kabarettist und Musiker Olaf Schubert.

Foto: Sebastian Kahnert / dpa

Bislang kannte man Olaf Schubert als sächsischen Kult-Comedian im Rauten-Pullunder. Seit neuestem ist er auch noch Teilzeit-Weltretter. Gemeinsam mit seinen Comedy-Kollegen Johann König und Torsten Sträter hilft er in der TV-Show „Das Gipfeltreffen“ allen Bedürftigen, die nicht über so ein immenses Wissen verfügen wie er. Davon gibt es verdammt viele; und er macht das wirklich gern. Aber damit nicht genug. Olaf Schubert ist auch ein selbst ernannter Weltverbesserer. Als „mahnender, intellektueller Stachel im Fleische der Bourgeoisie, der uns die Antworten auf die brennenden Fragen der heutigen Zeit liefert“. So bereichert er unser aller Leben. Mit seinen preisgekrönten Bühnenprogrammen und seinen zahlreichen Fernsehauftritten. Etwa in der „Heute Show“. Dabei ist er unfassbar bescheiden geblieben. So sagt er von sich selbst: „Laut der Umfrage eines großen deutschen Nachrichtenmagazins gehöre ich nicht zu den zehn erotischsten Männern Deutschlands – aber ich kann auch mit dem elften Platz gut leben.”

Neulich sah man ihn in ganz anderer Funktion zu vorgerückter Stunde bei „Inas Nacht“. Da spielte er regelrecht entrückt mit den Jazzbesen gefühlig Schlagzeug in der Band von keinem Geringeren als Helge Schneider. Eine spontane Session, wie Olaf Schubert erzählt: „Ich habe dem planmäßigen Schlagzeuger quasi den Arbeitsplatz geraubt. So läuft’s nun mal im Kapitalismus.“

Apropos Kapitalismus! Den hat Olaf Schubert gerade für sich entdeckt und sich gleich daran abgearbeitet. Er hat nämlich einen Roman darüber geschrieben. Der heißt „Wie Dirk B. lernte, den Kapitalismus zu lieben“ (Fischer Verlag, 240 Seiten, 14,99 Euro). Inklusive Leitfaden zur Ausbeutung. Der 52-Jährige ist schließlich überzeugt: „Das Prinzip des Kapitalismus steuert im Prinzip all unsere Handlungen. Man kann sich dem fast nicht entziehen.“ Damit das Buch auf jeden Fall ein Kracher wird, hat Schubert den Krimiautor Stephan Ludwig mit ins Boot geholt. Weil der weiß, wie man Spannung aufbaut. Olaf Schubert hat sie dann abgebaut. Umweltfreundlich, nachhaltig. Wie er nun mal so ist.

Aber Scherz beiseite. Geboren 1967 im sächsischen Plauen, wuchs der Dresdner Comedian im real existierenden Sozialismus der DDR auf. Davon merkt man im Buch Nullkommanichts. Das nimmt nämlich den Kapitalismus komplett global aufs Korn. Mit einer der wohl unsympathischen Hauptfiguren, die je in der deutschen Literatur erfunden worden sind. Das ging Olaf Schubert äußerst locker von der Hand. Immerhin hat dieser Dirk Bergfalk ein beträchtliches komisches Potenzial, was Schubert äußerst schwarzhumorig auf den Punkt bringt. Angst davor, dass ihm die potenziellen Leser in Scharen wegen des unausstehlichen Egomanen weglaufen, hat Olaf Schubert nicht, wie er bekennt: „Naja – irgendwie liebe ich ihn trotzdem. Und ob er für andere interessant ist, das können auch nur andere entscheiden.“

Perfekte Anleitung, umans große Geld zu kommen

Der Roman beginnt mit einer Trennung. Ehefrau Albina hat einfach keine Lust mehr auf den bezopften, latzhosigen Dirk B., der lieber die Fruchtfliegen auf der Fensterbank zählt, statt sich mit ihr zu unterhalten. Schlussendlich zieht Albina deshalb mit Sohn Meino zu ihrem Lover, einem reichen Investment-Banker mit schicker Villa und Pool. Fortan vergeht Dirk B. in Selbstmitleid und kann die Raten für das Reihenhaus nicht mehr bezahlen. Plötzlich simst ihm ein Weltenmeister tagtäglich schräge Kapitalismus-Kalendersprüche unter dem Motto „Verlierer sein, aber mit Erfolg!“

Für Dirk B. die perfekte Anleitung, um ohne nennenswerten Arbeitseinsatz ans große Geld zu kommen. Er erweist sich denn auch in den folgenden Kapiteln als gnadenloser Schnorrer, Betrüger und Dieb. Zudem quält er Dackel Karl-Heinz mit Fisch- und Katzenfutter. Ein Experiment, wie er es behauptet. Spätestens da hofft man natürlich darauf, dass es für Dirk B. keine realen Vorbilder gab. Eine Hoffnung, die Olaf Schubert zerstört: „Nicht eines, eher ganz viele. Ich habe mir von etlichen Personen und von mir selbst die skurrilsten Eigenschaften geborgt und zusammengefügt.“

Obwohl sich Gag an Gag reiht und man unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht, sind nur zwei Personen wirklich sympathisch im Roman. Ein Bestatter und seine Sekretärin, für die Dirk B. kurze Zeit arbeitet. Alle anderen sind mit sich selbst beschäftigt oder mehren mit unlauteren Methoden ihr Vermögen. Stichwort: Kaffeefahrten für leichtgläubige Senioren! Eine kabarettistische Gesellschaftskritik? „Ja – schon eine Art Spiegelbild, aber eines zum Selbstausmalen für jeden daheim“, erklärt Olaf Schubert.

Der Comedian wird sein Buch unter dem Slogan „Make The Kapitalismus Great Again!“ auch auf einer Lesereise in Berlin vorstellen. Soweit das in Zeiten der Pandemie möglich ist. „Vorlesen ist ja nicht so gefährlich wie singen. Hab ich gehört“, gibt sich Olaf Schubert optimistisch. Selbstredend ist er dabei so stylisch wie immer, wie er verrät: „Ich ziehe an, was mir meine Freundin Carola rauslegt, das letzte war halt der Pullunder. Wenn ich ehrlich bin, warte ich seit Jahren, dass sie mal was Neues präsentiert. Vielleicht sollte ich sie darauf mal ansprechen.“