Interview

Oskar Roehler: „Ich mag nicht angebrüllt werden“

| Lesedauer: 7 Minuten
Volker Behrens
Oskar Roehler verehrt Fassbinder, ist ihm aber nur einmal begegnet. Jetzt hat er einen Film über ihn gedreht.

Oskar Roehler verehrt Fassbinder, ist ihm aber nur einmal begegnet. Jetzt hat er einen Film über ihn gedreht.

Foto: Jörg Krauthöfer

Regisseur Oskar Roehler über sein Vorbild Rainer Werner Fassbinder, Drohungen gegen seinen Film und Brüllen am Set und am Telefon.

Berlin. Er war schnell, er war gut und unmöglich. Rainer Werner Fassbinder (1945-1982) hat den deutschen Film in der Nachkriegszeit wachgerüttelt. Er war Regisseur, Schauspieler, Drehbuchautor, Filmproduzent, Filmeditor und Komponist, auch Theaterstücke und Hörspiele hat er geschrieben. Ein Workaholic, der eine „Familie“ um sich geschart hatte, die er launen- und divenhaft förderte und schikanierte. Oskar Roehler hat jetzt eine filmische Biografie über ihn gedreht, die vor wenigen Tagen das Filmfest Hamburg eröffnete und an jetzt im Kino angelaufen ist. „Enfant terrible“ heißt sie – Kenner der Filmszene sagen, das könnte auch ein guter Titel für einen Film über Roehler sein. Wir haben ihn gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Roehler, haben Sie Fassbinder gekannt?

Oskar Roehler: Ich bin 1981 nach Berlin gekommen. Seit 1973 habe ich fast alle Filme, die er ab dann gedreht hat, gesehen. Wir hatten in unserem Internat ein Heimkino mit 30 Plätzen. Schüler aus der 12. und 13. Klasse, genannt die „Rote Zelle“, haben es betrieben. Als erstes wurde ich mit „Der Händler der vier Jahreszeiten“ konfrontiert. Der hat ziemlich reingehauen. Und dann kam alle paar Monate ein neuer. Ich habe Schauspieler wie Kurt Raab, Irm Hermann und Margit Carstensen bewundert. 1982 stand ich dann plötzlich vor der Schaufensterscheibe der „Paris Bar“ und habe mir die Nase plattgedrückt, reingetraut haben wir uns nicht. Da waren diese Typen leibhaftig zu sehen. Ich weiß noch, dass Raab fast immer Nadelstreifenanzüge trug.

Näher als bis zur Fensterscheibe sind Sie ihm nicht gekommen?

Die einzige persönliche Begegnung war auf der Empore im „Dschungel“, einem angesagten Berliner Nachtclub. Den haben sie damals als Zwischenstation benutzt, bevor sie wirklich in den Orkus hinabgestiegen sind. Wenn man da um Mitternacht war, hieß es oft: „Der Fassbinder kommt“. Er war dann flankiert von Ledertypen, trug selbst Leder und eine dicke Sonnenbrille. Sie sind dann rauf auf die Empore, ich auch und stand zwei Meter neben ihm. Ich habe geguckt, was er so macht, er hat allerdings die ganze Zeit nur runter auf die Tanzfläche gestarrt. Es war eine Begegnung von Fan und Idol.

Wie haben Sie sich ihm jetzt im Film genähert? Mit Respekt oder gerade nicht?

Es ist eigentlich ganz einfach. Nachdem ich bei Dreharbeiten immer wieder mit Schauspielern zu tun hatte, die bei ihm gearbeitet hatten, habe ich Blut geleckt: Margit Carstensen, Volker Spengler und vor allen Dingen Udo Kier. Udo hat mir tatsächlich die dollsten Anekdoten erzählt. Sein und mein Lieblingsbuch ist „Die Sehnsucht des Rainer Werner Fassbinder“ von Kurt Raab und Karsten Peters. Da habe ich gedacht: Wenn die so viel grauenvollen Spaß miteinander hatten, sollte man daraus vielleicht mal einen Film machen.

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Was sind für Sie die drei wichtigsten Fassbinder-Filme?

„In einem Jahr mit 13 Monden“, „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ und „Martha“. Der Rest ist mir zu sentimental aufgeladen, einfach und zu politisch. Es gibt aber auch interessante Kopffilme, in denen er sich fast wie Jean-Luc Godard intellektuell mit der Gesellschaft befasst. „Liebe ist kälter als der Tod“ und „Die Ehe der Maria Braun“ habe ich für mich aus seinem Werk gestrichen.

Konnten Sie im Film machen, was sie wollten? Es gibt da ja im Hintergrund die Fassbinder-Stiftung, die Auswertungen gegenüber oft sehr kritisch ist.

Es gab da massive Drohungen. Weil es mir so unangenehm war, habe ich mich da rausgezogen und das den Produzenten überlassen. Ich mag nicht am Telefon angebrüllt werden.

Sie hätten diesen Film eigentlich schon im Frühjahr in Cannes zeigen sollen. Waren Sie sehr enttäuscht?

Im Nachhinein schon. Oliver Masucci hat das mit einem Satz ins Positive gewendet. Das Talent dafür ist mir leider verloren gegangen. Ich wäre gern in sämtlichen Hauptnachrichten gewesen. Mich hat es sehr gefreut, dass der künstlerische Leiter von Cannes, Thierry Frémaux, von meinem Film persönlich sehr berührt war. Er war wohl angetan davon, dass aus Deutschland noch so etwas Räudiges kommt.

Was würde Fassbinder machen, wenn er heute noch leben würde?

Er war ein extremer Suchtcharakter, der wie ein Komet aufgestiegen und wieder abgestürzt ist. Ich glaube, der hätte überhaupt keine Filme mehr gemacht.

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Haben Sie sich an irgendwelchen Vorbildern orientiert?

Ach, Hintergründe sind oft so banal, die gehen die Zuschauer eigentlich ja auch gar nichts an. Ich habe mich aber von alten B-Studio-Klassikern wie „Der Mann mit dem goldenen Arm“ inspirieren lassen. Da gibt es nur eine Kneipe, ein Hotelzimmer, ein Treppenhaus, eine Straße. Die hatten wir auch. Bei uns fährt sogar ein Rolls Royce hindurch.

Könnte man heute noch so mit seinen Mitarbeitern umgehen, wie es Fassbinder gemacht hat?

Er war ja nicht nur Regisseur, er war ja auch Produzent. Er hat sie mit allem gespeist, was für sie notwendig war: mit Worten, Drehbüchern, Geld und Bespaßung. Jeder sucht sich seinen Herrn nach Maßgabe der eigenen Perversität aus. Mancher quält gern, andere werden gern gequält. Da wird sich auch nie etwas dran ändern. Ich wüsste gar nicht, wie man in Zukunft Kultur organisieren wollte, wenn man nicht mal mehr seine Stimme erheben dürfte.

Was hat die Corona-Zeit aus Ihnen gemacht?

Ich bin unheimlich bequem geworden. Meine Frau nennt mich mittlerweile den Spaziergänger – nein: nicht von Sanssouci, von Berlin. Ich habe da meine festen Rituale, und die bestehen eigentlich nur aus Vergnügungen, die sich bis in den späten Abend hineinziehen. Ich bin zwar völlig unkreativ, aber ich fühle mich wohl dabei.

Was können wir denn als nächstes von Ihnen erwarten: einen Roman oder einen Film?

Wahrscheinlich einen Film, weil die Anstrengung des Romanschreibens Giganten vorbehalten ist. Mein letztes Buch wurde leider von den Leitmedien kaum besprochen. Die Verhältnismäßigkeit stimmt beim Prosaschreiben nicht. Du hast da eine enorme Anstrengung, du verdienst nichts und bekommst nicht einmal Resonanz. Ich habe es mal mit einer wahnsinnigen Besessenheit betrieben, aber im Moment ist es gerade vorbei. Aber Filme sind ja leicht zu machen.

Hat Fassbinder eigentlich Nachfolger im deutschen Kino?

Nur mich.