Literatur

Gammelhai, der zum Himmel stinkt: „Kalmann“

Ein Schweizer bringt uns Island näher, durch einen Roman mit einem tumben Tor: „Kalmann“ von Joachim B. Schmidt.

Wanderte 2007 nach Island aus: Autor Joachim B. Schmidt.

Wanderte 2007 nach Island aus: Autor Joachim B. Schmidt.

Foto: Eva Schram

Die Isländer sind schon ein seltsames Volk. Es muss daran liegen, dass sie auf ihrer Vulkaninsel im Jahr nur wenig Licht haben. Wie sonst ist zu erklären, dass sie sich, weil sie kein Relikt aus der Urzeit haben wie die Briten ihr Stonehenge, einfach ein neues installieren, um den Tourismus anzukurbeln? Oder dass eine Spezialität des Landes Gammelhai ist? Der so heißt, weil das giftige Fischfleisch wirklich erst gammeln muss, bevor es genießbar wird. Wobei das mit dem Genuss auch Auslegungssache ist. Auf Youtube gibt es gleich mehrere Filmchen, in denen Nicht-Einheimische im Selbstversuch Gammelhai kosten. Ihre Gesichtszüge danach sprechen Bände.

Nun ist mit „Kalmann“ ein Island-Roman erschienen, der so schön schräg und skurril ist, wie es seine Bewohner offenbar zu sein scheinen. Gammelhai kommt darin auch vor, er stinkt förmlich zum Himmel, eine Nebenfigur verschluckt sich gar daran und stirbt einen einsamen Tod. Und der Arctic Henge, das künstliche Ersatz-Stonehenge, wird gar Schauplatz einer Bluttat. Jedenfalls findet sich dort jede Menge Blut im Schnee.

Die Idylle am Ende der Welt ist jäh vorbei

Dabei ist „Kalmann“ keiner dieser Regionalkrimis, die ihre platten Plots mit Beschreibungen landestypischer Eigenheiten aufzuwerten versuchen. Im Gegenteil. Der Roman handelt von einem liebevoll-sympathischen Außenseiter, der ein wenig anders ist als die anderen. Und aus dessen naiv-unschuldigen Augen die Welt um ihn herum betrachtet wird. Die Welt, das ist Raufarhöfn, ein winziger Ort auf der Halbinsel Melrakkasletta im Nordosten des Landes, 609 Kilometer von der Hauptstadt Reykjavík entfernt. Jottwehdeh, wie der Berliner sagen würde. Am Ende der Welt trifft es auch ziemlich gut.

Hier lebt Kalmann Ódinsson, den alle nur Kalmann nennen. Weil es hier sowieso nicht viele Einwohner gibt und Kalmann nun mal ein Unikum ist. Mit ihm stimmt etwas nicht. Er ist ein bisschen zurückgeblieben und trotz seiner 33 Jahre immer noch ein Kindskopf. Eine Folge von „Ärztepfusch“, wie seine Mutter grummelt. Sein Kopf sei „Fischfutter“, meint Kalmann selbst.

Der Vater, ein Amerikaner, war nur Erzeuger. Von ihm blieb lediglich ein Mauser-Gewehr zurück. Aber etwas von ihm scheint doch in Kalmanns Genen zu stecken. Er läuft nämlich ständig mit Cowboyhut, Sheriffstern und Mauser herum, um als Wächter über Raufarhöfn nach dem Rechten zu sehen. Und die Einwohner lassen ihn machen. Und nicken ihm freundlich zu.

Der Sheriff von Raufarhöfn muss nach dem Rechten sehen

Er hat es schwer genug. Die Mutter, die als Krankenpflegerin in der fernen Stadt arbeitet, hätte ihn in ein Behindertenheim geschickt. Wäre nicht der Großvater Ódinn gewesen, bei dem er aufgewachsen ist. Der machte den besten Gammelhai der Welt und hat Kalmann alles beigebracht. Nun aber sitzt der Alte im Heim, ist selber „balla balla“ und kann sich an nichts mehr erinnern. Auch nicht an den Enkel. Der lebt fortan völlig allein. Und immer wieder zieht es ihn hinaus. Mit seinem kleinen Boot aufs Meer, als letzter Haifänger des Ortes. Oder zu Fuß auf die Pirsch, um einen Polarfuchs zu jagen, den er „Schwarzkopf nennt, wie das Shampoo, und der ihm doch immer wieder entwischt.

Stattdessen stößt er, an besagtem Arctic Henge, auf die Blutlachen. Und im Nu ist es vorbei mit der Ruhe in der entlegenen Provinz. Denn der „König von Raufarhöfn“ ist verschwunden, Róbert McKenzie, der die hiesigen Fischfangquoten aufge- und verkauft hat. Der mächtigste Mann der Insel, der entsprechend viele Feinde hatte. Und von dem mit Sicherheit das Blut stammt. Plötzlich ist die Insel in Aufregung, plötzlich knattert hohe Polizei aus der fernen Hauptstadt mit dem Hubschrauber an, taucht aus dem Meer ein Fass mit brenzligem Inhalt auf. Und auch sonst schwappt manches hoch, was bislang verborgen war. Und die traurige Figur in voller Sheriff-Montur steht plötzlich im Mittelpunkt. Und kommt sogar in die landesweiten Nachrichten.

Man erfährt in diesem Roman viel über diesen abgelegenen Teil der Welt, über die Geschichte der Insel, auch über die Fehlpolitik der Fangquotenverkäufe, die dazu führt, dass die kleinen Orte immer mehr veröden. Was „Kalmann“ aber so einzigartig macht, ist die Sprache. Der Autor Joachim B. Schmidt erzählt nämlich ganz aus der Sicht seines Protagonisten, mit dessen etwas beschränktem Auffassungsvermögen und etwas beschränktem Wortschatz.

Einfache Antworten auf die ganz großen Fragen

Ein tumber Tor, der da wie in einem Faschingskostüm durch eine Welt stapft, die er nie ganz begreift. Und der einem doch ergreifend ans Herz wächst, weil er so unverfälscht ist. Der gerade deshalb auf die großen Fragen des Lebens ganz einfache Antworten findet. Und auch sonst zu überraschen weiß.

Ein Island-Roman durch und durch. Und doch ist er von keinem Isländer geschrieben. Oder doch keinem Einheimischen. Joachim B. Schmidt ist Schweizer, wuchs als Bauernsohn in Graubünden auf, wurde Journalist und Autor und wanderte 2007 nach Island aus. Wo er als Reiseleiter Touristen über die Insel führt. Auch mit diesem Roman - seinem mittlerweile viertem – bringt er einem dieses seltsame Land näher. Indem er liebevoll und mit warmem Witz die sonderlichen Inländer beschreibt.

Wobei er am Schluss ausdrücklich „den total netten und in Wahrheit ganz normalen und höchst liebenswürdigen Bewohnern von Raufarhöfn“ dankt. Insbesondere auch Erlingur B. Thoroddsen, der auf die Idee mit dem kolossalen Arctic-Henge kam – und im Gegensatz zu der Figur McKenzie, die den Steinhaufen im Buch erfindet, ganz friedlich aus dem Leben schied. Ob man durch dieses Buch auch ein Freund von Gammelhai wird, wagen wir allerdings zu bezweifeln.