TV-Highlight

Serie „Babylon Berlin“ beginnt mit einem Paukenschlag

Lange haben die Zuschauer darauf gewartet: In der ARD startet endlich die dritte Staffel der Ausnahmeserie „Babylon Berlin“.

Apokalypse zum Auftakt: Kommissar Rath (Volker Bruch) erlebt den Schwarzen Freitag 1929 mitten in der Berliner Börse.

Apokalypse zum Auftakt: Kommissar Rath (Volker Bruch) erlebt den Schwarzen Freitag 1929 mitten in der Berliner Börse.

Foto: © / ARD

Auch beim zweiten Mal mutet es immer noch seltsam an, wenn eine Serienstaffel doppelte Premiere feiert. Aber die Erfolgsserie „Babylon Berlin“, deren dritte Staffel am Sonntag in der ARD startet, nachdem sie bereits Ende Januar auf Sky gelaufen ist, ist eben, erstmals in der deutschen TV-Geschichte, eine Gemeinschaftsproduktion eines öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders und eines privaten Pay-TV-Senders.

Und mögen eine Kritiker sich noch immer darüber entrüsten, dass eine mit Steuermitteln finanzierte Produktion zuerst auf einem Privatsender gezeigt wird: Der Erfolg gibt dem Ersten recht. Anders wäre die teuerste deutsche Serienproduktion gar nicht finanzierbar gewesen. Und schon die ersten beiden Staffeln, die im Herbst 2017 auf Sky liefen und ein Jahr später im Ersten, haben bei beiden Kanälen Quotenrekorde gemacht. Bei der ARD vor allem auch online, in der Mediathek. Die Medienlandschaft ist im Umbruch, und die Prozenten haben darauf reagiert.

Der Spielort ist zugleich der Drehort: Babelsberg

Es ist nicht ohne Ironie, wenn die dritte Staffel - nach Volker Kutschers zweitem Gereon-Rath-Krimi „Der stumme Tod“ – nun gleichfalls von einem großen Medienumbruch erzählt. Ein Filmstar wird hier mitten in einer spektakulären Drehszene ermordet und führt Kommissar Rath (Volker Bruch) und Kommissarsassistentin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) in die Filmstudios von Babelsberg.

Dort wird gerade die Produktion von Stumm- auf Tonfilm umgerüstet was auch damals schon die ganze Film- und Produktionsbranche zum Umdenken zwang. Der Spielort ist hier zugleich der Drehort, denn erneut wurden die Außenaufnahmen zu „Babylon Berlin“ in der eigens dafür aufgebauten Neuen Berliner Straße in Babelsberg gedreht.

Mehr zum Thema: Ein Spaziergang mit Volker Bruch, dem Star aus „Babylon Berlin“

Doch wie schon in den Romanvorlagen von Volker Kutscher sind auch in der neuen Serienstaffel die Ermittlungen im Mordfall nur die Rahmenhandlung, um ein ganzes Sittenbild der Weimarer Republik zu erzählen. Und der 20er-Jahre, die jetzt ihr Hundertjähriges erleben.

Die Regisseure Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries, die – auch das ein Novum in der deutschen Produktionslandschaft – die Serie zu dritt geschrieben und gedreht haben, entführen an die unterschiedlichsten Stätten, in die unterschiedlichsten Milieus.

In die Vergnügungsstätten, wo sich die Reichen berauschen, aber auch in ärmliche Hinterhäuser, wo immer mehr Menschen ihre Arbeit verlieren und deshalb rechtspopulistischen Hasspredigern auf den Leim gehen. Die Serie führt auch in das Romanische Café, wo sich die Künstler tummeln, und in den Ullstein-Verlag, wo ein moderner Bild-Journalismus kreiert wird. In zynische Wirtschaftskreise, wo man mit einer Spekulationsblase die junge Republik ins Chaos stürzen will, bis in die höchsten Regierungszirkel um Gustav Stresemann.

In andere Zeiten entführt und doch mit Parallelen zum Heute

Ein Eskalationspunkt der neuen Staffel ist dabei der Schwarze Freitag, an dem die Weltwirtschaftskrise auch die deutsche Republik erschütterte. So beginnt die dritte Staffel mit einem echten Knalleffekt: Ein traumatisierter Gereon Rath, der durch eine riesige Halle im Chaos taumelt, wo verzweifelte Menschen sich vor seinen Augen umbringen. Es ist die Berliner Börse am Tag des Crashs. Und danach gibt es, wie in der ersten Doppelstaffel, einen Zeitsprung zurück, um sich in zwölf Folgen langsam auf diese Katastrophe zuzubewegen.

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Die ARD hat für ihr Herbst-Highlight erneut den quotenträchtigen „Tatort“-Sendeplatz freigeräumt. Ein Wiedersehen nicht nur mit den Stars der ersten Folgen. Für die neue Staffel konnten die drei Regisseure noch weitere namhafte Schauspieler gewinnen. Und erneut glänzt „Babylon Berlin“ mit atemberaubenden Schauwerten: Ansichten eines Berlins, das es so nicht mehr gibt, bei dem einen aber immer auch Gänsehaut beschleicht ob so mancher unangenehmer Parallele zum Heute: von der Medienkrise über die Wirtschaftsblase bis hin zum Rechtsruck der Gesellschaft. Ein Serien-Highlight, das einen in andere Zeiten entführt und doch immer auch klug die Gegenwart miteinbezieht.

Längst über die Landesgrenzen hinaus Kult

Und auch wenn der Zuspruch des Publikums ähnlich erfolgversprechend sein dürften wie bei der ersten Doppelstaffel, müssen die Macher längst nicht mehr auf die Quote schielen. Verkauft sich die Serie doch inzwischen schon in 140 Ländern, als neue Territorien ganz Lateinamerika, Japan, Südkorea und Ozeanien. Und darf sich nicht nur mit Grimme- und Deutschen Fernsehpreisen schmücken, sondern auch internationalen Trophäen. Die Drehbücher für die nächsten zwölf Folgen, angelehnt an den dritten Kutscher-Roman „Goldstein“, sind fast schon fertig. Gedreht werden soll ab März - wenn Corona dem nicht einen Strich durch die Rechnung machen sollte.

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Und längst ist „Babylon Berlin“ über die Landesgrenzen hinaus Kult geworden. So verriet Leonardo DiCaprio im Sommer 2019 bei der Berlin-Premiere von „Once Upon a Time… in Hollywood“, dass er ein „Babylon Berlin“-Fan sei. Stephen King beteuerte jüngst, er habe den Lockdown nur überstanden, weil er die Selbstquarantäne verlassen und in das Berlin von 1929 reisen konnte: Die Serie sei ein „Notausstieg“ gewesen.

Inspirationen für Hollywood

Darüber hinaus ist „Babylon Berlin“ auch stilbildend. Die Serie hat nicht nur im Inland ein Revival der 1920er-Jahre ausgelöst, mit diversen Bühnenshows und prallen Bildbänden. Tom Ford ließ zu seiner Frühjahrs-Modenschau 2019, die die Fashion Week in New York eröffnete, den Titelsong der ersten Staffeln, „Zu Asche, zu Staub“ erklingen. Und hat in seiner Kollektion auch Reminiszenzen an die 20er-Jahre Mode gemacht, mit Turbanen und Mänteln aus Marabufedern.

Und offensichtlich ließ sich auch Oscar-Preisträger Damien Chazelle („La La Land“) von der Serie inspirieren. Sein neues Kinoprojekt mit Brad Pitt und Emma Stone soll in Los Angeles um 1930 spielen und ebenfalls vom Übergang vom Stumm- zum Tonfilm handeln. Der Titel lautet: „Babylon“.

Babylon Berlin: Staffel 3: ARD, 11. u. 14.10, je drei Folgen sowie 15.10. und 21.-23. 10., je zwei Folgen, immer ab 20.15 Uhr. Die ersten drei Folgen sowie Begleitmaterial bereits in der ARD Mediathek.