Ausstellung

Luigi Colani im Bröhan-Museum: Lang lebe der Jugendstil

Das Bröhan-Museum in Charlottenburg zeigt die Kreationen von Luigi Colani, ein Verfechter des Jugendstils.

Luigi Colani. Das Foto, das den Künstler in einem Garten zeigt, wurde 1976 aufgenommen.

Luigi Colani. Das Foto, das den Künstler in einem Garten zeigt, wurde 1976 aufgenommen.

Foto: Sammlung Popdom

Berlin. Wie ein Blumenkelch sieht Luigi Colanis Doppelwaschbecken mit Spiegel aus. Mit den runden Schwüngen wirkt das Objekt ausgesprochen organisch. Colani hat es 1979 für das Traditionsunternehmen Villeroy & Boch designt. Nun steht das Badmöbel zwischen Jugendstil-Exponaten – und fügt sich nahtlos in die Reihe der eleganten, schillernd schönen Objekte. Darunter ein Garderobenspiegel von Juan Busquets und ein silberner Kandelaber von Henry van der Velde.

Die spektakuläre Inszenierung veranschaulicht aufs Feinste, dass sich Luigi Colani ebenso wie Jugendstil-Gestalter stark von der Natur inspirieren ließ. „Für ihn hatte die Natur für alles eine perfekte Ingenieurslösung“, weiß Tobias Hoffmann, der Direktor des Bröhan-Museums. Ein Jahr nach Colanis Tod 2019 hat er die Ausstellung „Luigi Colani und der Jugendstil“ kuratiert, die nun bis kommenden Mai im Berliner Art-nouveau-Tempel in Charlottenburg zu sehen ist. Keine allumfassende Werkschau. Vielmehr ein facettenreicher Einblick in eine außergewöhnliche Künstlerpersönlichkeit mit einem faszinierenden, wegweisenden Werk.

Bröhan-Museum: Schau sucht Anknüpfungspunkte zwischen Colani und Jugendstil

Wie sehr Colani auf den Jugendstil Bezug nimmt, erkennt man eingangs an seinem für Rosenthal gestalteten Service „Drop“. Wie fast alle Colani-Exponate in der Schau stammt es aus der Sammlung von Gerd Siekmann. Vergleicht man Colanis Teekanne mit der von Maurice Dufréne, die um 1900 entstand, ergibt sich eine beinahe hundertprozentige Übereinstimmung in der Form. Flankiert von Vasen aus dem Bröhan-Archiv, die mit ihrer Farbgebung glatt aus der Flowerpower-Ära stammen könnten, spiegeln sie die zeitlose Schönheit der Sammlung.

Für die Ausstellung hat sich Tobias Hoffmann auf die Suche begeben nach den zahlreichen Anknüpfungspunkten zwischen Colani und dem Jugendstil. Er wurde auf Anhieb in der hauseigenen Geschichte fündig: Luigi Colani hat Mitte der 1970er das Bröhan-Museum besucht. Als es noch ein Privatmuseum in einer Dahlemer Villa war. Er ließ sich vom Sammler Karl H. Bröhan, dem führenden Jugendstil-Experten, die exquisite Sammlung zeigen. 1977 forderte Colani schließlich die „Renaissance des Jugendstils“. Und er stellte fest: „Das Bauhaus ist out. Outer geht’s gar nicht mehr.“

Ein Gegenentwurf zum Bauhaus

Ein Fanal, das Colani den Besuchern der Schau in großen Wandlettern im letzten Raum förmlich entgegenschreit. Nicht der einzige Moment, in dem der Designer scharf gegen die Heimstatt der Klassischen Moderne schießt. Was die Ausstellung auch zu einem Gegenentwurf zum Bauhaus macht. „Es ist ein bisschen Thema des Hauses, dass wir uns bemühen, das Bauhaus etwas zu relativieren“, erklärt Tobias Hoffmann. „Luigi Colani hat sich sehr an diesem funktionalen, eckigen unbunten Design gerieben.“

Natürlich hatte Colani dem auch etwas entgegenzusetzen. Sein bevorzugter Werkstoff war der Kunststoff. Dadurch war seine Welt bunt. Eine Wohnlandschaft, die man so wohl nur aus alten James-Bond-Filmen kennt, und zahlreiche Stühle sind beredtes Bespiel. Tobias Hoffmann hat einen davon auf ein Podest stellen lassen. „So sieht man, dass es Sitzobjekte sind, die einer Skulptur von Henry Moore gleichen“, sagt er.

Das Objekt passt sich dem Körper an, nicht umgekehrt

An anderer Stelle stehen Stühle von Colani denen großer Jugendstil-Gestalter wie Bruno Paul gegenüber. Auch hier sind die Parallelen im Design verblüffend. Colani kam auf ähnliche Ideen wie die Jugendstil-Künstler. Für ihn musste sich ein Objekt immer dem Körper anpassen, nicht andersherum. Als Bildhauer sah er die Dreidimensionalität der Körperform, wie auch seine Liege „Essmann“ zeigt.

Berühmt-berüchtigt war der 1928 in Berlin geborene Designer auch als ein Enfant terrible seiner Zunft, die er regelmäßig verprellte. Viele seiner „steilen Sprüche“, wie Tobias Hoffmann sie nennt, finden sich in der Ausstellung wieder. Mit Vorliebe wettert Colani da gegen die „Alles-eckig-Macher“, die er aus tiefstem Herzen verabscheute.

Colani studierte unter anderem Aerodynamik

Colanis Faible für amorphe, organische Formen liegt in seinem Werdegang begründet. In seiner Heimatstadt Berlin studierte er zunächst Bildhauerei und Malerei, bevor es ihn nach Paris zog. Dort studierte er Aerodynamik und Ultraleichtbau, später Analytische Philosophie an der Sorbonne.

In Deutschland gingen Gestaltung und Kunst damals strikt eigene Wege. Dafür stand das Bauhaus nach dem Krieg. Luigi Colani lehnte diese Trennung ab. Er hatte keine Berührungsängste. Wollte Freiheit für sich, suchte die Schnittstelle von Kunst und Design. Mehr noch: Colani nannte sich bewusst Designer. Ein Affront seinerzeit. Der Gestalter hatte hinter dem Objekt zu verschwinden, wurde nicht namentlich genannt.

Künstler sagte das Ende des Autos vorher

Unbeirrbar machte Luigi Colani Design populär und sich selbst zur Marke. „Ihm ist es gelungen zu zeigen, dass eine Person mit einer individuellen Handschrift hinter den Objekten steckt. Genau wie die Jugendstil-Gestalter signierte er seine Objekte“, verrät Tobias Hoffmann.

Als Meta-Ebene ziehen sich Blätter in Lila und Rot aus Colanis künstlerischem Manifest „Ylem“ durch die Ausstellung. Schon 1971 hatte er darin das Ende der Ära des Automobils vorausgesagt und dazu Entwürfe skizziert, die an Science-Fiction-Filme erinnern. Für Tobias Hoffmann steht fest: „Luigi Colani war ein Visionär. Für ihn hatte ein Designer die verdammte Pflicht, Lösungsansätze zu bieten.“

Bröhan-Museum, Schloßstraße 1a, Charlottenburg, bis 30.5.2021, Di.-So. 10-18 Uhr, Tel. 32 69 06 00, Infos unter www.broehan-museum.de