Kunstforum der Volksbank

Die todgeweihte Lebenslust der 1920er-Jahre

Das Kunstforum der Berliner Volksbank zeigt die Schau „Die wilden 20er – Nach(t)leben einer Epoche“

Clemens Gröszer, Triptychon Grand Café (Café Einstein), 2007-2011

Clemens Gröszer, Triptychon Grand Café (Café Einstein), 2007-2011

Foto: Gröszer, 2020, Werkfoto: Peter Adamik

Wenn man an die glamourösen 1920er-Jahre denkt, denkt man zuallererst an Vergnügen, an Ausdauer, an lange, durchgetanzte Nächte und an Tage, die man nicht vergessen möchte. Genau das haben auch wir uns in unseren 2020ern erhofft, doch bislang hat uns nichts davon erreicht. Der Lebensstil der goldenen 1920er ist im 20. Jahrhundert verblieben. Die Kunst mit ihren Stilrichtungen allerdings ist mit der Zeit mitgereist und wurde von mehreren Künstlern in den vergangenen 60 Jahren immer wieder aufgegriffen. Die Neue Sachlichkeit und der Magische Realismus wurden für viele Künstler zu einem Vorbild ihrer eigenen Kunstform.

Traurige Partygäste

Das Kunstforum der Berliner Volksbank hat genau das zum Anlass genommen, um aus der Kunstsammlung der Berliner Volksbank und ein paar wenigen Leihgaben eine Ausstellung zusammenzustellen. Werke unter anderem von Otto Gleichmann, Britta von Willert oder Hartmut Neumann kann man in der dreiräumigen Ausstellung bewundern und in gegensätzliche Welten des Feierns und der Tristesse eintauchen.

Gleich am Anfang begrüßt die Besucher ein vierteiliges, in Mischtechnik auf Holzfaserplatte gemaltes Gemälde des 1940 in Dresden geborenen Künstlers Volker Stelzmann. Es zeigt eine feiernde, etwas ungewöhnliche Gesellschaft; alle sind verrückt gekleidet und bewegen sich in scheinbarer Ausgelassenheit. Schaut man jedoch genauer hin, kann man an ihren bleichen oder grünen Gesichtsfarben, an ihren traurigen, unzufriedenen Gesichtern erkennen, dass es ihnen überhaupt nicht gut geht. In jedem einzelnen dieser Gemälde verstecken sich die Gefühle von Wut, von Trauer, von Einsamkeit. Die Freude bleibt ein Funke.

Otto Dix, neu gedeutet

Das Triptychon „Grand Café“, ein Ölgemälde des Berliner Malers und Bildhauers Clemens Gröszer (1951-2014), krönt den zweiten Raum. Mit den bunten Farben, der detaillierten Ausführung des Geschehens und der Größe wird der Betrachter in das Stelldichein von herausgeputzten Berühmtheiten wie Karl Lagerfeld oder Udo Lindenberg hineingezogen. Alle sind da, um gesehen zu werden. So passiert es leicht, dass der Bettler in der unteren, linken Ecke übersehen wird. Niemand beachtet ihn. Gröszer greift wunderbar die verleugnete Schattenseite der 1920er-Jahre auf und setzt sie in Verbindung zur Gegenwart. Auch Roland Nicolaus, ein in Berlin geborener Maler und Grafiker, zeigt in seinem Ölgemälde ‚Influencer‘, dem jüngsten Gemälde der Ausstellung (2018), den Gegensatz von Glamour und Armut. Hier ersetzt er die alten, traurigen Kriegsverletzten des Gemäldes ‚Die Skatspieler‘ von Otto Dix mit jungen, hippen Männern, die alle mit ihren Handys spielen und aneinander desinteressiert sind. Sie werden von einem dunkelhäutigen Kellner bedient, unter ihrem Tisch sieht man einen Hund, der eine Deutschlandflagge umarmt und neben ihnen sucht eine Person im Müll nach Pfandflaschen.

Eine ungewöhnliche Zeitreise

Die ganze Ausstellung wirft den Besuchern das blühende Leben, die „Vergnügungssucht der Zeit“ entgegen und schmeißt einen immer wieder zurück in die trockene, triste Realität. Die vom Hamburger Modedesigner Karl Lagerfelds dusteren, mit Liebe und Arroganz gefüllten Fotos runden das Ganze am Ende schön ab und führen nach der ungewöhnlichen Gegenwartszeitreise zurück in die jetzige Realität. Eine Ausstellung, die sehenswert ist, jedoch mit einem Pulli besucht werden sollte, da die Räume recht ambitioniert klimatisiert sind.

Kunstforum der Berliner Volksbank, Kaiserdamm 105, Charlottenburg. Bis 13. Dezember. Geöffnet Di.-So. 10-18 Uhr.