Theaterpremiere

Schaubühne: Die Rede von den letzten Dingen

Ein gelungener Auftakt der Schaubühnen-Spielzeit: Milo Rau reflektiert in „Everywoman“ über das Leben und den Tod.

Ursina Lardi spricht mit der todkranken Helga Bedau (Hintergrund) über das Leben und sein Ende.

Ursina Lardi spricht mit der todkranken Helga Bedau (Hintergrund) über das Leben und sein Ende.

Foto: Armin Smailovic

Berlin. Was bleibt von einem Leben? Ein paar Umzugskisten mit alten Briefen und Fotografien, ein Ordner mit medizinischen Befunden. Sie stehen im Zentrum von Anton Lukas’ karg eingerichteter Bühne, auf der sich außerdem eine sanft spiegelnde Wasserfläche ausgebreitet hat. Rechts die Nachbildung eines gewaltigen Findlings, links ein Flügel, auf dem Ursina Lardi später Bach spielen wird. Zunächst erklingen aber Kirchenglocken aus dem Kassettenrekorder am vorderen Bühnenrand. Totenglocken. Von der Decke fällt ein Wassertropfen.

Zeitgemäße Antwort auf den „Jedermann“

Die Uraufführung hatte „Everywoman“ im August bei den Salzburger Festspielen, mit der Deutschlandpremiere hat die Schaubühne am Donnerstagabend ihre neue Spielzeit eröffnet. Milo Rau, Essayist, Aktivist, Theaterautor und Regisseur, hat schon oft mit seiner Schweizer Landsfrau Ursina Lardi zusammengearbeitet, an der Schaubühne etwa bei den Produktionen „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ (2015) oder „Lenin“ (2017).

Schon der Titel von „Everywoman“ macht klar, dass sich dieser Abend auf den Jahr für Jahr in Salzburg gegebenen „Jedermann“ Hugo von Hofmannsthals bezieht – auf jenen wohlhabenden Mann, dessen letzte Stunde geschlagen hat. Aber hier geht es nicht nur schlicht darum, das traditionell männerlastige und heute etwas aus der Zeit gefallene Stück aus weiblicher Perspektive zu deuten. Lardi und Rau haben Existenzielleres im Sinn. Und Zeitgemäßeres.

Eine Serie von Augenblicken

Kinder, sagt man, wissen nichts vom Tod, und vielleicht lässt sich die menschliche Normalbiografie auch als langsames Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit beschreiben. Ursina Lardi, Jahrgang 1970, kommt nur langsam auf dieses eigentliche Thema des Abends - oder genauer: Der Zuschauer merkt erst nach und nach, dass sie die ganze Zeit von nichts anderem gesprochen hat.

Der Tod als so unverrückbare wie unbegreifliche Tatsache strahlt, obwohl wir so gern von ihm schweigen, in alle Lebensbereiche hinein. Auch in die Frage, die sich Theaterleute oft stellen: Wie wir uns Geschichten erzählen. Warum sie so oft einen Anfang und ein Ende haben, wo doch die Erinnerung eines Menschen wenig epische Linearität kennt und viele Momente und Assoziationen: den Duft einer frisch gemähten Wiese, den Ärger über eine Nebensächlichkeit, die Aufregung vor einem längst vergangenen Moment. Den Morgen über der Stadt.

Ursina Lardi nimmt einen Brief zur Hand und erzählt, sie bekomme häufig Post von Zuschauern, aber dieses Schreiben habe sie wegen seiner Klarheit angerührt. Es stamme von der 71-jährigen Helga Bedau, die in Berlin lebe. Sie habe selbst einmal Theater gespielt, in einer Nebenrolle von „Romeo und Julia“ an der Freien Volksbühne. Und vor Kurzem vom Arzt eine furchtbare Diagnose erhalten habe: Bauchspeicheldrüsenkrebs, inoperabel. Zwischen drei Monaten und zwei Jahren sei die mittlere Lebenserwartung.

Sie sei sehr müde, sagt Helga Bedau

Helga Bedau erscheint auf der Leinwand auf der Bühnenrückwand. Sie sitzt an einem großen Tisch, sie ist zunächst von anderen, jüngeren Menschen umgeben. Es ist die Festszene aus dem „Jedermann“, aber natürlich ist es ebenso das letzte Abendmahl. Ursina Lardi beginnt mit ihr Zwiesprache zu halten, und es entfaltet sich ein Leben: Geboren im nordrhein-westfälischen Lünen, der Vater wegen defätistischer Äußerungen aus der NSDAP geworfen, Ausbildung, dann der Umzug nach Berlin. 1967, die Proteste gegen den Schah, der Tod Benno Ohnesorgs an der Deutschen Oper, die aufgeheizte Stimmung dieser Jahre. Die Geburt des Sohnes, der sie mit zwölf Jahren verließ, weil er lieber beim leiblichen Vater in der Türkei leben wollte. Helga Bedau erzählt ohne Pathos. Sie sei nur sehr müde, sagt sie.

Ursina Lardi wechselt die Erzählperspektiven. Mal schlüpft sie in die Haut der Sterbenden und erzählt aus ihrer Sicht, mal steuert sie eigene Erinnerungsfragmente bei – aus der Kindheit in der Schweiz, wo die großen Steine herumlagen, die Findlinge. Sie legt Kassetten der 1970er-Jahre auf, „Nights in White Satin“ in der Instrumentalversion. Sie fügt Beobachtungen und Reflexionen an, erzählt vom Wunder der Musik und von der Gemeinschaft, die man ihr finden kann, bevor die Stille einkehrt: „Und dann bleibt ein Loch im Hirn, im Herz. Ja, eigentlich im Dasein. Nicht?“

Ein Sprühregen im Sommer

Mit einem Menschen stirbt eine ganze Welt, das ist nichts Neues. Aber selten wurde es so eindringlich vermittelt wie hier, vor einem auch während der Vorstellung coronabedingt maskierten Publikum. Wie sie sterben wolle, fragt Ursina Lardi, und Helga Bedau sagt: im Sommer. Das sei ihre liebste Jahreszeit. Von oben kommender Sprühregen verschleiert die Sicht. Am Ende, beim lang dauernden Schlussapplaus, tritt Helga Bedau mit auf die Bühne, ein sehr bewegender Moment. Sie durfte nach der Uraufführung in Salzburg die Premiere in Berlin noch erleben.

Schaubühne am Lehniner Platz, Charlottenburg. Weitere Vorführungen: 17.10., 20.10., 18 Uhr