Musik

Kein Trennungsalbum von Katie Melua

Sängerin Katie Melua spricht über das Ende ihrer Ehe, Corona-Herausforderungen und ihr „Album No. 8“.

Katie Melua im Soho House an der Torstraße. Eigentlich wollte die britisch-georgische Sängerin mit ihrem neuen Album auf Tour gehen.

Katie Melua im Soho House an der Torstraße. Eigentlich wollte die britisch-georgische Sängerin mit ihrem neuen Album auf Tour gehen.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Elfig entrückt wirkt Katie Melua mit ihren warmen braunen Augen, der Rüschenbluse und dieser gehauchten Stimme, die sofort den Ohrwurm „Nine Million Bicycles“ im Kopf ihres Gegenübers erklingen lässt. Vielleicht ist es aber auch der holzvertäfelte, plüschige Raum im Soho House an der Torstraße mit seinem anachronistischen Mobiliar, der das Gespräch mit der britisch-georgischen Sängerin ein bisschen wie aus der Zeit gefallen wirken lässt.

Die 36-Jährige ist nach Berlin gekommen, um über ihr „Album No. 8“ zu sprechen, das am 16. Oktober erscheint. Die dazugehörige Tour wurde bis auf Weiteres abgesagt. „Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen, die Songs mit den Fans zum Leben zu erwecken. Es macht mich traurig nicht zu wissen, wann das wieder möglich sein wird“, sagt sie. Die Welt ist eine andere geworden, seit Melua im März 2019 zuletzt in Berlin auftrat. Begleitet von dem chinesischen Starpianisten Lang Lang sang sie bei der Verleihung der Goldenen Kamera am ehemaligen Flughafen Tempelhof den Louis-Armstrong-Hit „What A Wonderful World“. Damals ging es darum, Aufmerksamkeit für den Klimawandel und die von Greta Thunberg initiierte Bewegung Fridays for Future zu generieren.

Die Entstehung von Katie Meluas neuem Album stand nun unfreiwillig im Zeichen einer anderen weltweiten Krise. Auf dem Cover ist Melua mit einer alten Mittelformatkamera zu sehen. Die analoge Version eines Selfies, aufgenommen im März in der Hochphase des Coronalockdowns. Die Plattenfirma wollte mit der Veröffentlichung trotz Social-Distancing-Maßnahmen im Zeitplan bleiben – und so entstand das Selbstporträt im Spiegel. Fotografin Rosie Matheson gab Tipps zu Komposition und Licht via Zoomkonferenz. Aufgenommen hatte Melua das Album glücklicherweise bereits vergangenes und Anfang dieses Jahres. Nur für die finale Abmischung musste sie auf digitale Lösungen zurückgreifen, um sich mit ihren Kollegen zu verständigen.

Die Coronakrise als Tochter eines Arztes hautnah erlebt

Die dramatischen Auswirkungen der ersten Coronawelle in ihrer Wahlheimat London erlebte Katie Melua aus nächster Nähe. Ihr Vater Amiran Melua arbeitet dort als Allgemeinarzt, sie habe sich große Sorgen gemacht. „Die ersten Patienten, die mit schweren Symptomen zu ihm kamen, musste er ins Krankenhaus schicken, ohne ihnen helfen zu können“, erinneret sie sich. „Das war schwer für ihn, normalerweise sind Ärzte daran gewöhnt, etwas für ihre Patienten tun zu können.“ Die Eltern der Musikerin, ein Arzt und eine Krankenschwester, stammen aus Georgien, die ersten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Tiflis, Batumi und Moskau, bis die Familie in den 90er-Jahren erst nach Nordirland, später nach Großbritannien zog. Entdeckt wurde Katie Melua nach ihrem Auftritt bei der britischen TV-Show „Stars up Their Nose“, die sie mit dem Song „Without You“ gewann. Ihr erstes Album „Call Off the Search“ erschien 2003.

Ihren Wurzeln hat sich Katie Melua auf ihrem „Album No. 8“ nun nach dem 2016er Vorgänger „In Winter“ musikalisch bereits zum zweiten Mal genähert. So lässt sie sich auf ihrem jüngsten Werk von einem georgischen Orchester begleiten und schrieb einen Song mit ihrem Bruder Zurab. Für „Leaving The Mountain“ ließ sie sich von einer Reise inspirieren, die sie zuvor mit ihrem Vater in den Kaukasus unternommen hatte. Im August flog sie nach Georgien, um dort das Video zur Single „Your Longing Is Gone“ zu drehen. „Meine Familie und meine Herkunft sind unglaublich wichtig für mich. Sie sind Teil von allem, was ich tue“, sagt Katie Melua. „Musik ist in Georgien allgegenwärtig, der Familienzusammenhalt traditionell sehr eng.“ Dass sie in ihrem Job, zumindest in anderen Zeiten als diesen, sehr viel unterwegs sei und häufig wenig Zeit für die Familie habe, schmerze sie.

Zum ersten Mal hat Katie Melua alle Texte auf ihrem Album selbst geschrieben. Das berühmte „persönlichste Album“ also? „Zumindest bisher“, sagt die Künstlerin. Im Song „A Love Like That“ stellt sie die Frage, wie es möglich ist, in einer langjährigen Beziehung das Bauchkribbeln zu erhalten und thematisiert damit zugleich die Trennung von ihrem Ehemann, der ehemalige Rennfahrer James Toseland. „Ich wollte kein Trennungsalbum schreiben. Ich wollte das nicht überdramatisieren, aber es war mir wichtig, darüber zu sprechen“, sagt sie. Mit Toseland, den sie 2012 heiratete, sei sie noch immer freundschaftlich verbunden. „Wir verstehen uns gut, wir hatten eine wunderbare Ehe und niemand hat niemanden betrogen.“ Einen Song über das Scheitern der Beziehung habe sie ihm sogar vorab geschickt. „Er hat gesagt, dass es ihm gefällt, wie ich uns in Musik verwandelt habe.“

Von einer Quarterlifecrisis will Katie Melua zwar nicht sprechen, sie habe jedoch versucht, sich als Künstlerin neu zu definieren. „Ich mache das jetzt schon so viele Jahre. Der Druck, meine Fans immer wieder mit einem neuen Album zu begeistern, wird größer“, sagt sie. Zudem habe sie das Gefühl gehabt, ihr Songwriting ihrem Alter anpassen zu müssen. „Ich werde gerne älter, weil ich das Gefühl habe, dass es mich weiser macht und aufmerksamer für das Leben um mich herum. Ich kann auf Dinge zurückschauen, die ich erreicht habe.“ Dennoch sei die Gesellschaft, insbesondere die Musikindustrie, besessen von der Jugend. Als Frau komme das Aussehen als Faktor hinzu. „Man muss sich überlegen, ob man das Spiel mitspielen möchte. Ob man sich darüber definieren lässt. Aber für mich ist das ein geringer Preis im Vergleich zu der großartigen Möglichkeit, Musik veröffentlichen zu dürfen.“