Theater

Küsse mit Abstand: „Bella, Boss und Bulli“ am Grips Theater

Wie sortiert man als Kind nach einem Umzug sein Leben neu? Regisseur Robert Neumann zeigt den Klassiker von Volker Ludwig.

Werden in eine Erpressergeschichte verwickelt: Bella (Anke Retzlaff), Bulli (Ludwig Brix)  und Marcel Herrnsdorf (v. l.).

Werden in eine Erpressergeschichte verwickelt: Bella (Anke Retzlaff), Bulli (Ludwig Brix) und Marcel Herrnsdorf (v. l.).

Foto: David Baltzer / bildbuehne.de

Bella ist bockig. Weil sie eigentlich gar nicht umziehen wollte und von ihrer Mama nicht einmal gefragt wurde, versteckt sich das siebenjährige Mädchen lieber in einem der unzähligen Umzugskartons. Bella fühlt sich einsam, weil ihre Mutter nur wenig Zeit für sie hat und viel arbeiten muss.

„Zu Hause war alles viel besser, da hatte ich Freunde. Hier in der doofen neuen Wohnung bin ich ganz alleine“, murmelt das blonde Mädchen mit Pferdeschwanz, als sie sich auf die Suche nach den nächsten Eisladen begibt und dabei zufällig zum ersten Mal den beiden Jungs Boss und Bulli begegnet.

„Arbeit in diesen Zeiten ist eine große Chance“

Die Premiere sollte eigentlich bereits im Mai stattgefunden haben, musste aber wegen Corona verschoben werden. Regisseur Robert Neumann schafft es, trotz der Abstandsregelungen Emotionen auf die Bühne zu bringen. Die Schauspieler Anke Retzlaff (Bella), Marcel Herrnsdorf (Boss) und Ludwig Brix (Bulli) strecken anstelle von Umarmungen einfach ihre Arme ganz weit auseinander und ahmen auf diese Weise innigen Körperkontakt nach. Küsse werfen sie einander durch die Luft zu. „Überhöhungen helfen, formale Lösungen und choreographierte Elemente sind wunderbar, um Spannungen im Raum zu erzeugen“, so Neumann. „Ich sehe in diesen Arbeiten zu Zeiten der Pandemie eine große Chance, indem wir herausfinden, was Theater noch alles kann. Und das ist eine Menge, auch wenn die Sehnsucht nach Nähe natürlich bleibt.“

Es geht auch um Gentrifizierung und Mobbing

Das sind Herausforderungen, die es bei der Uraufführung von „Bella, Boss und Bulli“ von Theaterleiter Volker Ludwig am Hansaplatz 1995 noch nicht gab. Das Thema des Stücks sei laut Neumann auch nach rund 25 Jahren noch nach wie vor aktuell. „Die Geschichte der Kinder, die aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gefügen kommen, sich im Verlauf des Stückes annähern und kennenlernen, ihre Geheimnisse entdecken, um am Ende den Wert der Freundschaft zu feiern, ist heute und auch in zehn Jahren erzählenswert.“ Im Stück werden außerdem Themen wie die Folgen von Gentrifizierung und Mobbing aufgegriffen.

Es handelt davon, wie sich die rebellische Bella Schneider in ihrem neuem Umfeld doch noch langsam einlebt. Vor allem dadurch, weil sie in Victor Archibald Beck (genannt Boss) und Boris Buller (genannt Bulli), mit denen sie in eine Schulklasse geht und die sie anfangs ziemlich nervig findet, neue Freunde findet. Nachmittags treffen sie sich häufig bei Bella zu Hause und spielen. Doch die beiden Jungs werden vor einem älteren Jungen aus der Schule bedroht und ziehen Bella in eine aufregende Erpressungsgeschichte hinein.

Eine Harke wird zur Waffe

Obwohl es sich um ein Kindertheaterstück ab sechs Jahren handelt, muss man auch als Erwachsener hin und wieder mal loslachen. Zum Bespiel wenn Bella, Boss und Bulli Pläne schmieden, wie sie dem Erpresser Harke eine Falle stellen können, indem sie etwa, Achtung Wortspiel, eine Harke auf den Boden legen, auf die er zufällig tritt und die ihm dann ins Gesicht schellt. Oder indem sie Murmeln vor seinen Füßen ausstreuen, auf denen er ausrutschen soll. Wirklich süß gemacht und amüsant gespielt ist das. Ein Stück für alle Altersklassen, mit viel Humor und mit Widerhaken, die nachdenklich machen.

Grips Theater am Hansaplatz, Altonaer Str. 22, Tiergarten. Termine: 20. September., 2., 3. und 4. Oktober. Eintritt 12 Euro, ermäßigt 7 Euro.