Neu im Kino

Das Gesicht des Klimaprotests

Eine neue Dokumentation widmet sich dem Leben Greta Thunbergs.

Vor dem Stockholmer Reichstag im Streik: Greta Thunberg.

Vor dem Stockholmer Reichstag im Streik: Greta Thunberg.

Foto: filmwelt / Filmwelt

Berlin. Im August 2018 saß vor dem Stockholmer Reichstag eine fünfzehnjährige Schülerin mit einem selbstgemalten Plakat, auf dem „Skolstrejk för Klimatet“ stand – Schulstreik für das Klima. Heute weiß jeder, wer diese Greta Thunberg ist, damals war sie kaum bekannt. Der Dokumentarfilmer Nathan Grossman hatte das Gefühl, dass hier etwas Wichtiges entstehen könnte, und begleitete sie über ein Jahr lang, nur er mit seiner Kamera, „als Fliege an der Wand“, wie er in Interviews erzählt hat.

Er sollte Recht behalten: Aus Greta wurde das Gesicht einer weltweiten Massenbewegung im Kampf gegen den Klimawandel, sie erhielt Einladungen von Staatsoberhäuptern aus aller Welt, die sich plötzlich mit ihr fotografieren lassen wollten, sie wurde von Medien mit Anfragen überhäuft und überquerte im August 2019 auf einer Hochsee-Yacht den Atlantik, um in New York an der Generalversammlung der Vereinten Nationen teilzunehmen. Sie war die Zielscheibe übergriffiger und hämischer Kritik, die sie wahlweise als Marionette ihres überambitionierten Vaters beziehungsweise der „Systemmedien“ abqualifizierte oder gar ihre Asperger-Erkrankung als Beleg gesteigerter Verwirrung heranzog.

Ein Trump-Tweet nacht fassungslos

Wer sich die Äußerungen von Donald Trump in Erinnerung ruft, den machen sie gerade vor dem Hintergrund seines hilflosen Agierens in der Corona-Pandemie nur noch fassungsloser: „So lächerlich“, twitterte er am 12. Dezember 2019, „Greta muss an ihrem Problem mit Aggressionsbewältigung arbeiten und dann mit einem Freund einen guten, alten Film anschauen! Entspann dich, Greta, entspann dich!“

Die Dokumentation „I am Greta“, die am heutigen Freitag ins Kino kommt, bildet den Kult um ihre Person ab, der in Zeiten der Corona-Pandemie um so vieles länger vorbei scheint, als er es wirklich ist. Sie zeichnet das Bild einer überaus intelligenten, vor allem konzentrationsfähigen jungen Frau und macht dabei glaubhaft, dass es Greta Thunberg tatsächlich nicht um ihre Person geht, sondern um die Prominenz des Themas, für das sie eintritt. Regelmäßig lässt es sie fassungslos zurück, wenn trotz gebetsmühlenartig vorgetragener Erkenntnisse viel zu wenig geschieht.

Der Rat ihres Vaters kommt nicht an

Nathan Grossman geht es dabei erkennbar nicht darum, die vielfach beraunten privaten Lebensverhältnisse der Aktivistin auszuleuchten. Ihr Vater kommt zwar als ständiger Begleiter vor, auch die Mutter wird hin und wieder digital zugeschaltet – es wird aber nichts außerhalb des Klimawandels und der damit verbundenen Termine thematisiert. In der gleichen Weise, in der sich Greta Thunberg auf ihn fokussiert, tut dies auch dieser Film, der deshalb nichts Voyeuristisches hat. In einer Szene können wir sie dabei beobachten, wie sie über der richtigen Formulierung für eine Rede brütet – und wie der Vater mit seinen Ratschlägen, es doch etwas milder auszudrücken, gegen eine Wand rennt. Wer in Greta weiterhin eine fremdgesteuerte Person, ein Opfer sehen will, sollte diesen Film meiden. Alle anderen nicht.