Theater

„Gespenster am BE“: Klassiker mit Social Distancing

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Kein Zusammenkommen, nie: Zwischen der Witwe (Corinna Kirchhoff) und ihrem Sohn (Paul Zichner) stehen immerzu Wände oder Türen.

Kein Zusammenkommen, nie: Zwischen der Witwe (Corinna Kirchhoff) und ihrem Sohn (Paul Zichner) stehen immerzu Wände oder Türen.

Foto: Matthias Horn

Abstand gilt am Berliner Ensemble nicht nur fürs Publikum. Ibsens „Gespenster“ wir hier als Seelen- und Raumlabyrinth inszeniert.

Es scheint sehr passend, wenn dieser Tage am Berliner Ensemble „Gespenster“ gespielt wird. Gespenstisch ist ja irgendwie auch der Gang in dieses Theater, das die Corona-Verordnungen ernster und strenger nimmt als jede andere Bühne. Die Sitze, während des Lockdowns medienwirksam aus dem Boden geschraubt, sind zwar längst wieder installiert. Aber nicht nur bleibt, wie in anderen Häusern auch, jeder zweite Sitz leer. Hier müssen die Zuschauer auch während der Vorstellung Maske tragen. Sie werden nur rangweise ein- und ausgelassen. Und ständig darauf hingewiesen, Abstand zu halten.

Abstand halten – das gilt dann freilich auch auf der Bühne. Matjea Koleznik hat Henrik Ibsens Stück zwar ganz klassisch inszeniert, in den Kostümen der 1880er-Jahre und ganz ohne Regietheatermätzchen. Die slowenische Regisseurin hat den Klassiker aber dennoch radikal aktualisiert: indem sie die kollektive Lockdown-Erfahrung „Bleibt zuhause“ auf das Stück überträgt – und ihm gleichsam Social Distancing verordnet. Das ist sehr eindringlich. Und während man das eigene Eingesperrtsein vor ein paar Monaten sehr belastend fand, auf der Bühne wird das zu einem großartigen Abend.

Zwischen den Figuren klafft immer Leere, klafft das Nichts

Mit den nur fünf Rollen empfiehlt sich das Drama geradezu in Corona-Zeiten, wo man nach Stücken sucht, bei denen nicht allzu viele Menschen auf der Bühne stehen. Und dass sich die Figuren zu nahe kommen, muss man bei Ibsen ja nie befürchten. Seine Figuren sind immer Gespenster, der Titel könnte über all seinen Stücken stehen. Sie haben ihr Leben längst gelebt, haben sich in sich verkrochen. Das eigentliche Drama geschah vor langer Zeit. Und bricht nur noch mal auf, wenn man sich Lebenslügen eingesteht.

In „Gespenster“ ist es die Witwe eines Kammerherrn, Helene Alving (Corinna Kirchhoff), die zum Gedenken an ihren Mann ein Kinderheim einweiht - ein „Asyl“, wie es im Stück heißt. Und doch hat sie ein Eheleben lang unter den Ausschweifungen ihres Mannes gelitten. Hat ihn nur nicht verlassen, weil Pastor Manders (Veit Schubert), dem sie sich anvertraut, den sie geliebt hat, sie an ihre Pflicht gemahnte. Als der Geistliche jetzt dem Heim den Segen geben soll, kann sie jedoch nicht länger an sich halten.

Das grandiose Konzept ist dem Kino abgeguckt

Die Wahrheit muss einmal ausgesprochen, muss herausgeschleudert werden. Und dass der Sohn Osvald (Paul Zichner) bei einem seiner seltenen Besuche die Dienerin Regine (Judith Engel) umgarnt, muss ebenfalls unterbunden werden. Denn auch das gehört zu den nie ausgesprochenen Wahrheiten: Schon der Gatte schwängerte einst eine Magd, Regine ist die Frucht daraus. Die jungen Menschen sind sich näher, als sie glauben.

Die Regisseurin taucht das düstere Seelendrama in ebenso düsteres Licht. Nur schwach ist die Bühne beleuchtet, und die wenigen Menschen, die sich darin verlieren, sind alle in Grau gekleidet. Lauter graue Mäuse. Wobei die Witwe schon durch ihren überweiten Reifrock jede Annäherung unmöglich macht, Abstand erzwingt. Aber wie nun erst das Bühnenbild, das Raimund Orfeo Voigt und Leonie Wolf entworfen haben! Die Figuren stehen nicht nur meterweit voneinander entfernt.

Verschlossene Türen, verschlossene Menschen

Immerzu stehen Trennwände zwischen ihnen, kommunizieren sie oft nur durch Türen. Zwischen ihnen klafft Leere. Und das einzige, was sich bewegt, sind nicht die Menschen, es ist der Raum. Die Bühne wird stetig auseinandergerissen, der Dreiakter in drei Raumteiler zersplittert, die sich permanent verschanzen und abriegeln. Wo dann jede Figur in ihrer eigenen 1,50-Meter-Isolation steckt. Wie in einem Sarg.

Mehr zum Thema: Corinna Kirchhoff über ihre Rolle

Das grandiose Konzept ist dem Kino abgeguckt. Da gibt es das Split-Screen-Verfahren, wo zwei Bilder nebenher laufen. Hier sprechen die Figuren nicht zu-, sondern nebeneinander. Oder die Witwe spricht rechts außen durch eine Tür, und ganz links reagiert der Pastor an einer anderen Tür.

Das ist wie Schnitt und Gegenschnitt im Film, nur werden die Einstellungen dort so montiert, dass sie Nähe und Spannung herstellen, während sie hier nur Verwirrung und Isolation evozieren. Wenn der Sohn am Ende wie der Vater an den Folgen der Syphilis stirbt, riegelt er sich vor der Mutter ab, die versucht, zu ihm vorzudringen. Näher aber kommen sich die Figuren nie.

Ein Muss für jeden Theatergänger

Verschlossene Türen, verschlossene Menschen: Dieses Konzept ist der eigentliche Schauwert der Inszenierung. Was die Leistungen der Schauspieler, die sich in diesem Labyrinth verbarrikadieren, aber in keiner Weise mindert. Gewohnt großartig ist Corinna Kirchhoff in dem verhärmten Panzer, dem seelischen Reifrock, den sie ihrer Witwe überstreift. Geradezu aasig spielt Veit Schubert den Pastor in all seiner Heuchelei. Und Paul Zichner lässt seinen Osvald nicht nur seelisch zerbrechen, er reißt sich die Kleidung vom Leib – und trägt ein Korsett, aus dem er sich doch, als Bohème-Künstler, befreien wollte.

Kein Wunder, dass das Stück einmal unter Zensur stand. Rührte es doch an so viele gesellschaftliche Tabus. Solche Lebenslügen können einen in Zeiten der multimedialen Dauerselbstentblößung kaum noch erschüttern. Doch wie Mateja Koleznik ihre Figuren in die absolute Isolation sperrt, das macht das Drama erschütternd gegenwärtig. Ein Muss für jeden Theatergänger, der auch all die Auflagen beim Betreten lohnt.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Tel.: 28408155. Nächste Vorführungen: 10. u. 11., 23-25.10., 24.-26.11., 23., 25. u. 26.12.