Humboldt-Forum

Humboldt-Uni im Schloss bietet Wissenschaft zum Anschauen

Von Fischschwärmen, Urzeitechsen und alten Dialekten: Die Humboldt-Universität macht mit ihrer Schau im Schloss Forschung greifbar.

Die HU hat im Schloss ein 150 Quadratmeter großes Foyer und einen 600 Quadratmeter großen Ausstellungsraum zu bespielen.

Die HU hat im Schloss ein 150 Quadratmeter großes Foyer und einen 600 Quadratmeter großen Ausstellungsraum zu bespielen.

Foto: Humboldt-Universität Berlin / HU Berlin

Der Kosmograph ist ein 25 Meter hoher Medienturm, der im Foyer des Humboldt Forums steht. Er besteht aus fünf unterschiedlich großen, im Grundriss dreieckigen Modulen, die mit tausenden von LED-Lämpchen bestückt sind und auf denen die Akteure im Haus für ihre Ausstellungen und Projekte werben können.

Die Humboldt-Universität (HU), nach der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und dem Stadtmuseum Berlin der kleinste Aussteller im rekonstruierten Stadtschloss, hat dafür ein besonders eindringliches Symbol gefunden: einen Fischschwarm, eine silbrig schimmernde, sich in Strudeln mit faszinierender Ordnung bewegende Vielheit von Lebewesen.

Sobald die Ausstellung der HU zugänglich ist – angepeilt wird der 7. Januar –, wird dieser Schwarm hin und wieder auf dem Kosmographen zu sehen sein und dauerhaft auf einem Vorhang im ersten Stock des Gebäudes. Die HU hat dort, zum Lustgarten hin und direkt am Ausgang der Berlin-Ausstellung, ein 150 Quadratmeter großes Foyer und einen 600 Quadratmeter großen Ausstellungsraum zu bespielen.

Der Fischschwarm reagiert auf Besucher

Mittels ausgefeilter Projektionstechnik wird der Schwarm auf dem Vorhang interaktiv auf die Besucher reagieren können: Er weicht aus, sobald man sich ihm nähert und kann sogar in Panik geraten, wenn das zu viele Menschen gleichzeitig tun; ganz so, wie er es auch in Bedrohungslagen durch Haie oder Delphine tun würde.

„Der Fischschwarm ist ein einfaches, aber auch ein schönes Bild, in das man emotional eintauchen kann. Es sagt dem Besucher: Du als einzelner hast mit deinem Verhalten Auswirkungen auf die Welt, die dich umgibt. Dieses Bild ist leitend für die gesamte Ausstellung“, sagt Gorch Pieken, der als Kurator mit seinem Team innerhalb von zwei Jahren die Präsentation der HU realisiert hat.

Pieken, Jahrgang 1961, ist durch und durch Museumsmensch und ein begeisterter Vermittler. Der promovierte Historiker war bereits zuständig für den Bereich Neue Medien am Deutschen Historischen Museum, er leitete Neukonzeption und -bau des Militärhistorischen Museums in Dresden, dem er von 2011-2017 auch als wissenschaftlicher Direktor vorstand. Aktuell arbeitet er für das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam, das ihn als Chefkurator an die HU ausgeliehen hat. Pieken kann so begeistert von seinem Projekt berichten, dass man es schade findet, es noch nicht besichtigen zu können.

Die ganze Erde auf ausfahrbaren Rollos

Dabei ist das Thema hochkomplex, wie das mit Wissenschaft nun einmal so ist. Der Fischschwarm ist der Ausgangspunkt, um die sogenannten Exzellenzcluster Berlins vorzustellen. Mit insgesamt 196 Millionen Euro fördert der Bund über einen Zeitraum von sieben Jahren diese Forschungsverbundprojekte, das Land Berlin gibt noch weitere sechs Millionen dazu.

Dazu zählt der Cluster „Matters of Activity“, der mit mehr als 40 Einzeldisziplinen Designstrategien für Materialien und Strukturen für spezifische Anforderungen entwickelt. „Es geht nicht nur um organisches, sondern auch um anorganisches Schwarmverhalten, um die Aktivität von scheinbar passivem Material“, erläutert Pieken.

Viele Wissenschaftler kommen auf einer 125 Quadratmeter großen Wand im Hauptsaal zu Wort, für die Pieken und sein Team eine neue Präsentationsform entwickelt haben: ausfahrbare Rollos, die sich den jeweiligen Projektionserfordernissen aktiv anpassen. Auf ihnen wird auch ein weiteres Thema der Ausstellung präsent sein: die menschengemachte Umweltzerstörung, der Klimawandel und seine Folgen. Bei voll ausgefahrenen Rollos kann hier auch eine sechs Meter hohe Flutwelle abgebildet werden oder ein Satellitenfilm der aufgehenden Erde.

Als Kurator sieht Pieken auch auf eine Aufgabe darin, sich den Traditionen zu stellen, die sich aus den umfangreichen Sammlungen der HU ergeben. Alle Objekte werden nach ihrer Herkunft befragt, einige stammen noch aus der Kunst- und Wunderkammer der preußischen Könige im alten Berliner Schloss.

Auch um die Ausstellung als Vortragsraum nutzen zu können, hat das Team an sechs Säulen im Saal einen Schnürboden eingezogen, von dem nun Objekte mit sogenannten Pantographen heruntergelassen werden können – 38 insgesamt, die wiederum zur Multimediawand in Verbindung stehen: die Fährtenplatte einer Urzeitechse zum Beispiel; ein Modell, das an den Bergsturz von Goldau erinnert, eine Naturkatastrophe in der Schweiz im Jahr 1806; oder eine simple Plastikflasche, die 40 Jahre lang im Ozean schwamm.

Zeitzeugenberichte aus dem Krieg 1870/71

Teils werden diese Objekte durch Plexiglas geschützt sein, teils aber können sie auch angefasst werden. Exponate von Mördermuscheln bis zu Porzellanäpfeln aus dem Obstkabinett ergänzen in den Fensternischen die Präsentation - während das Lautarchiv der HU in Kombination mit Fotografien des Hahne-Niehoff-Archivs ein Erlebnis ganz eigener Art verspricht, eine bebilderte Zeitreise zu Sprachaufnahmen.

Zur Dokumentation des ländlichen Lebens während der Weimarer Republik gesellt sich eine Sammlung von 733 Dialektaufnahmen, die älteste ihrer Art in Deutschland, darunter sogar Zeitzeugenberichte aus dem Krieg von 1870/71. „O-Töne des Alltags und persönlicher Erinnerungen. Ein bislang ungehobener Schatz“, sagt Pieken. Seine Ideen wecken Vorfreude auf eine stärkere Sichtbarkeit des Wissenschaftskosmos, der sonst für viele Menschen unzugänglich bleibt. Um das zu ändern, scheut Pieken auch den emotionalen Zugang nicht.