Theaterpremiere

„Mourning becomes Electra“ an der Volksbühne

Ein Abend, der lange fesselt und dann schwächelt: Pınar Karabulut inszeniert Eugene O’Neills Klassiker am Rosa-Luxemburg-Platz

Alpträume auf blutroter Bühne: Jäger werden in „Mourning becomes Electra“ zu Gejagten.

Alpträume auf blutroter Bühne: Jäger werden in „Mourning becomes Electra“ zu Gejagten.

Foto: David Baltzer / bildbuehne.de

Berlin. Mit einer rasanteren Dreiviertelstunde hat in dieser Spielzeit noch keine Berliner Inszenierung begonnen. Regisseurin Pınar Karabulut, Jahrgang 1987 und mit ihren knallbunten, feministisch grundierten Abenden schon an vielen Bühnen zwischen Wien und Bremen erfolgreich, lässt sie komplett auf einer riesigen Leinwand spielen. Die Volksbühne ist erst einmal Volkskino, inklusive der in Titelsequenzen gern gezeigten Totalen: Zu sehen sind riesige Kornfelder und vereinzelte Baumkronen aus der Luft, durchschnitten von einer kleinen Linie aus Asphalt, auf dem ein schwarzer Leichenwagen vorankriecht: ein Käfer auf Nahrungssuche.

Ausgestoßene Familienmitglieder

Der Zuschauer weiß natürlich schon, dass der Tod in dieser Geschichte reiche Ernte einfahren wird. Eugene O’Neills „Trauer muss Elektra tragen“, das 1931 uraufgeführte und in Europa mit Abstand erfolgreichste Stück des US-Amerikaners, überführt die Atriden-Sage der griechischen Mythologie in die Moderne und überformt sie psychoanalytisch. General und Familienvater Ezra Mannon (Robert Kuchenbuch) kehrt nach langen Jahren des Kampfes nach Hause zurück, findet dort aber vollständig veränderte Verhältnisse vor.

Seine Frau Christine Mannon (Sabine Waibel) hat sich längst dem attraktiven Schiffsegelkapitän Brant (Malick Bauer) hingegeben, der wiederum einen tiefen Groll gegen die Familie Mannon hegt: Er ist als Sohn des Bruders von Ezra und einer nicht standesgemäßen Frau aus der Familie ausgestoßen worden. Christines ungeliebte Tochter Lavinia (Paula Kober) leidet unter der Liebschaft der Mutter, nicht nur aus Loyalität gegenüber dem Vater, sondern auch, weil sie selbst ein Auge auf Brant geworfen hat.

Schließlich taucht auch noch Orin Mannon (Manolo Bertling) auf und verkompliziert die vergiftete Lage. Am Ende sind tot: Ezra, Christine, Adam Brant und Orin. Lavinia, die Wiedergängerin der antiken Elektra, bleibt allein zurück. Muss sie auch hier Trauer tragen bis ans Ende ihrer Tage, eingeschlossen mit den Gespenstern all der Toten? Bei dieser Regisseurin darf man sich das gespannt fragen.

Häckeldecken im B-Movie

Die ersten zwei Stunden des Abends geraten dabei zum Glanzstück und sind oft hinreißend lustig. Dem ersten, vollständig auf Leinwand dargebotenen Teil gelingt die schwierige Balance zwischen ernster Geschichte und ausgelassener Selbstparodie. Die Kulisse sind die vom Coronavirus leer gefegten Räumlichkeiten der Volksbühne: gespenstische Fluchten hinter der Bühne, die nussbaumholz- und marmorgetäfelten Besucherbereiche, liebevoll mit Porzellankatzen, Häckeldecken und Facettenschliffvasen eingerichtete Büros.

Die Kamera mit ihren absurden Zooms und Schwenks, aber auch die Schauspieler, die sämtlich in farbenfrohen Monturen der 1970er-Jahre stecken, haben eine mitreißende Freude dran, zwischen Splatter-Movies, Telenovelas und Quentin Tarantino auf Expedition zu gehen. Es hagelt Zitate und freudianische Anspielungen, vor allem lässt es die Akteure glänzen: die sich schnell im Lügengesträuch verheddernde, schäumende Christine, die wütend-ohnmächtige Lavinia, der hilflose Brant und der weichgespült-verzweifelte Ezra, ein Chuck Norris mit einer Perücke irgendwo zwischen Prinz Eisenherz und Mireille Mathieu.

So könnte es weitergehen, freut sich der Zuschauer, und so kommt es dann auch, als sich die Leinwand hebt und wir das umgestürzte Haus sehen, das Michela Flück auf die Drehbühne gestellt hat und das einen blauen, eiskalten Kontrast zu den Darstellern bietet. Orin kehrt nun, vorgestellt zunächst auf zwei kleineren Leinwänden, aus dem Krieg zurück, liefert sich ödipale Unterwerfungsspiele mit der Mutter und wird in seiner Liebe zu ihr alsbald bitter enttäuscht. Das Tableau der Figuren ist komplett, die Spannung hält. Dann geht dem Abend unversehens die Puste aus.

Liebkoste Sitzmöbel und Zaubertricks

Mit dem letzten Drittel des Dramas verfährt Pınar Karabulut inhaltlich am freiesten. Christine macht eine Familienaufstellung mit Plastikstühlen, bei der die Sitzmöbel wechselweise liebkost oder getreten werden. Malick Bauer verlässt seine Brant-Rolle und hält einen starken Monolog über politische Korrektheit und Rassismus an deutschen Bühnen, über die immer noch hautfarbengebundene Besetzungspraxis und das Selbstentlastungsbedürfnis des weißen Publikums.

Dafür gibt es verdienten Szenenapplaus, es bleibt aber im Kontext des Abends ebenso unverbunden wie die zunächst witzige, sich dann aber doch merklich in die Länge ziehende, gewollt dilettantische Zaubershow, die Lavinia und Orin in seidig glänzenden Anzügen vor einem blauen Sarg vollführen. Schnell wirkt es, als hätten Regie und Dramaturgie mit dem Schlussteil der Vorlage nichts Rechtes mehr anzufangen gewusst. Das so überraschende wie überzeugend neu geschriebene Finale geht in den vorigen Spielereien unter, ein zuerst packender Abend versandet 40 gedehnte Minuten lang. Das ist wirklich schade.