Konzert-Kritik

Kirill Petrenko betont bei Dvorák das Schroffe

Überwältigung durch Schnelligkeit und Lautstärke: Berliner Philharmoniker spielen Antonín Dvoráks Sinfonie Nr. 5.

Berliner Philharmoniker, hier: Saisonauftakt unter Kirill Petrenko unter Corona-Auflagen.

Berliner Philharmoniker, hier: Saisonauftakt unter Kirill Petrenko unter Corona-Auflagen.

Foto: Stephan Rabold

Nein, es ist kein Schreibfehler: Die Philharmoniker spielen tatsächlich Dvořáks Sinfonie Nr. 5. Und das liegt keineswegs nur an Kirill Petrenkos Faible für vernachlässigte Werke der Spätromantik. Es hat auch speziellere Gründe: Zum einen erweitert Petrenko damit schrittweise sein tschechisches Repertoire bei den Philharmonikern – nach Josef Suk im Januar folgt jetzt Antonín Dvořák, Suks Schwiegervater und großes musikalisches Vorbild. Zum anderen verweist Petrenko damit auf Johannes Brahms, mit dem die Philharmoniker gerade in ihre aktuelle Saison gestartet sind. Denn wenn man so will, hat Brahms großen Anteil an Dvořáks Sinfonie Nr. 5 gehabt. Entstanden nämlich ist das Werk 1875 in einer Art Schaffensrausch, kurz nachdem Dvořák einen Wiener Kompositionswettbewerb gewonnen hatte – mit Brahms in der Jury.

Und wenn das kein Zufall ist: Vor fünf Tagen erst haben die Philharmoniker Beethovens Sinfonie Nr. 6 gespielt, die sogenannte „Pastorale“ in F-Dur. Dvořáks Sinfonie Nr. 5 nun steht ebenfalls in F-Dur. Und gilt ebenfalls als „Pastorale“, vor allem wegen der blühenden Klanglandschaften und melodischen Schönheiten der ersten drei Sätze. Wobei Petrenko da wohl anderer Ansicht ist: Er deutet Dvořáks vermeintliche „Pastorale“ hörbar vom deutlich leidenschaftlicheren Finale aus. Er betont das Schroffe, setzt auf Überwältigung durch Schnelligkeit und Lautstärke. Und scheint sich dabei an Kubelíks zackiger Aufnahme von 1972 mit den Berliner Philharmonikern zu orientieren. Mit dem Unterschied freilich, dass die Blechbläser unter Petrenko nun noch mehr knattern und die Holzbläser noch mehr stechen. Das Resultat: ein schonungslos vorwärtsdrängender Dvořák, ohne atmosphärische Weiten und klangliche Feinheiten. Was nicht weiter stören würde, wenn da nicht zusätzlich die coronabedingten Schwierigkeiten mit der Balance wären: Bläser und Streicher mischen sich häufig nicht, einzelne Blech- und Holzbläser führen phasenweise ihr Eigenleben.

Oder hat es doch eher mit dem Stück selbst zu tun? Bei Alban Bergs Violinkonzert zu Beginn jedenfalls fallen die Abstimmungsprobleme der Philharmoniker kaum ins Gewicht. Vielleicht auch, weil Bergs Partitur viel komplexer ist und kein Zuhörer sie jemals ganz erfassen könnte. Anderseits hat Berg hier Töne und Klänge gefunden, die sehr unmittelbar und persönlich sprechen. Die Philharmoniker und Solist Frank Peter Zimmermann sind sich hier sehr einig: Ihr Spiel ist geprägt von Ernst und Bedeutungsschwere, von sinfonischem Miteinander und luxuriöser Qualitätsarbeit.