Theater

“Ein deutsches Leben“ feiert Premiere im Schlosspark Theater

Brigitte Grothum brilliert in der Rolle von Goebbels Sekretärin, Brunhilde Pomsel, im Schlosspark Theater.

Brigitte Grothum als Goebbels Sekretärin, Brunhilde Pomsel.

Brigitte Grothum als Goebbels Sekretärin, Brunhilde Pomsel.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Berlin. Erst das Schrillen des Telefons reißt Brunhilde Pomsel aus ihrem Schlummer auf einem unbequemen Stuhl. Doch was bleibt der alten Dame anderes übrig? Außer einem Tisch existiert kein weiteres Mobiliar. Ohnehin wirkt der enge, schwarzgraue Raum wie eine Zelle. Mit einem kleinen, hohen Fenster, durch das ab und an mal ein Sonnenstrahl scheint, das aber sonst keine Aussicht bietet. Lediglich eine einsame rote Blume gibt der Trostlosigkeit einen gewissen farbigen Anstrich. Aber die über Hundertjährige scheint es nicht anders zu wollen. Die Last der Vergangenheit drückt offenbar so sehr, dass nichts anderes das eigene Schuldgefühl zu mildern vermag, als ein Gefängnis. Zumindest ein gedankliches, in dem die Geister aus einem lang zurückliegenden Leben allgegenwärtig sind. Sie wünscht sich, endgültig einzuschlafen. Das wäre für sie die Erlösung.

Brunhilde Pomsel arbeitete als Sekretärin für Joseph Goebbels

Nach außen hin wirkt Brunhilde Pomsel abgeklärt. Doch ihre Blicke sprechen eine andere Sprache. Als ginge ein Riss durch diese Frau. Dass man diesen Zwiespalt so derart intensiv spürt, ist der gelungenen Darbietung von Brigitte Grothum zu verdanken, die Pomsel auf der Bühne porträtiert. Mit Spannung verfolgt man ihr sensationelles Bühnensolo im Schlosspark Theater, wo die deutschsprachige Erstaufführung von Christopher Hamptons Stück „Ein deutsches Leben“ nun Premiere feierte.

Basierend auf dem gleichnamigen Dokumentarfilm, hat der britische Dramatiker eine vielschichtige Studie über Brunhilde Pomsel geschaffen. Jahrgang 1911, hat sie Anfang der 1930er für einen jüdischen Anwalt gearbeitet. Später dann war sie die Sekretärin von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels.

Brigitte Grothum debütierte vor 65 Jahren im Schlosspark Theater

Regisseur Philip Tiedemann inszeniert das aus heutiger Sicht ungewöhnliche Leben der Brunhilde Pomsel nuanciert und beklemmend zugleich; gibt ihr historische Tiefe durch Originaleinspielungen in Ton und Film. Und setzt dabei ganz auf die enorme Ausdrucksstärke von Brigitte Grothum.

Die 85-Jährige vereint wie kaum eine andere die Gegensätze von Volks- und Charakterschauspielerin in sich. Sie versteht es, ihr Publikum bis zur letzten Sekunde zu fesseln, lotet aber auch die Abgründe ihrer Figur mit feiner Mimik genauestens aus. Brigitte Grothum macht den Abend übrigens gleich in doppelter Hinsicht zu einem historischen. Nicht nur aufgrund des Themas. Sondern auch, weil sie hier auf der Bühne des Schlosspark Theaters vor exakt 65 Jahren debütierte.

Allein die Liebe brachte Brunhilde Pomsel den Nazis näher

Auf den ersten Blick möchte man meinen, einen unfassbaren Wechsel aus der Mitte der Gesellschaft hin zum rechtsextremen Rand an der Seite eines manipulativen Demagogen zu beobachten. Doch schnell wird klar, die nur 75 Minuten dauernde Charakterstudie zeigt in der Tat ein ganz normales Leben in den dunkelsten Jahren der deutschen Geschichte.

Ganz in Schwarz mit langer Perlenkette macht ihre Pomsel auch hochbetagt noch was her. Wenn sie erzählt, vergisst man ihr Alter. Denn im Geist ist sie überaus klar. Ihr Plauderton wirkt kultiviert und ist unterlegt von ansteigenden Klavierläufen, die sich mit dem Stakkato der Schreibmaschine mischen. Ihr ganzes Leben lang war Brunhilde Pomsel Sekretärin. Für Goebbels jedoch nur Mobiliar, das stets zu funktionieren hatte. Ihre Worte klingen aufrichtig. Dennoch kann man eine gewisse Skepsis nicht wegwischen. Dafür stolpert man zu oft über Ungereimtheiten. Etwa, wenn sie über jüdische Geschäfte spricht und dabei stets das Wort „minderwertig“ mitschwingt.

Als Zeitzeugin holt die Pomsel weit aus. Beginnt 1914 mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Ihr beruflicher Werdegang wird detailliert ausgestaltet, der wird nämlich mit ihrer ersten Liebe Heinz hochpolitisch. Wie Brunhildes vier Brüder, war auch Heinz Mitglied der NSDAP. Ein Nazi wie aus dem Bilderbuch.

Vom Wegschauen und Leugnen der eigenen Schuld

In solchen Momenten ist Brunhilde Pomsel auffallend bemüht, ihre Erinnerungen zu relativieren. Zu betonen, wie desinteressiert sie an Politik war, obwohl sie selbst Parteimitglied war. Gefallen hat ihr angeblich nur das Drumherum. Die Musik, die Aufmärsche, die netten Männer. Ihrer Überzeugung nach, waren Frauen und Politik schlicht unvereinbare Gegensätze. Für das Verschwinden ihrer jüdischen Nachbarn kramt sie abstruse Ausreden hervor, passt ihre Erinnerungen opportunistisch an. An anderer Stelle gibt sie zu, dass sie von all dem gar nichts wissen wollte.

Von Goebbels erzählt sie fast ehrfurchtsvoll wie eine verschmähte Geliebte. An die Papiere, die über ihren Tisch gingen, kann sich die Sekretärin aber angeblich nicht erinnern. Eine überaus selektive Wahrnehmung. Auch als Zuschauerin bei Joseph Goebbels berüchtigter Sportpalastrede, bei der er den „totalen Krieg“ forderte, schwärmt sie zunächst von den wunderbaren Plätzen. Erst danach fällt ihr auf: „Wenn man das heute jemandem erzählt, muss der doch denken, die waren alle besoffen.“ Für sie waren alle verhext von Joseph Goebbels und seiner Propaganda. Wie sie selbst auch.

Ob sie die Wahrheit sagt, lässt das Stück offen. Brigitte Grothum nährt mit ihrem doppelbödigen Spiel die Zweifel daran und macht das Stück zu einer unbedingt sehenswerten Chronologie einer schleichenden, gesellschaftlichen Radikalisierung. Parallelen zur Gegenwart sind absolut gewollt.

Schlosspark Theater, Schloßstraße 48, Steglitz, Tel. 78 95 66 71 00, 17.10. um 16 Uhr, 16.10. und 30.11. um 20 Uhr, 19.12 und 26.12. um 16 Uhr