Fotografie

Andreas Mühe hinterfragt den Umgang mit Heldentum

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Peter Zander
Fotograf Andreas Mühe in seiner Ausstellung „Hagiographie Biorobotica“ in der St. Matthäus Kirche.

Fotograf Andreas Mühe in seiner Ausstellung „Hagiographie Biorobotica“ in der St. Matthäus Kirche.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Was ist ein Held und wer macht ihn dazu? Andreas Mühes hintergründiger Werkzyklus „Hagiographie Biorobotica“ in der Matthäus-Kirche.

Berlin. Wer die St. Matthäus Kirche am Kulturforum betritt, der stößt seit Sonnabend unmittelbar auf neun Bildplatten, von unten dramatisch beleuchtet, die gesichtslose Menschen zeigen – mit Schaufeln, Gasmasken, Geigerzählern. Und Schutzanzügen, die doch keinen Schutz bieten. Das könnten Aufnahmen aus einem schrägen Science-Fiction-Film sein, sind aber Foto-Installationen von Andreas Mühe. Und waren mal traurige Realität: Nach dem Super-GAU in Tschernobyl 1986 schickte die Sowjetunion unzählige Männer und Frauen aus, um die Reaktorruine zu verschütten.

Eine unrühmliche Geschichte, weshalb die Sowjets, bei denen Heldenverehrung ja durchaus System hatte, sie nicht zu Helden machen wollten. Emotionslos wurden sie „Liquidatoren“ genannt, „Abwickler“ also. Man spricht auch von Biorobots. Nachdem sie ihren Zweck erfüllt hatten, sollten sie wieder in der Anonymität verschwinden und vergessen werden. Es gibt keine offiziellen Zahlen,doch Hunderttausende sollen dabei gestorben sein.

Andreas Mühe gibt diesen Opfern nun eine bildliche Präsenz, wie sie ihnen bislang vorenthalten wurde. Einmal mehr setzt sich der Künstler dabei mit jüngster Vergangenheit auseinander und rückt ein Thema, das man nur allzu gern verdrängt, effektvoll in den Fokus, um damit auch die Gegenwart zu reflektieren.

Sinnige Parallelen zur Corona-Krise

Von Alltagshelden, die nicht gebührend gewürdigt werden, ist gerade in Corona-Zeiten, wo es erneut um eine unbekannte Gefahr geht, ja wieder viel die Rede. Mühes „Hagiographie Biorobotica“ wurde zwar lange zuvor konzipiert, macht nun aber noch tieferen Sinn. Geht es doch um die Frage, wie man mit Helden umgeht – und wer wen dazu bestimmt.

Dabei spielt Mühe auch mit dem Ausstellungsort. Die riesigen Aufnahmen sind in den Gängen am Boden eingelassen wie Grabplatten in mittelalterlichen Kirchen. Das zehnte Foto „Sarkophag“ schwebt hinter dem Altar. Ebenfalls ein doppeldeutiges Spiel: wurden auf einem Altar früher doch Opfer dargebracht.

Opfer oder Heiligenverehrung, auf diesem schmalen Grat wandert dieser erste Akt der auf drei Teile konzipierten Ausstellung, die bis in den Februar kommenden Jahres gezeigt wird. Für seine Arbeiten hat Mühe auch mit dem Tschernobyl-Museum in Kiew zusammengearbeitet, das ihm Teile originalgetreuer Ausrüstungen überließ.

Andere wurden von der Kostümbildnerin Sara Kittelmann originalgetreu reproduziert. Und dann schlüpften Schauspieler mit vermummten Gesichtern in die Uniformen, bevor Mühe sie ablichtete.

Endlich geht es wieder um die Kunst selbst

Die Parallelen zu Corona sind dem Fotografen fast zu aufdringlich. Aber wegen der Pandemie mag er sich nicht beklagen, wie Mühe bei einer ersten Begehung am Sonnabend sagte. Momentan gebe es viele Künstler, die gar nicht ausstellen könnten.

Und wenn Corona einen Vorteil habe, dann den, dass es wieder um die Kunst selber gehe und nicht um „Champagner-Empfänge“. Von denen war der 40-Jährige nie ein Freund. Bei seinen verstörenden wie eindringlichen Arbeiten mag aber auch keiner an Champagner denken.

St. Matthäus-Kriche, Matthäikirchplatz, Tiergarten. Di-So, 11 bis 18 Uhr. Bis 20. November. 2. Akt: 26.11.-3.1.2021, 3. Akt: 7.1.-14.2.2021.