Der Sonntags-Krimi

Der neue „Tatort“ aus Berlin: Riss quer durch die Familie

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Zander
Die Kommissare Nina Rubin (Meret Becker, r.) und Robert Karow (Mark Waschke) vor der Leiche von Klaus Keller (Rolf Becker).Stefan Erharddpa

Die Kommissare Nina Rubin (Meret Becker, r.) und Robert Karow (Mark Waschke) vor der Leiche von Klaus Keller (Rolf Becker).Stefan Erharddpa

Foto: Stefan Erhard / dpa

Passend zum 30. Tag der Deutschen Einheit wird im neuen Berliner „Tatort“ jüngere deutsche Geschichte aufgearbeitet

Dass es im „Tatort“ öfter makabre Momente gibt, liegt in der Natur der Sache. Ein solch persönlich makabrer Moment aber wie im neuen Berliner Fall „Ein paar Worte nach Mitternacht“ ist doch selten. In ihrem drittletzten Fall – 2022 scheidet sie auf eigenen Wunsch aus der Reihe aus – wird Meret Becker als Kommissarin Nina Rubin an einen Tatort gerufen. So weit, so Routine. Doch der Tote wird von ihrem Vater Rolf Becker gespielt.

Der berät sich, auch wenn Meret und Ben Becker bei ihrem Stiefvater Otto Sander aufgewachsen sind, gern mit seinen Kindern. Leider würden sie nur selten zusammen engagiert, wie er erst im März an seinem 85. Geburtstag bedauerte. Mit Tochter Meret hat er bisher nur in „Heinrich der Säger“ (2001) gespielt. Jetzt liegt er tot vor ihr. Für einen bloßen Auftritt als Leiche ist er zu prominent. Klar also, dass er in Rückblenden wieder auftaucht. Doch auch da hat er naturgemäß keine Szene mit der Tochter.

Der Trailer zur Folge: „Tatort: Letzte Worte nach Mitternacht“

Um Familie geht es auch in der Krimifolge, aber auf eine ganz andere Weise, bei der ein Gutteil der jüngeren deutschen Geschichte mitverhandelt wird. Der Tote, Bauunternehmer, Klaus Keller hat sich zeitlebens für die Versöhnung mit den Opfern eingesetzt, als Krönung seines Lebens sollte ein Holocaust-Dokuzentrum in Israel gebaut werden.

Die Kommissarin ist persönlich betroffen

Doch just an seinem 90. Geburtstag findet man ihn aus nächster Nähe erschossen, wie bei einer Hinrichtung. Mit einem Pappschild um den Hals: „Ich war zu feige, für Deutschland zu kämpfen“, was an SS-Parolen der Nazizeit erinnert.

Nina Rubin möchte den Fall sofort abgeben. „Ach, persönlich betroffen?“, stichelt ihr Kollege Robert Karow (Mark Waschke). Ein Insider, wer die familiären Verhältnisse der Darsteller kennt. Aber gemeint ist natürlich, dass Rubin die erste jüdische Kommissarin der Reihe ist. Sie vermutet einen rechtsradikalen Anschlag und will den Staatsschutz einschalten. Vor allem aber mag sie nicht in „brauner Scheiße waten“. Karow, gewohnt herzlos, empfiehlt Gummistiefel. Und weil der Staatsschutz sich nicht zuständig fühlt, muss Rubin mitziehen.

Mehr zum Thema: Warum Meret Becker den „Tatort“ verlässt

Der Tote hatte einen Bruder, der im Osten der Stadt bei der Stasi war. Auch nach dem Mauerfall haben sie nie miteinander gesprochen. Der Sohn (Jörg Schüttauf) des Bruders wiederum war Neonazi und sitzt als völkischer Vertreter im Berliner Senat. Ein Riss quer durch die Familie: Mit dieser Thematik passt die Folge ganz gut zum 30. Jahrestag der deutschen Einheit.

Der Fall fordert höchste Konzentration

Schon nach wenigen Sendeminuten springt auch der Bruder vom Dach eines Krankenhauses. Der Verdacht scheint sich zu bestätigen. Aber dann bezichtigt der Enkel des Toten (Leonard Scheicher) seinen Vater (Stefan Kurt) des Mordes. Und bei ihren Ermittlungen stoßen die Kommissare noch auf ganz andere Familiengeheimnisse, die weit länger zurückliegen und die Kellers auch jetzt noch zerreißen.

Der Film von Lena Knauss (Regie) und Christoph Darnstädt (Drehbuch) fordert den Zuschauer sehr. Bei so vielen Figuren, alle mit gleichem Nachnamen, schwirrt einem bald der Kopf. Und die Kommissare recherchieren gewohnt getrieben und gehetzt. Man darf also nicht mal kurz in der Küche ein Bier holen. Dafür wird man mit einem sehr ungewöhnlichen Krimi belohnt, bei dem es nicht nur um die leidige Wer-war’s-Frage geht, sondern noch um ganz andere Schuld.

„Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht“: ARD, 4. Oktober, 20.15 Uhr.