Konzertkritik

Sanfter Wagner, reifer Britten, ruhiger Haydn im Konzerthaus

Das Konzerthausorchester mit Sopranistin Anna Prohaska bietet einen ansprechenden Abend zu Corona-Zeiten: Schlank, aber nicht dürftig.

Singt Rimbaud-Lieder von Benjamin Britten: Sopranistin Anna Prohaska.

Singt Rimbaud-Lieder von Benjamin Britten: Sopranistin Anna Prohaska.

Foto: Holger Hage / DG

Der Abend des Konzerthausorchesters mit seinem ehemaligen Chefdirigenten Iván Fischer am Pult und der Sopranistin Anna Prohaska ist ein Lehrstück: dafür, wie man eine kulturelle Grundversorgung nach Monaten wiederherstellt, doch originell bleibt und sich zugleich auch noch emotional der Situation anpasst.

Die Situation ist für das Publikum weiterhin dürftig, für die Konzertveranstalter weiterhin dramatisch: Eine etwas dichtere Sitzordnung, die mehr Besucher zulassen würde, wird wohl erst in Kürze Wirklichkeit. Wo sich im Alltag die Angststarre allmählich auflöst, da ist sie im Konzertsaal noch vorhanden. Es ist weiterhin ungewohnt, dieses freudlos laborhafte Rein-Raus ohne Pause, als sei ein Konzerthaus ein Bahnhof.

Zuversicht und Zukunft für das Publikum

Der Gestus des Konzerts ist ruhig, zugewandt, schlank im Ausdruck. Richard Wagners „Siegfried-Idyll“ etwa ist zwar von einem nachweislichen Egomanen komponiert, aber in seiner Innerlichkeit und bescheidenen Meisterschaft unter dessen Kompositionen eine Ausnahme.

Einst sollte es im Bayreuther Haus Wahnfried einem schlafenden Baby und einer erschöpften Mutter zugleich Wonne schenken, jetzt zeigt es einem dankbaren Publikum musikalisch Zuversicht und Zukunft.

Das Orchester fasst das Stück mit sanfter Hand an, lässt die Musik ohne prätenziöses interpretatorisches Zutun von selbst wirken. Die Streicher spielen klare Linien ohne Schmalz, die Bläser liefern einen hellen Klang im klaren Fokus.

Anna Prohaska in Schwarzweiß auf einem Podest

Das gilt auch für den Gesang der „Artist in Residence“ Anna Prohaska, mit der das Konzerthaus vor Corona natürlich ganz andere Dinge plante, als sie jetzt auf dem Programm stehen. Immerhin wird die eigentlich geplante Arbeit an Werken des 20. Jahrhunderts kompensiert durch die „Illuminations“-Lieder von Benjamin Britten – ebenmäßige und doch moderne Vertonungen von rätselhaften Gedichten Arthur Rimbauds.

Prohaska thront in originellem schwarz-weißem Outfit stehend auf einem Podest, das Orchester zu Füßen. Man merkt, dass die bisher immer noch jugendliche Agilität in der Stimme des Staatsopern-Stars mehr und mehr etwas tonlich Reiferem weicht.

Haydns Oxford-Sinfonie im beruhigenden Fluss

Stimme ist immer im Wandel – wo es hingeht, scheint noch offen, so angenehm ihr Sopran auch klingt. In den schräg zur Zeit der 1930er-Jahre stehenden Rimbaud-Liedern beweist Prohaska ihre Fähigkeit, Text über seinen Sinn zu Klang zu machen und nicht einfach nur Worte professionell zu formen.

Iván Fischers Dirigat von Haydns später Oxford-Sinfonie widmet sich nicht mit spitzen Fingern den Haydnschen musikalischen Überraschungen – wie etwa das Thema des ersten Satzes, das rhythmisch auf dem falschen Fuß zu beginnen scheint –, sondern die Interpretation bindet alles in einen beruhigenden Fluss ein.

Es ist deshalb nicht gleich routinierte Klassik-Show – keineswegs. Aber Überraschungen gibt es ja im Corona-Kulturbetrieb schon genug.