Ausstellung

Gesichter einer Stadt

23 Fotografen zeigen in der Schau „Berlin 1945 – 2000“ in den Reinbeckhallen, wie sich der einzelne Mensch in einer Metropole selbst behauptet.

Miron Zownir suchte die Abgründe der Stadt: Das Foto aus der Serie „Berlin Noir“ entstand 1979 in West-Berlin.

Miron Zownir suchte die Abgründe der Stadt: Das Foto aus der Serie „Berlin Noir“ entstand 1979 in West-Berlin.

Foto: Miron Zownir

Der Weg durch die Ausstellung „Berlin 1945 – 2000“ ist insofern mühsam, weil der Besucher jenseits von Jahreszahlen und Fotografennamen eigentlich nur wenig Anhaltspunkte bekommt. In den großen, hohen Räumen der Reinbeckhallen sind Serien von 23 Fotografen und Fotografinnen nebeneinander gehängt. Das also ist Berlin vom Kriegsende bis zum Jahrhundertende? Gezeigt werden die verschiedenen Gesichter einer Stadt. Allein dafür lohnt sich die Mühe eines Besuchs. Vertreter der Genres Dokumentar-, Straßen-, Architektur-, Konzept- und Experimentalfotografie werden präsentiert. Es gibt weder eine ästhetische Klammer noch eine prägende Handschrift und schon gar keine politische Agenda. Das ist überraschend, aber die Vielfalt lässt neue Einblicke zu.

Die Kanadierin Candice M. Hamelin hat die Ausstellung kuratiert. Sie wirft quasi von außen den Blick ins Innere der Fotos. Sie hat ein Gespür dafür, den oft ganz intimen Freiheitswillen von Menschen in einer Großstadt zu entdecken. Diese individuelle Selbstbehauptung muss nichts Plakatives, nicht Schillerndes haben. Im Gegenteil, sie kann heute spießig und unbeholfen anmuten. Und ist gerade deswegen berührend.

An der Universität von Michigan hatte die Kanadierin über ostdeutsche Fotografie promoviert, sie lebt jetzt in Berlin. Sie betont, in der Ausstellung nicht die Spaltung zwischen Ost und West thematisieren zu wollen. In der praktischen Umsetzung kommt sie, was historisch naheliegend ist, doch nicht ganz drumrum. Der mittlere Raum wird durch eine schräge Querwand, nennen wir sie ruhig mal Mauer, geteilt. Auf der einen Seite befindet sich die konzeptuelle Serie „Oranienstraße“ von Karl-Ludwig Lange. Der Mindener war 1967 nach West-Berlin gekommen und hatte hier Fotografie studiert. Seine 1977 entstandene Serie zeigt dicht an dicht die Geschäfte der Oranienstraße. Wie es einmal war. Auf der Rückseite der Querwand hängen Fotos von Maria Sewcz, die heute an der Ostkreuzschule für Fotografie lehrt. Sie war Mitte der 80er-Jahre mit ihrer Kamera durch Ost-Berlin gestreift. Da wirft der Fernsehturm übermächtig seinen Schatten auf die Stadt, Menschen werden verdeckt oder nur in Ausschnitten gezeigt.

Schräg gegenüber befindet sich die „Schmuddelecke“ des Fotografen, Filmemachers und Schriftstellers Miron Zownir, der 1975 nach West-Berlin kam und sich vor allem für Motive aus der Unterwelt, aus Bordellen und SM-Clubs interessierte.

Karl-Ludwig Langes Schnappschuss von aufgeregten Menschenmassen auf der gerade geöffneten Mauer am Brandenburger Tor ist zu sehen, daneben hängt ein Foto von Sibylle Bergemann, das eine Frau mit Kopftuch zeigt, die in Gedanken versunken an der beschmierten, überflüssigen Mauer entlang läuft. Das historisch Besondere und das Alltägliche liegen oftmals dich beieinander.

Gleich am Eingang hängen Herbert Hensky Bilder, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind. Ein Foto zeigt die legendären „Trümmerfrauen“, ein weiteres zwei Jungs mit kurzen Hosen beim Angeln im Jahr 1947. Im Wasser spiegeln sich bedrohlich die Ruinen der zerbombten Stadt.

Die Ausstellung ist überwiegend in Schwarzweiß, aber Harf Zimmermanns weitschweifender Blick vom Maritim Grandhotel über die Friedrichstraße hinweg offenbart im farbigen Abendlicht eine Stadt im völligen Umbruch. In den 90er-Jahren wird Berlin von Kränen und Partywilligen beherrscht. Im Jahr 2000 endet die Schau. Seither hat sich vieles verändert. Auf den zweiten Blick wird einem klar, dass Candice M. Hamelin in ihrer Ausstellung tatsächlich das zeitlich Abgeschlossene und das Verlorene versammelt hat. Die Motive der untergegangenen DDR finden 1990 ihr Ende, und das alte West-Berlin musste ungefähr zehn Jahre später dem Selbstanspruch der neuen Bundeshauptstadt weichen.