Komische Oper

Wie Dagmar Manzel den „Pierrot Lunaire“ mit Leben erfüllt

Barry Kosky lässt die Sängerin und Schauspielerin beim Saisonauftakt in der Komischen Oper die gesamte Palette ihres Könnens zeigen.

Eindringlicher Abend: Dagmar in der Komischen Oper.

Eindringlicher Abend: Dagmar in der Komischen Oper.

Foto: Monika Rittershaus

Berlin.  Weder Dagmar Manzel noch Intendant Barrie Kosky hätten vor einem halben Jahr gedacht, dass ihre Produktion „Pierrot lunaire“ an der Komischen Oper mal eine Spielzeit eröffnen würde. Nun ist es so gekommen – weil die Besetzung so sparsam ist.

Zu sehen ist anfangs nur der Mund der Schauspielerin auf einer schwarzen Fläche. Ein obsessiv quasselndes Sprechwerkzeug, scheinbar ohne Inhaber, ohne Hirn, ohne Ich. So vollzieht sich Samuel Becketts Ein-Frau-Stück „Nicht-Ich“, das diesen kargen, mutigen Abend einleitet.

Eine Frau kann sich von Erlebnissen früherer Jahre nicht freimachen, ein Leben voller Demütigungen, Arbeit, Wut. Das erdrückend-unmenschliche Hauptstraßengeräusch aus dem Lautsprecher als Einleitung und Schluss dieses fünfzehnminütigen Sprech-Akts möchte vielleicht zeigen, in welch menschenunfreundlicher Umgebung ein solches sinn- und ichloses Sprechen entsteht. Mit dem Mund auf der Bühne folgen Manzel und Kosky demütig Becketts strengen Anweisungen, das Ergebnis ist groß und bedrückend.

Riesige Kenntnis der einschlägigen Literatur

Im Sprechakt ohne traditionellen Sinn konnte Beckett die moderne Welt auf der Bühne erstehen lassen – ebenso im Monolog der alten Frau im Schaukelstuhl in seinem Stück „Rockaby“ von 1981. Dagmar Manzel schaukelt, spricht aber nicht. Die Ich-Schilderung des monotonen Alltags in den Jahren vor dem Tod kommt aus dem Off. Vor den einzelnen Wiederholungen der immergleichen Erzählung seufzt Manzel ein „Nochmal“, halb wie eine Sterbende, halb wie ein der Geschichte lauschendes Kind.

Eine offenbar riesige Kenntnis der einschlägigen Literatur für Solodarbietungen – Kosky hat so etwas außerhalb von Berlin schon oft gezeigt – ermöglichen es dem Regisseur, mit diesem Genre faszinierend nah am Puls der Zeit zu sein. Motorischer Leerlauf der arbeitsweltlich entstellten Mundwerke, während die Arbeitswelt samt ihrer vermeintlichen Sinnstiftung nicht mehr funktioniert – wem sind solche Erfahrungen in den letzten Monaten völlig fremd geblieben? Sprechen als letztes Überbleibsel vor dem Sterben – ist Becketts ungewöhnliche und doch so nahe liegende Sicht auf diesen Vorgang nicht auch vielen von uns in der Krise nähergerückt?

Sonnenbad im Licht des Vollmonds

Arnold Schönbergs „Pierrot lunaire“ ist ein Tribut an die Vielseitigkeit und darstellerische Luzidität Dagmar Manzels. Schönberg notierte hier die Sprechstimme mit Kreuzen statt Notenköpfen auf festgelegten Tonhöhen – und ließ dabei kaum jemals wirklichen Gesang zu. Eine fast unlösbare Aufgabe für Sprecherinnen und Sängerinnen seit über 100 Jahren. Gekleidet in den Matrosenanzug wilhelminischer Zöglinge, ist Dagmar Manzels Bühne für den Pierrot ein kleines weißes Kinderbett, die Bettdecke ein wichtiges Requisit. Mal „sonnt“ sie sich in dem grellen Vollmond, dem der Pierrot verfallen ist, mal hüllt sie sich mit kindlicher Ängstlichkeit ein. Ihre Stimme kann von ebenfalls kindlicher Geradlinigkeit, dann auch wieder divenhaft sein, wie es ihre Fans an der Komischen Oper kennen und wollen.

Doch diese Kreation geht über solche Erwartungen sehr weit hinaus. Dagmar Manzel füllt in ihrer Darstellungskunst Schönbergs musikalisierten Sprechtonfall mit Lebenssinn.

Komische Oper, Behrenstraße 55-57, Mitte. Weitere Vorstellungen 11., 13., 30.10., 6.11.