Klassik-Preis

Opus Klassik schmückt sich mit Stars und Unbekannten

Der Musikpreis hat auch bei der Auswahl der Preisträger dazugelernt, wie die Verleihung im Konzerthaus zeigt.

Die Sänger Jonas Kaufmann und Diana Damrau mit ihren Preisen bei der Verleihung des Musikpreises Opus Klassik 2020 im Konzerthaus.

Die Sänger Jonas Kaufmann und Diana Damrau mit ihren Preisen bei der Verleihung des Musikpreises Opus Klassik 2020 im Konzerthaus.

Foto: Jens Kalaene / dpa

Berlin. Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt wird mit der Moderation von Thomas Gottschalk in einem Gala-Fernsehkonzert der Opus Klassik verliehen, das ZDF strahlt die Aufnahme wenige Stunden später aus. Wir erinnern uns: Der Opus Klassik ist der neue Name für den Echo Klassik, der durch antisemitische Entgleisungen seines Zwillingspreises Echo Pop vor zweieinhalb Jahren gemeinsam mit dem Echo Pop in Verruf geriet. Viel Geld der Musikindustrie hing offenbar am Echo Klassik, deshalb war ans Aufgeben nicht zu denken. Es gab nur eine oberflächliche Namensänderung. Die aufkeimende Diskussion über andere Fragwürdigkeiten dieses Preises, etwa die einseitig kommerzielle Orientierung, wurde im Keim erstickt.

In der Jury, welche über die Preisvergabe an klassische Musikerinnen und Musiker entscheidet, sitzen weiterhin vor allem Entscheidungsträger von Musiklabels und finanzstarken Konzerthäusern. Nur wenige wirklich unabhängige Fachleute sind dabei. Dass künstlerische Kriterien – vergleichbar etwa mit Abschlussvorspielen an Musikhochschulen – bei der Auswahl erst an zweiter Stelle stehen, versucht man mit aller Kraft zu verstecken. Sogar als Objektivität geschminkte Zitate aus Jury-Begründungen werden eingespielt, wenn Sänger wie Jonas Kaufmann, Diana Damrau oder Blockflötistin Dorothee Oberlinger die Bühne betreten. Die sind dann „König der Tenöre“, „einfühlsam“ oder ihre Kunst kostet „alle Facetten der Nacht aus“. Solche Sätze bedienen sich der gleichen abgegriffenen und völlig undurchdrungenen Klischees zur Beschreibung von Musik wie die Marketing-Sprüche der Firmen selbst. Vermutlich stammen sie von den gleichen Autoren.

Trotz dieser strukturellen Bigotterie haben die Macher des Opus Klassik etliches an den Breitwand-Inszenierungen von Klassik zum Wahrhaftigen gewendet. Wie schlimm es um Künstler und Veranstalter im dramatischen Fortgang der Pandemie mittlerweile steht, bekommt nun auch einmal ein breites Fernsehpublikum mit. In ihren Dankesworten lassen es weder Geigerin Anne-Sophie Mutter, Mezzosopranistin Elīna Garanča noch Dorothee Oberlinger an Hinweisen auf die drohende Armut für ihre freiberuflichen Kollegen fehlen, die seit Monaten nur sehr begrenzt oder gar nicht auftreten dürfen, denen ganze Jahreseinnahmen entgehen und die dafür bisher keine staatliche Entschädigung erhalten. Klassik-Glamour, das hat man beim Opus Klassik verstanden, geht in diesen Zeiten nicht ohne Verweis auf die normalerweise harten Realitäten des Künstlertums – noch weniger als sonst.

Doch der Opus Klassik hat auch bei der Auswahl der Kandidaten dazugelernt. Anne-Sophie Mutter, Jonas Kaufmann oder etliche Andere, die in der Klassikwelt ohnehin omnipräsent sind und die Kassen füllen, erklimmen erwartbar das Podium, obwohl sie außergewöhnliche musikalische Leistungen längst nicht mehr hervorbringen oder nur selten hervorgebracht haben. Aber es gibt an diesem Abend im Konzerthaus eben auch etliche etwas weniger Bekannte zu erleben. Die Ehrungen für die junge Klarinettistin Annelien van Wauwe, den Tenor Daniel Behle oder das Vision String Quartet gehören dazu.

Eine weitere Überraschung sind die Preise für Musikvermittlungs-Angebote wie das Kinderopernhaus der Berliner Staatsoper und das virtuelle Corona-Projekt „Klassik verbindet“ der Deutschen Chorjugend. Endlich, endlich hat man auch im freien Geschäft mit der Kunstmusik verstanden, dass originell ausgedachte Angebote zum aktiven Musizieren des Publikums mindestens ebenso preiswürdig sind wie die eigenmächtig zu Göttern hochgejazzten Stars. Vielleicht wird dieser Opus Klassik ja doch irgendwann einmal ernstzunehmen sein.